Der Abbruch der Schweigemauer

Gedanken über Alice Miller und das Buch ihres Sohnes

Alice Millers Buch »Das Drama des begabten Kindes« , 1979 das erste Mal erschienen, ist ein in 30 Sprachen übersetzter internationaler Bestseller. Beeinflusst von den Ideen des englischen Kinderarztes und Analytikers Donald W. Winnicott, dem britischen Kinderarzt und Psychiater John Bowlby sowie dem US-amerikanischen Analytiker Heinz Kohut analysierte sie darin gängige Erziehungsmethoden, die dazu führen, dass Kinder die emotionalen Bedürfnisse ihrer Eltern befriedigen und es ihnen so nicht möglich ist, ihre eigene Originalität zu entwickeln. Alice Miller, die bis Ende der siebziger Jahre selbst als Psychoanalytikerin in der Schweiz arbeitete, wollte den Grundgedanken dieses Buches ursprünglich in einem Artikel im offiziellen Organ der Psychoanalyse, der Zeitschrift »Psyche«, veröffentlichen. Allerdings wurde der Text als unwissenschaftlich und unpassend zur Theorie der Psychoanalyse abgelehnt.

Ich las »Das Drama des begabten Kindes« vor etwa 15 Jahren und war wie viele Leserinnen und Leser begeistert von der konsequenten Darstellung von alltäglichen Erziehungssituationen aus der Sicht des Kindes. Das Buch brach ein Tabu, es kritisierte schonungslos elterliches Verhalten. Bis dahin war es auch in der Psychotherapie eher üblich gewesen, dem Patienten nahezulegen, seinen Eltern zu verzeihen. Beim Lesen des Buches habe ich mir keine Gedanken darüber gemacht, welche Erfahrungen Alice Miller wohl mit ihren Eltern gemacht hatte und wie sie mit ihren eigenen Kindern umging. Einen autobiografischen Hintergrund konnte ich nicht erkennen, denn über das Privatleben der Autorin gab es so gut wie keine Informationen.

Deshalb war ich auch sehr erschüttert als ich im Herbst des vergangenen Jahres einen Artikel im »Tagesspiegel« über das Buch Martin Millers las. Ich verstand nicht, wieso die Frau, welche zu Recht als die Anwältin des Kindes bekannt war, offensichtlich so wenig über ihr eigenes Muttersein reflektiert hatte. Es kam mir vor, als hätte es zwei Personen gegeben. Die eine setzte sich engagiert für Kinderrechte ein, die andere verhielt sich zu ihren Kindern genauso unempathisch wie sie es in ihren Büchern anprangerte. Wie konnte das sein und vor allem was hatte das mit einem Kriegstrauma zu tun, von welchem im »Tagesspiegel« die Rede war?

Offensichtlich interessierte das auch andere Leser, denn ich musste viele Wochen warten, bis ich das vorbestellte Buch aus der Bibliothek bekam. Der Zeitungsartikel hatte mir erstmal jede Lust genommen, weitere Bücher von Alice Miller zu lesen. Eigentlich interessierte mich auch noch »Am Anfang war Erziehung« von ihr, da ich schon in »Der gemiedene Schlüssel« ihre Analysen zu biografischen Details von Nietzsche, Stalin oder auch Käthe Kollwitz sehr spannend fand. Nach der Lektüre des Buches von Martin Miller ist es mir nun glücklicherweise besser möglich, zwischen ihrem Lebenswerk als Verteidigerin der Kinderrechte und ihrem Versagen als Mutter zu unterscheiden. Meine anfangs sehr empörte Meinung über Alice Miller wurde vor allem dadurch relativiert, dass sie ihre wichtigsten Bücher zu einem Zeitpunkt schrieb, als ihr Sohn schon längst erwachsen war. Auch meine Annahme, dass sie sich möglicherweise nie mit ihrer Biografie und dem Verhältnis zu ihren Kindern auseinander gesetzt hatte, stimmte in dieser Absolutheit nicht.

Martin Miller betonte in seinem Buch mehrmals, dass es ihm nicht um eine Abrechnung mit seiner Mutter ging. Der Ton des Buches ist sachlich, fast nüchtern. Martin Miller schreibt selten »meine Mutter« dafür umso häufiger »Alice Miller«. Eine Art unterdrückte Wut auf seine Mutter ist ihm im Buch und vor allen in den zahlreichen Interviews, die er gab, jedoch anzumerken. Vor allem schien es ihm ein großes Bedürfnis zu sein, das Schweigen um die Biografie seiner Mutter zu brechen. So erfüllte er auch eine Forderung, die sie in ihren Büchern immer wieder an die Leser stellte, nämlich das schonungslose Aufdecken der eigenen Lebensgeschichte. Er kämpfte dabei mit Schuldgefühlen, denn Alice Miller verhinderte zu Lebzeiten sehr vehement, dass Details ihrer Biografie an die Öffentlichkeit gelangten. Dabei war wahrscheinlich gerade ihr erstes Buch »Das Drama des begabten Kindes« durch seine jetzt offensichtliche autobiografische Prägung so überzeugend.

Die Kindheitswelt von Alicija Englard
Alice Miller wurde 1923 als Alicija Englard in einer jüdisch-orthodoxen Familie in der polnischen Provinz Lodz geboren. Ihre Eltern heirateten nicht aus Liebe, die Ehe war durch die Familie arrangiert worden. Verwandte Alicijas beschrieben ihre Mutter als gefühlskalt, ehrgeizig und wenig gebildet. Der Vater war sehr religiös, eher passiv und in seinem Beruf als Kaufmann wenig erfolgreich. Alicija, das älteste Kind, galt als verschlossen und eigenwillig. Früh schon lehnte sie sich gegen die strengen und sie einschränkenden religiösen Regeln innerhalb der Familie auf. Sie bestand darauf, statt der jüdischen Schule, eine öffentliche polnische Schule, besuchen zu dürfen und bekam auch die Erlaubnis dafür. Auf den ersten Blick war Alicija nicht das »begabte« Kind, welches mit vordergründiger Anpassung an die Familiensituation reagierte, dafür aber mit Rückzug, weil niemand das sensible und rebellische Kind verstand. Alicijas eigene Meinung traf auf die Strenge der Mutter und einen Vater, der im Gegensatz zum auch orthodoxen Großvater, keinerlei Toleranz gegenüber liberaleren Lebensweisen aufbrachte. 1931 zog die Familie wegen der geschäftlichen Erfolglosigkeit des Vaters nach Berlin, wo sie bei Verwandten lebte, die sehr reich und gleichzeitig assimiliert waren. Alicija fühlte sich in dieser Umgebung sehr wohl und lernte innerhalb kürzester Zeit die deutsche Sprache.

Als Jüdin verfolgt und untergetaucht – die verschwiegene Biografie
Nach der Machtergreifung durch die Nazis kehrten beide Familien bis auf den Onkel, der nach Paris flüchtete, nach Polen zurück. Unmittelbar nach dem deutschen Überfall 1939 wurde auch die kleine Stadt angegriffen, in der Alicija lebte. Die Familie flüchtete zusammen mit Verwandten aus dem brennenden Ort in den Wald. Martin Miller beschreibt in seinem Buch eine fast surrealistisch anmutende Szene: Ein entfernter Verwandter taucht plötzlich mit seinem Auto in diesem Wald auf. Er hat ein Visum für Brasilien in der Tasche und fordert die Cousine, ihren Mann und deren kleine Tochter auf, mit zu kommen. Es ist noch ein Platz frei. Der Mann der Cousine will, dass Alicija einsteigt. Die Sechzehnjährige lehnt entschieden ab, weil sie Vater, Mutter und Schwester nicht im Stich lassen will. Ihrer Cousine gesteht sie viele Jahre später, dass sie diesen Entschluss bereut hat, weil ihr ganzes Leben anders verlaufen wäre, hätte sie sich damals anders entschieden.

Fast sofort nach der deutschen Besetzung wurde in der polnischen Heimatstadt Alice Millers ein Ghetto für die jüdische Bevölkerung eingerichtet. Die Zustände dort waren grausam. Martin Miller beruft sich in seinem Buch auf Zeugenberichte, von seiner Mutter erfuhr er darüber nichts. Alicija hatte schnell Kontakt zur Untergrundorganisation des Ghettos. Mit deren Hilfe gelang es ihr zu fliehen. Sie tauchte in Warschau unter und überlebte dort bis zum Kriegsende mit einer gefälschten polnischen Identität. Alicija studierte an der Untergrunduniversität, arbeitete und als sie genügend Geld hatte, brachte sie ihre Mutter in einem Versteck auf dem Land unter, die jüngere Schwester überlebte dank ihrer Hilfe in einem katholischen Kloster. Den kranken Vater mussten sie im Ghetto zurücklassen. Als orthodoxer Jude, der kaum polnisch sprach, gab es keine Chance für ihn im Untergrund zu überleben. Er verstarb im Ghetto an den Folgen seiner Krankheit. Seine Eltern wurden in Treblinka ermordet.

Die Überlebensgeschichte von Alice Miller bewegt mich sehr und ich bewundere ihren Mut und ihren unbedingten Willen, sich ihrem Schicksal nicht zu beugen. Ähnlich erging es mir, als ich die Erinnerungen von Marcel Reich-Ranicki las, der im Warschauer Ghetto aus einer von bewaffneten SS-Männern bewachten Kolonne jüdischer Menschen floh, die zum Abtransport in die Gaskammern bestimmt waren. Beide wussten, dass ihnen der sichere Tod bevorstand und nutzten deshalb jeweils noch so geringe Chancen, um ihr Leben zu retten. Mit einer gefälschten Identität inmitten der deutschen Besatzung zu überleben, war vor allem auf Grund der Denunzianten, die überall lauerten, äußerst schwierig. Es war überlebenswichtig, seine wahre Identität zu verstecken. Auch nach dem Krieg gab Alice Miller ihren Decknamen noch als Mädchennamen an und klärte dies nie auf. Leider konnte Martin Miller die Erlebnisse seiner Mutter im besetzten Polen nicht vollständig rekonstruieren. Er nutzte die Erinnerungen anderer Holocaustopfer, um die Leidensgeschichte seiner Mutter für den Leser erlebbar zu machen. Ich bedaure sehr, dass Alice Miller es nicht geschafft hat, ihre Erinnerungen als verfolgte Jüdin selbst aufzuschreiben. Aber im Gegensatz zu Marcel Reich-Ranicki, der mit seiner Frau von Polen versteckt wurde und dieses Versteck nicht häufig verließ, lebte Alice Miller mit einer vollkommen anderen Identität. Ständig musste sie aufpassen, dass sie sich nicht verriet. Dabei half ihr wohl auch, dass sie sich schon als Kind für ihre Umgebung »unsichtbar« machen konnte, um sich anzupassen. Über vier Jahre spaltete sie sich von ihrem eigentlichen Selbst ab. Alice Miller hatte dies offensichtlich so verinnerlicht, dass sie ihr ganzes Leben lang darauf bedacht war, Teile ihrer wahren Identität zu verbergen und sich vor imaginären Verfolgern zu schützen. Schwierig war es für sie sicher auch, dass sie als Jüdin verfolgt wurde, obwohl sie seit Kindheitstagen die jüdische Religion hasste. Hinzu kam der Konflikt, dass sie für ihre Mutter und die Schwester ihr Leben riskierte, obwohl sie für beide keine Liebe empfand. Martin Miller deutet das als sogenannte Parentifizierung von Kindern durch ihre Eltern, wie es im »Drama des begabten Kindes« beschrieben wird. Alicija spürte die Hilflosigkeit der Eltern und der jüngeren Schwester und nahm die Elternrolle ein. Dem Vater gegenüber blieben jedoch Schuldgefühle, denn ihm konnte sie nicht helfen.

»Es war nicht schön, der Sohn Alice Millers zu sein«

Nach jahrzehntelangem Schweigen über das, was ihm während seiner Kindheit widerfahren ist, scheint es für Martin Miller eine Befreiung gewesen zu sein, endlich öffentlich darüber schreiben und sprechen zu können, wie er seine Mutter erlebt hat. Es war sicher sehr frustrierend für ihn, immer wieder vor allem von der großen Anhängerschaft Alice Millers hören zu müssen, was er doch für ein Glück gehabt hatte mit solch einer einfühlsamen Mutter. Aber Martin Millers Kindheitserlebnisse klingen wie ein Fallbeispiel aus den Büchern seiner Mutter.

Er wurde 1950 in der Schweiz geboren, als seine Eltern, die dort nach dem Krieg ein Stipendium bekamen, beide ihre Doktorarbeiten schrieben. Die Mutter konnte das Kind nicht stillen und war zutiefst gekränkt davon. Martin wurde zu einer Bekannten gegeben, die sich nicht auf die Pflege von Säuglingen verstand. Glücklicherweise kümmerte sich danach ein halbes Jahr eine Cousine der Mutter um ihn. Nach Aussage von Martin Miller gab ihm diese positive Bindungserfahrung die Widerstandskraft, um seelisch überleben zu können. Die Eltern sprachen zu Hause untereinander nur polnisch, eine Sprache, die sie dem Sohn nicht vermittelten. Er fühlte sich wie ein Ausländer, niemand interessierte sich für ihn. Martin wurde zum stillen Beobachter, auch der ständigen Auseinandersetzungen, die die Eltern miteinander führten. Alice hatte den polnischen Katholiken Andrzej (später Andreas) Miller noch in Warschau kennengelernt. Ursprünglich wollte sie eigentlich keine Beziehung mit ihm. Andrzej Miller hieß paradoxerweise genauso wie der polnische Gestapomann, der Alicija im Krieg verfolgte und erpresste und dem sie immer wieder Zugeständnisse machen musste. Trotzdem heirateten beide, möglicherweise weil sie fernab der Heimat gegenseitig einen Halt suchten. Als Vater war Andreas Miller autoritär und gewalttätig. Er behandelte den Sohn stets herablassend. Über seine Lebensgeschichte weiß Martin Miller fast nichts. Alice Miller verteidigte den Sohn nicht gegen die Übergriffe des Vaters. Erst nach 24 Jahren Ehe schaffte sie es, sich aus der emotionalen Abhängigkeit zu ihrem Mann zu befreien und reichte die Scheidung ein.

Sechs Jahre nach Martins Geburt kam seine Schwester Julika auf die Welt. Sie wurde mit dem Downsyndrom geboren. Alice Miller machte ihrem Mann schwere Vorwürfe, da er sie nicht über genetische Vorbelastungen, die in seiner Familie bestanden, informiert hatte. Beide Eltern konnten mit diesem Schicksalsschlag offensichtlich nicht umgehen und gaben die Kinder ins Heim. Julika kam nach einem Jahr wieder in die Familie. Martin blieb zwei Jahre im Kinderheim, wo er kein einziges Mal von seinen Eltern besucht worden ist, obwohl er nur dreißig Kilometer von ihnen entfernt lebte. Als er wieder nach Hause kam, waren die Eltern inzwischen umgezogen. Der Junge fühlte sich wiederum als Fremder. Er kannte weder die behinderte Schwester noch die Wohnung. Die Eltern blieben emotional unerreichbar für ihn. Niemand erklärte ihm, warum er jetzt wieder zurück durfte, genauso wenig wie ihm niemand davor ausreichend erklärt hatte, warum er ins Heim gehen musste. Seine Eltern waren vor allem mit ihrer Arbeit und ihren Konflikten beschäftigt. Einzige Ansprechpartnerinnen für Martin waren die häufig wechselnden Kindermädchen, welche die eifersüchtige Mutter sofort entließ, wenn der Sohn zu einer von ihnen eine engere Beziehung aufbaute. Mit 17 Jahren bestand Martin darauf, in ein Internat gehen zu dürfen. Dort ging es zwar sehr streng und katholisch zu aber er fühlte sich trotzdem freier als zu Hause. Die Mutter, die sich bis dahin kaum für den Sohn interessierte, fing an, ihn mit Telefonanrufen zu verfolgen. Er fühlte sich einerseits bedrängt, andererseits aber auch endlich einmal wahrgenommen. Die Eltern trauten ihm kein Studium zu. Nach dem Gymnasium machte er deshalb eine Ausbildung zum Volksschullehrer.

Glückliche Jahre

Die Phase, in der meine Mutter ihre drei wichtigsten Bücher schrieb, gehört, was unser Verhältnis angeht, zu den glücklichsten in meinem Leben.

Nach ihrer Scheidung ordnete Alice Miller ihr Leben vollkommen neu. Sie entfernte sich gedanklich immer mehr von den orthodoxen Vertretern der Freudschen Psychoanalyse und entwickelte eigene Vorstellungen. Alice Miller gab ihre psychoanalytische Praxis auf und widmete sich ganz dem Schreiben. Sie beschäftige sich mit dem Judentum und reiste zu Verwandten nach Israel und in die USA. Außerdem begann sie zu malen, um sich ihrer Kindheit anzunähern. Im Entstehungsprozess ihrer Bücher entdeckte sie den Sohn als empathischen Zuhörer. Martin erlebte seine Mutter das erste Mal in seinem Leben »leidenschaftlich, offen, zugewandt, locker«. Er empfand ihre Bücher auch als eine Art Wiedergutmachungsversuch für seine verlorene Kindheit, denn in ihnen beschrieb sie genau die destruktive Macht der Eltern, welcher auch er ausgeliefert war.

Verfolgerin und Verfolgte – Das Drama der Mutter-Sohn-Beziehung ging weiter

Martin Millers Entscheidung Psychotherapeut zu werden, fiel in diese glückliche Zeit, die er mit seiner Mutter erlebte und ist wohl auch unter diesem Eindruck entstanden. Alice Miller begrüßte das zwar zuerst. Doch sie akzeptierte keine eigenständigen Entscheidungen von ihm, sondern hatte sowohl an der universitären Ausbildung als auch an seinen Lehrern ständig etwas auszusetzen.

Sie war schon fast besessen von der Idee, Martin eine Psychotherapie machen zu lassen und besorgte ihm ohne seine Zustimmung einen Therapieplatz bei dem von ihr verehrten Primärtherapeuten Konrad Stettbacher. Da Martin empört ablehnte, verschlechterte sich ihr Verhältnis zunehmend. Er wollte sich nicht von seiner Mutter »retten lassen«. Martin Miller deutet ihr Verhalten heute mit den Schuldgefühlen, welche Alice Miller gegenüber ihrem nicht geretteten Vater empfand. Als Martin sich nach dem Scheitern seiner ersten Ehe in einer schweren Krise befand, willigte er aber schließlich doch in die Therapie mit einer Schülerin Stettbachers ein. Das wurde ihm zum Verhängnis, denn die Mutter mischte sich massiv in den Therapieverlauf ein. Kaum zu glauben, aber die Therapeutin schickte die Tonbandaufzeichnungen der Sitzungen, ohne dass Martin es wusste, an Alice Miller. Es kam zu vielen sehr aggressiv geführten Diskussionen zwischen Mutter und Sohn. Alice Miller wollte auf der einen Seite, dass sich Martin schonungslos mit seiner Kindheit auseinandersetzte, auf der anderen Seite vertrug sie seine Kritik an ihr nicht und warf ihm im Gegenzug vor, eigentlich gar keine richtige Therapie machen zu wollen.

Die Situation eskalierte als Stettbacher behauptete, Martin Miller wäre als Therapeut unfähig und seine Mutter solle doch alles versuchen, damit ihm die Approbation entzogen würde. Martin Miller beschreibt in seinem Buch, wie er damals kurz vor dem Suizid stand, weil seine Mutter Stettbacher blind alles glaubte und ihn ständig mit Drohbriefen verfolgte. Schließlich brachte er die Kraft auf, Stettbacher zu verklagen. Es stellte sich heraus, dass seine Mutter einem Scharlatan gefolgt war, der keinerlei Qualifikation aufweisen konnte und zudem Patientinnen sexuell missbraucht haben sollte (für Letzteres ist er vor Gericht allerdings freigesprochen worden).

Alice Miller distanzierte sich öffentlich von Stettbacher und ließ alle Lobeshymnen über ihn aus ihren Büchern entfernen. Als Martin Müller sie mit der Wahrheit konfrontierte, reagierte sie ganz ruhig und schrieb reumütige Briefe an ihn, die Martin als nicht wirklich echt empfand. Der Sohn sieht darin heute eine Wiederholung ihrer traumatischen Kriegserfahrungen. Sie sah in ihm ihren Verfolger und Erpresser, den es mit allen Mitteln ruhig zu stellen galt.

Keine Versöhnung

Alice Miller forderte die direkte Auseinandersetzung der erwachsenen Kinder mit ihren Eltern. Mit ihrem Sohn ist dieses Experiment gründlich schief gegangen. Beide waren zu verstrickt miteinander als dass so ein Prozess ohne Vermittler hätte gut verlaufen können. In seinem Buch spricht Martin Miller mit Hochachtung über die theoretischen Erkenntnisse seiner Mutter. Sie selbst hatte für ihre Theorie nie eine Methode entwickelt, denn sie arbeitete schon seit Ende der siebziger Jahre nicht mehr als Therapeutin, abgesehen von den Ratschlägen, die sie in den letzten Jahren auf ihrer Internetseite gab. Ihr Sohn dagegen betrachtet sich als Therapeut, ganz im Sinne seiner Mutter, als »wissender Zeuge«, wenn er Patienten hilft, Kindheitserinnerungen aufzuarbeiten.

Martin Miller beginnt sein Buch mit einem Brief seiner Mutter an ihn. Ich habe diesen und auch die anderen im Buch abgedruckten Briefe mehrmals gelesen und es fällt mir immer noch schwer, sie wirklich zu verstehen. Auf den ersten Blick wirken diese Texte schon wie erstaunlich ehrliche Auseinandersetzungen einer Frau mit ihrer Rolle als Mutter. Auf den zweiten Blick habe ich aber auch das Gefühl, dass hinter ihnen eine ungute Absicht stecken könnte. Möglicherweise ging es Alice Miller darum, die Meinung des Sohnes subtil zu beeinflussen und von ihrer Verantwortung als Mutter abzulenken. Die Wut Martin Millers, die sich nicht nur gegen seinen Vater sondern auch gegen sie als das Unrecht duldende Mutter richtete, war für sie nicht auszuhalten. 1987 schrieb sie:

Es ist ein tragisches Schicksal, einen Vater zu haben, der ein hilfloses Kind schlägt. Dafür kannst Du nichts. Aber als Erwachsener nicht sehen zu wollen, wie er ist….und… sich langsam selber in diesen Vater zu verwandeln, um ihn zu schützen und zu schonen – das ist nicht Schicksal.

1998 schickte Alice Miller ihrem Sohn einen Brief mit einem umfangreichen Schuldeingeständnis:

Ich habe mich in viele Menschen einfühlen können, nur in meinen Sohn konnte ich es nicht…Hätte ich mich in seine Lage einfühlen können, dann hätte ich mich so erkennen müssen, wie ich zu ihm war: ahnungslos, kalt, hart, kritisierend, korrigierend, erzieherisch und nie wirklich so, wie ich hätte sein wollen, wie ich es mir einbildete zu sein.

Liest man diesen Brief ohne die Interpretation Martin Millers zu kennen, der darin, wie oben beschrieben nur eine Taktik seiner Mutter vermutet, ihn ruhig zu stellen, könnte man glauben, dass Alice Miller sich wirklich mit ihrem Versagen als Mutter auseinander setzte. Bei seinen Recherchen für das Buch traf Martin Miller den Traumatherapeuten Oliver Schubbe, der für kurze Zeit mit Alice Miller therapeutisch arbeitete und den sie für die Zeit nach ihrem Tod von seiner Schweigepflicht entband. Er bestätigte, dass sie einerseits große Schulgefühle gegenüber ihrem Sohn empfand und ihn andererseits als Verfolger sah, von dem sie fürchtete, emotional und finanziell ausgenutzt zu werden.

Das Verhältnis zwischen Mutter und Sohn blieb bis zum Freitod Alice Millers sehr angespannt. Ihren letzten Brief an Martin unterschreibt sie als einzigen mit »Deine Mami«. Im Interview mit der »Welt« erklärt er dazu, dass diese Formulierung nicht von Herzen kam und er nach der Testamentseröffnung »eines Besseren belehrt worden« sei.

Im »taz«-Interview machte Martin Miller noch mal deutlich:

Mit meiner Mutter kann ich mich nicht versöhnen, denn sie hat ihre Fehler nie eingesehen. Mit meiner eigenen Geschichte habe ich mich jedoch versöhnt.

Die öffentliche Deutung der Lebensgeschichte Alice Millers

Ich denke es war wichtig, dass Martin Miller das Schweigen über die Lebensgeschichte seiner Mutter gebrochen hat, sowohl für die Leser ihrer Bücher als auch für ihn als Befreiung von dem unerträglichen Druck, nichts sagen zu dürfen. Das Lebenswerk von Alice Miller als Kindheitsforscherin und Verteidigerin der Kinderrechte wird durch das Buch ihres Sohnes nicht wirklich beschädigt. Im Gegenteil, es wird verständlicher, warum sie zu solch radikalen Erkenntnissen kam.

Dennoch habe ich nach dem Lesen von Martin Millers Buch auch ein ungutes Gefühl. Er konnte die Lebensgeschichte seiner Mutter nur sehr lückenhaft recherchieren. Vieles blieb im Dunkeln und konnte nur vermutet werden. Ich finde es zum Beispiel nicht überzeugend von kollektiven Erfahrungen Holocaustüberlebender auszugehen. Jedes Schicksal war auch sehr individuell und wenn man diese ganz persönlichen Erfahrungen und Hintergründe nur bruchstückhaft kennt, ist es schwierig, darauf eine Deutung aufzubauen, wie es Martin Miller in seinem Buch teilweise versucht.

Alice Miller analysierte in ihren Büchern gern historische Persönlichkeiten. Sie lagen gewissermaßen auf einer imaginären Couch, konnten sich aber selbst nicht äußern. Manches in Martin Millers Buch erinnert mich ein bisschen daran. Leider beantwortete seine Mutter zu Lebzeiten seine Fragen nicht ausreichend, so dass eben Vieles reine Spekulation bleibt. So sind die Deutungen, welche sich auf die Auswirkungen auf das Mutter-Kind-Verhältnis durch das Kriegstrauma beziehen, zum großen Teil nicht überzeugend für mich. Martin Miller hat damit eine für ihn befriedigende Erklärung der Haltung seiner Mutter ihm gegenüber gefunden. Er kann dadurch seine Geschichte besser annehmen, aber um so eine Deutung öffentlich zu machen, ist sie mir zu vage.

»Das wahre Drama des begabten Kindes«, ein mir zu reißerisch gewählter Titel, wird durch den Untertitel »Die Tragödie Alice Millers – wie verdrängte Kriegstraumata in der Familie wirken« ergänzt. Auch im Nachwort bezieht sich der schon erwähnte Traumaexperte Oliver Schubbe allein auf Kriegstraumatisierungen. Das Drama des Versagens von Alice Miller als Mutter scheint mir aber, stärker als im Buch thematisiert, mit ihren eigenen Kindheitserfahrungen zusammen zu hängen. Ich vermute, dass ihre Unfähigkeit, eine gute Beziehung zu ihrem Sohn aufzubauen an einer fatalen Verknüpfung zwischen Kriegstrauma, ihrer eigenen Erfahrung mit der vorherrschenden »schwarzen Pädagogik« und wenig empathischen Eltern lag. Die Betonung des Kriegstraumas ist mir persönlich zu stark.

IMG_20140408_100615Leider bleiben nach dem Lesen noch so viele Fragen offen. Es hätte mich zum Beispiel auch interessiert, wie Alice Miller mit der behinderten Tochter umgegangen ist und was Martin für eine Beziehung zu ihr hat. Das Coverfoto des Buches ist jedenfalls von ihr aufgenommen. Es zeigt eine Frau, die versucht zu lächeln, der das aber nicht wirklich gelingt. Sie wirkt auf mich irgendwie traurig aber auch streng und verschlossen. Ich finde es außerordentlich schade, dass Alice Miller es nicht wirklich geschafft hat, ihre Vergangenheit aufzuarbeiten. Am meisten hat ihr Sohn darunter gelitten, dessen traurige Kindheitsgeschichte mich sehr berührt hat.

 

 

 

 

 

 

 

 

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4 Gedanken zu “Der Abbruch der Schweigemauer

    • Kastanie schreibt:

      Liebe Anna, vielen Dank für Deinen Besuch und ich freue mich, wenn ich noch etwas Neues zu dem Buch beitragen konnte. Ist ja vor einem halben Jahr schon viel diskutiert worden. Liebe Grüße, Claudia

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      • buchpost schreibt:

        Ja, aber manchmal bekommt man doch nicht alles mit. Schon rein aus Zeitgründen lese ich gar nicht immer die Literaturbeilagen. Der SUB ist ohnehin zu groß. Umso schöner, wenn ich dann durch Blogs doch – wenn auch verspätet – auf ein Thema aufmerksam werde. Und dann gleich so toll aufbereitet wie in deinem Artikel! LG, Anna

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