Das Kriegstagebuch der Ingeborg Bachmann

»Das ist der schönste Sommer meines Lebens, und wenn ich hundert Jahre alt werde – das wird der schönste Frühling und Sommer bleiben.«

Das schreibt die achtzehnjährige Ingeborg Bachmann im Frühsommer 1945 in ihr Tagebuch. Anders als die meisten Gleichaltrigen, die durch die jahrelange Naziideologie indoktriniert und eher desillusioniert sind,  begrüßt sie den Frieden und die damit für sie verbundenen neuen Möglichkeiten der Freiheit mit tiefer Freude. Das mag auch daran gelegen haben, dass sie sich gerade in den britischen Soldaten Jack Hamesh verliebt hatte, aber das scheint nicht der einzige Grund für diesen Gefühlsausbruch gewesen zu sein.

Das Kriegstagebuch von Ingeborg Bachmann, welches aus zwei relativ kurzen Passagen besteht, habe ich zufällig in der Bibliothek als Hörbuch entdeckt. Gelesen wird es von der Schauspielerin Anna Thalbach, der Tochter von Katharina Thalbach. Gemeinsam mit dem Tagebuch wurden auch Briefe, die Jack Hamesh an Ingeborg Bachmann geschrieben hat, herausgegeben. Gesprochen werden diese von dem vor allem im Hörbuchbereich bekannten österreichischen Schauspieler Heikko Deutschmann.

Vor vielen Jahren las ich Gedichte von Ingeborg Bachmann, fand aber nicht so recht einen Zugang dazu. Das Kriegstagebuch ist für mich eine Entdeckung. Ich habe jetzt Lust darauf, mich doch noch mal genauer mit Ingeborg Bachmann und ihrem Werk zu beschäftigen. Auf jeden Fall will ich noch eine Biografie und vor allem natürlich Prosatexte von ihr lesen. Es interessiert mich sehr, warum die junge Ingeborg Bachmann, die ja eigentlich einer Nazifamilie entstammte, so früh schon die faschistische Propaganda durchschaute und sehr selbstbestimmt ihren Weg suchte. Was hatte das für Auswirkungen auf ihr Leben? Es passt für mich irgendwie nicht mit den Umständen ihres frühen Todes zusammen.

Der Einfluss der im Tagebuch geschilderten Gefühle und Erlebnisse auf ihr Werk ist übrigens im Beiheft zum Hörbuch sehr ausführlich dargestellt.

Der erste Teil des Kriegstagebuchs (1944) – Letzte Kriegstage

Das Kriegstagebuch Ingeborg Bachmanns befindet sich im Privatnachlass der Geschwister. Es besteht aus mehreren mit Schreibmaschine beschriebenen Blättern, die vermuten lassen, dass es sich um eine Abschrift handelt, die redigiert wurde. Der erste Teil setzt etwa im September 1944 ein. Ingeborg Bachmann freut sich, dass sie es geschafft hat, nicht nach Polen zum Reichsarbeitsdienst zu müssen. Ihr Eintritt in die Lehrerbildungsanstalt verhindert das. Lehrer werden gebraucht und sie muss unterschreiben, dass sie stattdessen auf ein Studium verzichtet. Das macht sie aber sehr gern, weil sie glaubt, dass man in »diesem Land« nicht studieren sollte. In ihrer Ausbildung zur Lehrerin geht es aber gar nicht mehr so sehr um den Unterricht, denn das Errichten von Verteidigungsgräben für Klagenfurt ist den Leitern der Lehrerbildungsanstalt in den letzten Kriegstagen wichtiger. Hierbei schützt sie eine ausgebombte Freundin, die nicht zum Dienst antritt, in dem sie sich Ausreden für sie ausdenkt. Die »Herren Erzieher, die uns umbringen lassen wollen« kommen aber gar nicht und die jungen Leute sind allein mit ihrer Angst vor den Bomben auf dem ungeschützten Feld. Ingeborg Bachmann bespricht mit ihrer Freundin die Möglichkeiten einer Desertion und meint, dass im allgemeinen Kriegschaos sowieso niemand nach ihnen fragen wird. Sie liest Rilke und Baudelaire im Garten ihres Hauses als die Fliegerangriffe immer stärker werden und entschließt sich dann doch in den Bunker zu gehen.

Der zweite Teil des Kriegstagebuchs (1945) – Die Begegnung mit Jack Hamesh

Unmittelbar nach der Befreiung Kärntens durch die Britische Armee beginnt der zweite Teil des Tagebuchs. Ingeborg Bachmann ist mit ihrer Mutter und den zwei jüngeren Geschwistern in das Dorf Hermagor im Gailtal geflüchtet, wo die Familie ein kleines Haus besitzt. Sie muss sich im Büro der britischen Besatzer melden und lernt dort den Wiener Juden Jack Hamesh kennen. Er fragt sie danach, ob sie Führerin im »BdM« gewesen ist. Sie kann das zwar verneinen, es beschäftigt sie aber hinterher, warum sie trotzdem rot wurde, obwohl sie ja die Wahrheit gesagt hatte. Offenbar schämt sie sich im Gegensatz zu vielen Zeitgenossen schon damals für das, was während der Hitlerjahre geschah. Ungewöhnlich finde ich auch, dass sie seit ihrem 14. Lebensjahr nicht mehr zu den »BdM«-Treffen gegangen ist. Offenbar gibt es auch in Diktaturen immer wieder Schlupflöcher für den Einzelnen. Zunächst findet Ingeborg Bachmann den britischen Soldaten nicht sehr attraktiv, aber in Gesprächen über Bücher kommen sie sich näher. Plötzlich ist »alles ganz anders«. Der Soldat ist erstaunt, dass die junge Frau trotz Nazierziehung u. a. Thomas Mann, Arthur Schnitzler und Stefan Zweig gelesen hat. Jack Hamesh gibt ihr auch eine Grundeinführung in Geschichte, in der auch der Marxismus nicht ausgespart wird. Wüsste ihre Mutter das, dann würde sie »ohnmächtig werden«. Im Dorf reden sie über das ungewöhnliche Liebespaar, aber die Achtzehnjährige schreibt in ihr Tagebuch, dass sie »jetzt erst recht«, weil man an »dem Juden« Anstoß nimmt, mit ihm »zehnmal auf und ab durch Vellach und Hermagor gehen« will. Sie spürt, dass diese Liebe etwas ganz Besonderes nach dem Krieg ist und möchte es für immer festhalten. Die Nazitochter und der jüdische Emigrant finden eine gemeinsame Sprache in der Liebe und in ihrer Beziehung zu Büchern, Versöhnung scheint schon zu diesem Zeitpunkt möglich.

Die Briefe von Jack Hamesh

Die Briefe von Jack Hamesh befanden sich im Privatnachlass von Ingeborg Bachmann. Von Jack Hamesh selbst konnte leider trotz intensiver Nachforschungen des Herausgebers keine Spur gefunden werden. So ist es auch nicht möglich, Bachmanns Briefe an ihn zu lesen. Jack Hamesh kam als Achtzehnjähriger im Jahr 1938 mit einem jüdischen Kindertransport nach England und konnte so überleben. Seine Eltern wurden in einem Vernichtungslager ermordet. Als britischer Besatzungsoldat kehrte er nach Österreich zurück. Seine Liebe zu Ingeborg Bachmann muss groß und anhaltend gewesen sein. In jedem seiner Briefe kommt das zum Ausdruck. In Ingeborg Bachmann und ihrer Familie hatte Jack Hamesh, der vor 1938 wahrscheinlich Jakob Fünfer hieß, für kurze Zeit die Geborgenheit seiner alten Heimat wieder gefunden. Die Briefe erreichten die Freundin, die inzwischen studierte, aus Hermagor, Villach, Neapel und nach seiner Auswanderung nach Palästina aus Tel-Aviv. Sie stammen aus den Jahren 1946 und 1947. Obwohl mich die etwas altväterliche Schreibweise des 6 Jahre älteren Jack Hamesh beim Zuhören etwas störte, fand ich zunehmend Interesse an der ausführlichen Schilderung seines Gefühlslebens, welches sicher typisch war für einen durch den Holocaust traumatisierten Exilanten. Manches davon berührte mich auch sehr. In einem seiner Briefe aus Tel-Aviv schrieb Jack Hamesh, dass er zufrieden, aber nicht glücklich sei. Es fehle ihm die Lebensfreude, die Menschen seines Alters doch eigentlich besitzen. Er beschrieb, dass auch seine Wiener Freunde versuchten zu vergessen, aber sich durch ihr Schweigen noch mehr ins »Vergangene unvergessliche« vertieften. Jack Hamesh thematisierte auch seine Einsamkeit, er fühlte sich Ingeborg Bachmann damit sehr nahe. Anders als er zog sich die Freundin aber bewusst in die Einsamkeit zurück, obwohl sie doch so eine »liebe Familie« hatte. Ingeborg Bachmann schien ihn in ihren Briefen getröstet zu haben, aber die vergangene Liebesbeziehung beschäftigte sie längst nicht mehr so intensiv wie ihn. Er bedauerte dann auch mehrmals, dass sie ihm beim Abschied keine Hoffnung auf ein Wiedersehen machte. Das kränkte ihn und er glaubte sogar, dass er wie damals in Wien vor 1938, als die Welt noch in Ordnung schien, einem Trugbild verfallen sei. Neben diesen Gefühlsäußerungen schrieb Jack Hamesh auch über seine Erfahrungen in Palästina kurz vor der Gründung Israels und es wurde für mich noch einmal deutlich, warum für viele Juden der eigene Staat nach dem Holocaust so wichtig war und ist.

Ingeborg Bachmann versuchte offenbar die Liebesgeschichte mit Jack Hamesh in ihrem Roman »Das Buch Franza« zu verarbeiten. Sie zog das Manuskript allerdings zurück und schrieb es nie neu. In der Romanfassung geht es zwar um einen britischen Soldaten, aber dieser ist in allem das Gegenteil von Jack Hamesh. An ihren Verleger schrieb sie, »das Manuskript kommt mir wie eine hilflose Anspielung auf etwas vor, das erst geschrieben werden muss«.

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