Sonntagsgedanken zur Dresdner Rede von Sibylle Lewitscharoff

Schon ein paar Tage hatte ich mir vorgenommen, die Dresdner Reden aus diesem Jahr zu lesen. Sophie vom Blog Literaturen machte mich dann diese Woche dankenswerter Weise als Erste auf den inzwischen auf allen Medienkanälen kommentierten Redebeitrag von Frau Lewitscharoff aufmerksam.

Als Dresdnerin finde ich es besonders befremdlich, dass es für diese Rede  mit ihren menschenverachtenden Äußerungen überhaupt einen Schlussapplaus im Schauspielhaus gab. Leider habe ich bisher niemanden gesprochen, der mit im Publikum saß. Ich kann ja gut verstehen, dass kein Zuschauer sein Missfallen durch Zwischenrufe geäußert hat. Wahrscheinlich hätte ich auch erstmal meinen Ohren nicht getraut, in diesem Rahmen und von einer vielfach ausgezeichneten und beachteten Autorin von »menschlichen Halbwesen« und Vergleichen mit den nationalsozialistischen Lebensbornheimen in Zusammenhang mit Reproduktionsmedizin zu hören. Aber einen braven Schlussapplaus kann ich nicht verstehen.

Außerdem enttäuscht es mich, dass sich das Staatsschauspiel Dresden und die Veranstalterin »Sächsische Zeitung« nicht gemeinsam von dieser Rede distanziert haben. Allein dem Chefdramaturgen des Staatsschauspiels Robart Koall, der einen offenen Brief an Frau Lewitscharoff schrieb, ist es zu verdanken, dass die breite Öffentlichkeit überhaupt von diesem Eklat erfuhr. Auf taz.de kann man noch mal genauere Hintergründe dazu erfahren.

Die »Sächsische Zeitung« schrieb in ihrem ersten Artikel am Montag mit der Überschrift »Der Fortschritt hat einen Pferdefuß« sogar, dass die Zuhörer »mit der Rede Stoff zum Nachdenken und Diskutieren bekommen haben, auch zur empörenden Reaktion auf die Empörung.« Sicher hat der Fortschritt einen Pferdefuß und es hätte mich sehr gefreut, wenn Frau Lewitscharoff wirklich eine Debatte zu den Themen Pränataldiagnostik, künstliche Befruchtung, Leihmutterschaft und Lebensverlängerung mittels medizinischer Hilfe angestoßen hätte, aber durch ihre vielen verletzenden Äußerungen hat sie solch eine Diskussion eigentlich gleich selbst beendet. Über die Existenz »menschlicher Halbwesen« kann niemand ernsthaft diskutieren wollen. Über die psychosozialen Auswirkungen von moderner Reproduktionsmedizin auf Kinder, die mit deren Hilfe gezeugt worden sind, könnte man sich schon Gedanken machen. Aber nicht nach so einer Rede, das geht für mich gar nicht.

Auf der einen Seite finde ich es gut, dass es jetzt einen medialen Aufschrei gibt, obwohl auch dieser nicht durchgängig ist, wie ausgerechnet im Beitrag auf börsenblatt.net nachzulesen ist. Dort spricht der Autor davon, dass »verunglückte Passagen« in einer Rede noch kein Skandal sind. Auf der anderen Seite gibt es meiner Meinung nach zu wenig Auseinandersetzung damit, warum sich die Autorin überhaupt auf diese Art und Weise äußerte. Es ist für mich wenig hilfreich, Frau Lewitscharoff jetzt mit Begriffen wie »christliche Fundamentalistin« zu charakterisieren oder ihr »klerikalen Faschismus« vorzuwerfen. Das geht mir zu weit und sieht für mich nach rhetorischer Gegenwehr aus, die absichtlich verletzen will.

Besser finde ich es schon, Frau Lewitscharoff zu befragen, wie sie denn diese ganzen diffamierenden Äußerungen gemeint hat und das geschieht in einem Interview auf faz.net ganz gut. Da taucht dann wieder diese unsägliche Formulierung »Darf ich nicht sagen, was ich denke?« auf. Es hätte doch jeder mal »schwarze Gedanken«. Genauso wie Robert Koall kann ich nicht glauben, dass ihr als Schriftstellerin, die Wirkung von Sprache nicht bewusst ist bzw. die Reaktionen darauf, für sie nicht vorhersehbar waren. Solch eine Rede wird ja nicht aus dem Stegreif gehalten, sie wird schriftlich ausformuliert und möglicherweise hat sie auch noch jemand anders als die Autorin im Vorfeld gelesen. Die Äußerung zu den »Halbwesen«, welche Frau Lewitscharoff auf faz.net noch verteidigte, nahm sie später dann doch zurück. Sie wollte offenbar wirklich niemanden beleidigen. Aber der von ihr gebrauchte Begriff ist nicht etwa eine überspitzte Formulierung  sondern schon ein Gedanke, den sie hat, wenn sie an Menschen denkt, die mit Hilfe der Reproduktionsmedizin gezeugt worden sind. Ein Gedanke, der so stark zu sein scheint, dass sie ihn unbedingt vor großem Publikum aussprechen musste. Ich denke schon, dass die Meinungsfreiheit genau dann endet, wenn die Gefühle anderer Menschen verletzt werden und das ist für mich bei solchen Äußerungen eindeutig der Fall. Trotzdem sollte es in einer offenen Gesellschaft möglich sein, Unbehagen auch gegen allgemein akzeptierte Dinge zu äußern. Aber solche Äußerungen dürfen niemanden diffamieren und wenn sie es tun, dürfen sie nicht unwidersprochen hingenommen werden.

Frau Lewitscharoff begründet ihr Weltbild selbst hauptsächlich mit ihrer christlichen Erziehung. Mir ist das aber nicht plausibel genug. Ich fand es wichtig, ihre Rede wirklich ganz nachzulesen. Gerade am Anfang gibt sie wichtige Hinweise darauf, warum sie so vehement dagegen ist, dass der Mensch sein Schicksal selbst gestaltet. Ich war eigentlich auch von der Offenherzigkeit überrascht, mit der sie davon erzählte, dass sie nie den Wunsch hatte, ein Kind haben zu wollen. Die Gründe dafür sieht sie selbst ihn ihrer dramatischen Familiengeschichte. Als sie elf war, erhängte sich ihr Vater, ein Gynäkologe, in seiner Praxis. Zur Mutter hatte sie auch wegen den Auswirkungen dieses schrecklichen Ereignisses nie eine gute Beziehung aufbauen können. Halt und Trost gab ihr die christliche Großmutter mit ihrem starken Glauben an Gott. Dieser Teil der Rede ist mir sehr nahe gegangen. Auch wenn er mit irgendwie schroffen Worten vorgetragen wurde, hat mich das sehr berührt. Umso beängstigender finde ich es, wenn solche Kindheitserlebnisse in einem mir sehr fremden Weltbild ihren Ausdruck finden und ungenügend reflektiert, in diesem Fall dazu führen, Menschen, die nicht in diese Weltsicht passen, öffentlich herab zu würdigen.

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2 Gedanken zu “Sonntagsgedanken zur Dresdner Rede von Sibylle Lewitscharoff

  1. mandarinendorf schreibt:

    Ich fand es auffällig, dass Lewitscharoff sich im Interview mit den „befreundeten Psychoanalytikern“ rechtfertigte, bei denen die Retortenkinder auf der Couch lägen. Es gab ja einige psychoanalytische Autoren, die in den 80er Jahren, als die ersten Retortenbabys geboren wurden, warnten, dass plötzlich Frauen Kinder bekommen können, deren Unfruchtbarkeit vielleicht eine psychische Ursache hat.Oft vermute(te)n Psychoanalytiker bei Unfruchtbarkeit z. B. eine Störung in der Beziehung zur eigenen Mutter. Frauen, die ich für meine Diplomarbeit befragte, waren von diesen Unterstellungen immer eher entnervt. Mich hat das an die mittelalterliche Sicht erinnert, dass Unfruchtbarkeit eine „Strafe Gottes“ sein könnte (so wie Krankheit ja auch). Während Forschungsprojekte zum Thema IVF meist zeigen, dass Familien mit „Retortenbaby“ nicht viel anders als andere Familie sind, flackern durch Lewitscharoff jetzt diese eher religiös-moralisch geprägten Ansichten wieder auf. Ich finde es schlimm, dass Lewitscharoff ihre eigene Biografie mit dem Gynäkologen als Vater und der schwierigen Mutterbeziehung als „Qualifikation“ für dieses Thema anführt. Schade finde ich insbesondere, dass es solche Debatten ganz schön schwierig machen, dazu zu stehen, ein Kind nach In-Vitro-Fertilisation bekommen zu haben. Dazu gab es gestern einen Artikel im Tagesspiegel: http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/sonntag/in-vitro-kinder-es-ist-ein-junge/9651580.html
    Schade, wenn Familien durch diese furchtbare Rede entmutigt werden, offen mit der IVF-Zeugung umzugehen.

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    • Kastanie schreibt:

      Vielen Dank für den ausführlichen Kommentar und den interessanten Link. Ich finde die Entgleisungen in dieser Rede können weder durch die sicher sehr prägenden Kindheitserlebnisse von Frau Lewitscharoff noch durch die Aussagen von Psychoanalytikern entschuldigt werden. Überhaupt habe ich mit einem stark psychosomatischen Erklärungsansatz für Krankheiten oder auch ungewollte Kinderlosigkeit so meine Probleme, denn das führt immer sehr schnell zu Schuldgefühlen bei den Betroffenen. Ich glaube allerdings nicht, dass IVF oder auch zum Beispiel pränatale Diagnostik in unserer Gesellschaft stark tabuisiert sind. Der offene Umgang insbesondere mit künstlicher Befruchtung ist sehr verschieden, das hängt aber meiner Meinung nach eher mit der Persönlichkeit der Betroffenen zusammen als mit der zur Zeit herrschenden gesellschaftlichen Meinung dazu, von stark religiös geprägten Milieus mal abgesehen. Das ist sicher auch ein Grund dafür, dass es solch einen „Aufschrei“ nach der Rede gab. Gesellschaftlich ist die künstliche Befruchtung weitgehend akzeptiert. Ich erlebe eher, dass es von manchen Menschen nicht verstanden wird, wenn sich ein Paar trotz ungewollter Kinderlosigkeit nicht zu Behandlungen entschließen kann. Ähnlich ergeht es auch oft Frauen, die auf die pränatale Diagnostik verzichten und dann ein behindertes Kind zur Welt bringen. Bei der ganzen Thematik gibt es für mich auch einen Unterschied zwischen IVF, die bei Kinderwunschpaaren gemacht wird und Zeugungsmethoden wie anonymer Samenspende und Leihmutterschaft. Ich finde es schwierig, von Anfang an mit ein zu kalkulieren, dass das zukünftige Kind nichts oder nur sehr schwer zugänglich etwas über seine leibliche Mutter oder den leiblichen Vater erfahren wird. Leider hat diese Rede aber nichts dazu beigetragen, um auch solche Fragen mal zu untersuchen.

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