Hesses Frauen und ein Ausflug nach Montagnola

Hesse_Heumond

Irgendwann während meiner Buchhändlerlehre oder kurz danach las ich das erste Mal etwas von Hermann Hesse. Es waren frühe Erzählungen. »Heumond« erschien damals in der Reihe »Taschenbibliothek der Weltliteratur« im Aufbau-Verlag. Das war eine Lizenzausgabe des Suhrkamp-Verlags, der diesen Titel heute noch in seinem Programm hat. Hesse wurde in der DDR kaum verlegt, war im Gegensatz zu Thomas Mann beispielsweise kein Schullesestoff. Trotzdem soll er sehr beliebt gewesen sein. Leider fand ich bei meiner Schnellrecherche im Internet fast nichts über die Hesse-Rezeption in der DDR. Möglicherweise waren teure Lizenzen ein Grund, Hesse selten zu verlegen oder was wahrscheinlicher ist, passten seine Werke nicht zur sozialistischen Ideologie. Hesse hasste zwar alles Bürgerliche, hatte aber doch eher nicht so erwünschte einzelgängerische und anarchistische Tendenzen in seinem Leben und Werk.

Die romantisch angehauchten Erzählungen im »Heumond«-Bändchen gefielen mir jedenfalls sofort. Trotzdem dauerte es über 20 Jahre bis ich wieder etwas von Hesse las… Ich hatte mir damals vorgenommen, mehr Weltliteratur zu lesen und entdeckte in der schönen Reihe der Süddeutschen Zeitung mit den besten Werken dieser Kategorie, den Band »Unterm Rad«. Ich war begeistert und las kurz darauf noch »Demian« und »Klingsors letzter Sommer« und vor kurzem »Knulp«. Das machte mir Lust, mich jetzt auch an die umfangreicheren Werke wie »Steppenwolf« heran zu wagen.

Ich recherchierte auch über Hesses Leben und fand heraus, wo es Hesse-Museen gibt. Eins davon und zwar das in Montagnola im Tessin lag wunderbar günstig auf unserer Italien-Sommer-Reiseroute. So war es auch ganz klar, dass in mein Urlaubsbüchergepäck unbedingt etwas Biografisches über Hesse musste. In der Bibliothek fand ich von Bärbel Reetz »Hesses Frauen«. Die Autorin ist offenbar auch eine Kennerin des Umfelds von Hermann Hesse, denn zuvor erschien von ihr schon eine Biografie über Emmy Ball-Hennings und ein Briefwechsel zwischen dem Dadaistenpaar Ball und Hermann Hesse. Außerdem schrieb sie »Die russische Patientin« über die Psychoanalytikerin Sabina Spielrein. In »Hesses Frauen« wird das Familien- und Innenleben des Autors beschrieben und mit vielen Zitaten aus Briefen, Tagebüchern, Interviews sehr anschaulich gemacht. Es ist keine trockene vor allem die Werke analysierende Biografie. Die Autorin schreibt eben auch Romane und diese mehr erzählende Sprache bereichert das Buch sehr. Ich konnte mich sehr gut in die jeweiligen Schauplätze und Personen hineinversetzen. Am Anfang des Buches geht es zum Beispiel um die Suche Mias nach einem Haus für die Eheleute. Die Beschreibung von Gaienhofen ließ viele Bilder in mir entstehen, die ich dieses Jahr auf unserer Reise nach Italien gern mit der Realität abgleichen möchte. Beim Lesen war ich überrascht und fast entsetzt darüber wie unfähig Hesse doch als Familienmensch war und hatte sehr viel Mitgefühl vor allem mit seiner ersten Frau Mia und dem zweiten Sohn Martin, den Hesse lange Zeit ablehnte. Mir war zwar klar, dass die Romanfiguren Hesses sicher auch ein persönliches Abbild des Autors sind. Ich hatte aber nicht damit gerechnet, dass seine vehemente Verteidigung der persönlichen Integrität fast zur Unfähigkeit führte, eine beide Seiten befriedigende Partnerschaft einzugehen und ein Familienleben zu führen. Erschwerend hinzu kam sicher auch Hesses unverarbeitete Beziehung zu seiner Mutter. In seinen Geliebten suchte er wohl auch immer wieder einen Mutterersatz. Umso mehr beruhigte es mich, als ich las, dass er in seinen späten Lebensjahren fast schon eine Aussöhnung mit Mia erlebte und auch zu den Enkeln seiner Söhne einen guten Kontakt pflegte.

Montagnola_MuseumHesses Leben und Werk ist eng mit der Schweiz verbunden. Seit 1912 hatte er seinen Wohnsitz dort. Dennoch ist sein Nachlass nach Marbach gegangen, auf Wunsch seiner letzten Ehefrau Ninon und gegen den Willen seiner Söhne. In der Schweiz gibt es eine Hesse-Stiftung und das wunderbare Museum in Montagnola. In dessen Nachbarschaft wohnte Hesse viele Jahre. Leider werden sowohl die Villa Rossa also auch die Casa Camuzzi privat genutzt und sind für Besucher nicht zugänglich. Jedoch gehört der Torre Camuzzi zum Gebäudekomplex in dem sich auch Hesses erste Wohnung in Montagnola befand. Wir hatten in Arona direkt am Lago Maggiore übernachtet und fuhren am nächsten Morgen über Lugano am Luganersee eine steile Serpentinenstraße, vorbei am Friedhof mit Hesses Grab, nach Montagnola. Kontaktfreudige Deutsche, die im Tessin wohnen, zeigten uns den Weg zum Hesse-Museum und wir fanden durch enge Gassen schnell dorthin. Das schmale Haus mit nur wenigen Ausstellungsräumen war gut besucht von internationalem Publikum. Zwei ältere Damen am Einlass, denen man ihre Begeisterung, in diesem Kleinod arbeiten zu dürfen, angenehm anmerkte, empfingen die Besucher immer in der jeweiligen Landessprache. Eigentlich hatte ich in diesem Museum keine besondere Kinderfreundlichkeit erwartet. Umso mehr überraschte es mich, dass dies dennoch der Fall war. Mal ganz abgesehen davon, dass Kinder bis 12 Jahre keinen Eintritt zu zahlen brauchen, gab es für die Kleineren einen Maltisch und unser zehnjähriger Sohn begeisterte sich für die Sonderausstellung mit Hesses Schmetterlingssammlung. Montagnola_KnulpEr machte uns auch auf die Schildkröte im Garten aufmerksam. Ich wollte es erst gar nicht glauben, aber zum Museum gehört eine Schildkröte namens »Knulp«, die wie ihr Namensvetter unablässig auf Wanderschaft ist. Sie besitzt ein eigenes Häuschen als auch für sie extra angefertigte Rampen, damit sie im Garten überall lang spazieren kann. Leider hatten wir zuwenig Zeit, um mal ausführlicher in den überall herumliegenden Büchern zu blättern, das Literaturcafé zu besuchen oder gar Hesses Malerwanderwege zu erkunden. Für einen Teil davon ist hoffentlich auf unserer diesjährigen Reise nach Italien Gelegenheit.

Zu Hesse als Vater kann man Interessantes in einem Interview mit seinem Sohn Heiner auf wissen.de erfahren. Zur Zeit lese ich die Biografie »Der Wanderer und sein Schatten«, über die ich sicher auch noch schreiben werde.

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