Gemeinsam Lesen

Gemeinsam LesenUrsprünglich habe ich diese Aktion bei der Bücherphilosophin entdeckt. Die Idee dazu hatte Asaviels Bücher-Allerlei. Dort kann man auch erfahren, welche Bücher andere Bloggerinnen und Blogger gerade lesen.

 

IMG_20140401_162237Der Frühling ist nun endgültig da! Empfehle uns deinen absoluten Frühlingslieblings-Leseplatz.

Nicht nur im Frühling, sondern immer wenn es warm und hell genug ist, lese ich am liebsten auf unserem Balkon. Der ist winzigklein, aber ein Lesestuhl passt gerade so darauf. Noch sind die Balkonkästen leer, doch bald schon wird es beim Lesen um mich herum blühen, die Schwalben werden über mich hinweg fliegen und die Bewohner des Wespennests kommen vielleicht auch wieder…

Da ich eigentlich immer mehrere Bücher parallel lese, stelle ich gleich drei Titel vor.

Welches Buch liest du gerade und auf welcher Seite bist Du? Was willst Du unbedingt aktuell zu deinem Buch loswerden? Wie lautet der erste Satz auf deiner aktuellen Seite?

IMG_20140401_162437Landgericht von Ursula Krechel wollte ich lesen seitdem sie 2012 für dieses Buch den Deutschen Buchpreis erhalten hat. Mich interessierte die Nachkriegsthematik und durch die teilweise sehr gegensätzlichen Rezensionen war ich zusätzlich neugierig, welchen Eindruck der Roman bei mir hinterlassen würde.

Das Buch erzählt die Kriegsheimkehrergeschichte des Richters Richard Kornitzer, der 1947 aus dem kubanischen Exil zurück nach Deutschland kommt. Seine Frau erwartet ihn in einem kleinen Ort am Bodensee, wohin es sie während des Krieges verschlagen hat. Die Beiden haben sich zehn Jahre nicht gesehen, entsprechend zögernd kommen sie sich wieder näher. Die kleine Familie ist damit noch nicht komplett, die Kinder wurden während des Krieges nach England gebracht und müssen noch zurück geholt werden.

»Alles schwankte, es gab keinen festen Boden unter den Füßen. Das Ankommen war eine Erschütterung wie das Weggehen.« Kornitzer, der von den Nazis wegen seiner jüdischen Herkunft verfolgt wurde, möchte sich gern als Richter dem neuen Deutschland zur Verfügung stellen. Doch langsamer als erwartet kann er seine berufliche Laufbahn wieder aufnehmen. Schließlich erhält er eine Stelle am Landgericht im stark kriegszerstörten Mainz.

Ursula Krechel hat jahrelang in Archiven für diesen Roman, der teilweise auf Tatsachen beruht, recherchiert. Diese Aktenerkenntnisse sind mir an einigen Stellen zu vordergründig in die Handlung eingebaut. Da ich mich wenig in der Nachkriegsgeschichte Westdeutschlands auskenne, bin ich jedoch neugierig auf historische Details, die mir noch nicht bekannt sind. Die etwas trockene sperrige Sprache passt wiederum zum Gerichtsmilieu, in dem der Roman größtenteils spielt.

Das Buch hat fast 500 Seiten. Ich bin erst am Anfang und zwar auf der Seite 74. Es wird also noch eine Weile dauern bis ich mir ein abschließendes Urteil bilden kann. Der erste Satz auf meiner aktuellen Seite lautet: »Im März 1945 schrieb Dr. Funk, als die Einnahme der linksrheinischen Städte durch die Amerikaner jeden Tag bevorstand, an den Landgerichtspräsidenten in Mainz, daß ihm der Aufsichtsführende Richter mitgeteilt habe, ihm sollten im Amtsgerichtsgebäude in Michelstadt zwei, drei Zimmer zur Verfügung gestellt werden.« (Beim Abschreiben fiel mir gerade auf, dass das Buch in alter Rechtschreibung verfasst wurde. Der Titel erschien im österreichischen Verlag »Jung und Jung« – Zwar ist auch in Österreich für die öffentliche Verwaltung die Rechtschreibreform von 1996 seit 2005 verbindlich, aber ein Großteil der österreichischen Bevölkerung und der Medien hält wohl an den alten Regeln fest.)

IMG_20140401_162701Ein anderer Ort von Amos Oz habe ich in der Bibliothek entdeckt. Mein Wunsch etwas von dem vielleicht bekanntesten Autor Israels, der mit zahlreichen auch deutschen Preisen ausgezeichnet wurde, zu lesen, bestand schon lange. In seinem 1966 erschienenen Roman, der erst 2001 vom Suhrkamp-Verlag in Deutschland verlegt worden ist, erzählt Amos Oz vom Alltag in einem Kibbuz im Norden Israels. Mein Buch ist eine Ausgabe innerhalb der Edition »Süddeutsche Zeitung/Bibliothek«, die eine sehr schöne Auswahl von Titeln der Weltliteratur enthält.

Amos Oz ist ein großartiger Erzähler. Beim Lesen des Buches habe ich das Gefühl als unsichtbare Beobachterin an seiner Seite durch den Kibuzz »Mezudat Ram« zu gehen und mir alles genau anzuschauen. Ich treffe Menschen, deren Geschichten und Innenleben er mir sehr detailreich und mit großer Hochachtung erzählt. Der Kibbuz scheint ein Dorf wie jedes andere auf der Welt zu sein, ausgefüllt mit Klatsch und Tratsch, mit Liebe und Eifersucht, Klugheit und Dummheit, Glück und Unglück. Und doch ist er auch ein »anderer Ort«, von feindlichem Land umgeben, immer mit einer latenten Bedrohung lebend, jede Nacht hoffend, dass die Schießereien in den Bergen ihm nicht zu nahe kommen. Auch das Zusammenleben der Bewohner gestaltet sich anders. Es gibt ein Gemeinschaftshaus, in dem die Mahlzeiten eingenommen werden, die Kinder schlafen in Kinderhäusern und nicht bei ihren Eltern. Die Verwaltung des Dorfes geschieht gemeinschaftlich.

Kurios ist, dass ich auch bei diesem Buch auf Seite 74 bin. Der erste vollständige Satz auf dieser Seite lautet: »Aber wenn einer tot ist, darf man keinen Klatsch über ihn verbreiten.« Esra Berger, einer der Hauptprotagonisten des Buches, erinnert sich gerade an einen Kibbuzbewohner, der bei Kampfhandlungen mit Arabern ums Leben kam und dessen Sterben er erlebte.

IMG_20140401_162552Ein Jahr in Paris von Silja Ukena ist in dieser Woche meine Bett- und Bus/Straßenbahnlektüre. Neben Reiseführern lese ich auch immer gern Alltagsgeschichten als Vorbereitung auf eine Reise. Die Autorin arbeitet als Journalistin und entschied sich kurz nach ihrem 30. Geburtstag spontan dazu, ein Jahr in Paris zu leben. In ihrem Buch schildert sie die Tücken und Freuden des Alltags einer jungen Deutschen in dieser Stadt, deren Bewohner es ihr nicht gerade leicht machen, sich schnell heimisch zu fühlen. Da sind die Schwierigkeiten mit der Sprache, mit der Wohnungssuche und ganz viele Missverständnisse zwischen den Kulturen. Ausgerechnet ein junger Italiener hilft ihr dabei, sich zurecht zu finden. Das alles ist sehr amüsant zu lesen und bestätigt im Großen und Ganzen viele der Klischees, die über Franzosen und Deutsche im Umlauf sind. Zwischen den Alltagsgeschichten kann man kurze historische Abhandlungen oder Interessantes zu Sprache, Essen und Sehenswürdigkeiten lesen.

Ich habe das Büchlein fast zu Ende gelesen und auf Seite 172 steht der französische Satz: »Tout vient à point à qui sait attendre.« (Wer warten kann, dem kommt alles zur rechten Zeit) Das könnte auch ein Fazit dieser Parisreise sein. Die Stadt und ihre Bewohner begegnen der Autorin am Anfang noch sehr zurückhaltend bis abweisend, am Ende jedoch fühlt sie sich fast wie eine Pariserin.

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