Die Banalität des Bösen

Gedanken über Hannah Arendt

In den Achtzigerjahren habe ich in Dresden »Bruder Eichmann« von Heinar Kipphardt im Theater gesehen und kann mich noch gut erinnern, wie wir über den Schreibtischtäter Adolf Eichmann diskutiert haben. Bis dahin wusste ich über den im Stück thematisierten Prozess in Israel nichts. Von Hannah Arendt hörte ich nach der Wende zum ersten Mal.

Die Motive des Adolf Eichmann

Vor einem Jahr sah ich den Kinofilm über sie und im Sommer las ich die Biografie von Alois Prinz »Hannah Arendt oder die Liebe zur Welt«. Seitdem beschäftigt mich ihre These über Eichmann, die mit der Kernaussage über die Banalität des Bösen bekannt wurde. War er nun wirklich »nur« ein Bürokrat, Karrierist und Befehlsausführer oder nicht doch auch oder überhaupt ein antisemitischer Überzeugungstäter? Eichmanns Aussagen und sein Auftreten vor Gericht scheinen die Behauptung von der Banalität des Bösen zu untermauern. Allerdings trat er schon 1932 in die österreichische NSDAP und die SS ein. Meiner Meinung nach zu früh, um das nur der Karriere willen zu tun. Ist es überhaupt möglich, sich in einem solch hohem Maße wie Eichmann es tat, an der Vorbereitung der Vernichtung der europäischen Juden zu beteiligen, ohne aus tiefster Seele ein Antisemit zu sein? Nachweislich hat Eichmann ja auch an Exekutionen teilgenommen, hat Vernichtungslager wie Auschwitz-Birkenau „besichtigt“. Er saß also auf keinen Fall nur am Schreibtisch, auch wenn er nie gegen einen Menschen handgreiflich wurde. War Eichmann ein Mensch, der nicht fähig war zu denken im Sinne der Definition von Hannah Arendt, wonach Denken bedeutet, auch in schwierigen Momenten das Richtige zu tun, das Gute vom Bösen zu unterscheiden? Nicht zuletzt beweisen die sogenannten Sassen-Protokolle, die Eichmann in Argentinien mit einem überzeugten Nazi-Journalisten führte, dass er nicht das kleine Rädchen im Getriebe war, dessen Rolle er im Prozess wohl mehr oder weniger doch spielte. Er meinte darin unter anderem, dass er befriedigt gewesen wäre, wenn 10,3 Millionen Juden ermordet worden wären (wie eigentlich wohl geplant), denn »dann hätten wir einen Feind vernichtet«. Aufschlussreich ist dazu auch ein Beitrag aus der »Süddeutschen Zeitung« aus dem Jahr 2011. Hannah Arendt kannte laut wikipedia diese Protokolle nur auszugsweise und hielt zeitlebens an ihrer These hinsichtlich Eichmanns festhielt.

Täter und Verbrecher haben, das ist auch meine Meinung, oft mehr Gemeinsamkeiten mit den sogenannten »normalen« Menschen als Unterschiede. Und doch fühlte sich Hannah Arendt falsch verstanden, wenn davon gesprochen wurde, dass die Banalität des Bösen bedeuten würde, dass in jedem Menschen ein »Eichmann« stecke. Es spielen schon ganz viele Aspekte eine Rolle bevor jemand zum Täter oder zur Täterin wird. Neben der von Hannah Arendt bevorzugten These des nicht vorhandenen Denkens, meiner Ansicht nach auch die Unfähigkeit zu Empathie für Menschen, vor allem für diejenigen, welche anders sind, als man selbst und noch viele andere Dinge wie gewaltgeprägte Sozialisation, fehlende Bildung sowie Mut sich nicht so zu verhalten wie vermeintlich alle anderen.

Die These von der Mitschuld der Judenräte

Die Welt, insbesondere die jüdische, regte sich nicht nur über die scheinbare Verharmlosung Adolf Eichmanns durch Hannah Arendt auf. Es gab noch einen weiteren Aspekt, der sogar Drohungen des Mossads nach sich zog: Hannah Arendts These zur Rolle der Judenräte im Holocaust, die sinngemäß lautete: Hätten diese weniger mit den Nazibehörden kooperiert, wären möglicherweise weniger Menschen deportiert worden.

Ich erinnere mich, wie ich versuchte mit meinem damals neunjährigen Sohn über den Holocaust zu sprechen und er fragte, wieso die Juden sich denn nicht gewehrt hätten, sie waren doch so viele. Aus der Sicht eines Kindes, das noch dazu das Ausmaß dieser Vorgänge nicht wirklich erfassen kann, ist die Frage sicher logisch, aber dürfen Erwachsene überhaupt nur darüber nachdenken, ob die Opfer auch noch selbst eine zumindest Teilschuld tragen? Ich denke irgendwie, dass es mir nicht zusteht, darüber zu urteilen. Die Angst damit die Schuld der Täter und Täterinnen auch nur teilweise zu rechtfertigen ist zu groß. Hannah Arendt dagegen war selbst Opfer und durfte meiner Meinung nach deshalb auch solche unbequemen Fragen stellen.

Die Querdenkerin Hannah Arendt

Was mich nun aber an der Persönlichkeit Hannah Arendts vor allem fasziniert, ist natürlich diese Beharrlichkeit, mit der sie für ihre Überzeugungen einstand, das Unbequeme an sich. Hinzu kommt auch noch, dass sie als Frau auf dem Gebiet der Philosophie oder als Politologin ja eine Ausnahmeerscheinung ist, in den Fünfziger- und Sechzigerjahren sowieso aber eigentlich ja bis heute. Diese Fachgebiete sind doch nach wie vor männerdominiert. Nicht nur in Sachen Eichmann-Prozess hat sie umstrittene Thesen aufgestellt. Sie sprach sich zum Beispiel auch für eine Einstaatenlösung in Israel aus, also Juden und Araber sollten in einem gemeinsamen Staat leben. Schon 1945 schrieb sie in der deutsch-jüdischen Exilzeitung »Aufbau«: »Ein Heim, das mein Nachbar nicht anerkennt und respektiert, ist kein Heim. Ein Jüdisches Nationalheim, das von dem Nachbarvolk nicht anerkannt und nicht respektiert wird, ist kein Heim, sondern eine Illusion – bis es zu einem Schlachtfeld wird.« In Israel ist sie auch wegen dieser antizionistischen Haltung bis heute nicht beliebt. Das Interesse an Hannah Arendt nimmt aber zu wie in einem Interview der taz (allerdings schon 8 Jahre alt) nachzulesen ist.

Hannah Arendt stand auch der antikommunistischen Hetze in der westlichen Welt kritisch gegenüber, unterschied zwischen ehemaligen Kommunisten, welche schon immer insbesondere das stalinistische System kritisch beurteilt hatten und Ex-Kommunisten, die sich dadurch auszeichneten, besonders eifrig in der Verfolgung aller kommunistischen Regungen zu sein. In ihrer Totalitarismusforschung differenzierte sie zwischen Diktaturen wie in der ehemaligen DDR und wirklichem Totalitarismus wie unter Stalin in der Sowjetunion oder in Nazideutschland.

Hannah Arendt schrieb auch über Rosa Luxemburg und hob ihre pazifistische und kritische Haltung zu den Methoden Lenins während der russischen Revolution hervor. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, dass die Schauspielerin Barbara Sukowa ja ebenfalls die Rosa Luxemburg verkörpert hat. Diesen Film habe ich mir in den Achtzigerjahren mehrmals angesehen, weil ich sowohl von der historischen Person, als auch von der Frau, die sie spielte, fasziniert war. Umso enttäuschter war ich jetzt, diese etwas hölzern und sehr nüchtern wirkende Hannah Arendt/Barbara Sukowa im Film zu sehen. Aber sicher wird dies der verkörperten Frau auch gerecht.

Empfehlenswert sind auf jeden Fall die Interviews, welche Günter Gaus in den Sechzigerjahren mit Hannah Arendt im Fernsehen geführt hat. Sie sind auf YouTube zu finden und ich war begeistert davon, ihre ansteckende Freude am Denken sozusagen ganz direkt miterleben zu können.

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