Ein Gemüsefeld namens Knolle, der Postbeamte Emil Pelle … oder warum ich jetzt auch Gartenbücher lese

Unser Feld im Juli 2014

Unser Feld im Juli 2014 © Über den Kastanien

Eine Sonnenblume vor blauem Himmel – so sah der Buchumschlag des dicken Gartenbuchs aus, von dem wir damals im »Haus des Buches« in Dresden mehrere Paletten pro Tag verkauften. Nicht nur die Nachfrage nach den Neuerscheinungen von Volker Braun, Christa Wolf, Christoph Hein, Erwin Strittmatter oder Tschingis Aitmatow war in der DDR groß, auch die sogenannten Hobbybücher waren heiß begehrt. An erster Stelle standen dabei Titel über Eisenbahnen, dicht gefolgt von Kochbüchern und eben allem, was es über Gartenarbeit gab. Solche Bücher eigneten sich auch prima als Tauschobjekt gegen Handwerkerleistungen zum Beispiel. Obwohl Koch- und Gartenbücher in der Regel in großen Auflagen gedruckt worden sind, waren sie schon nach wenigen Tagen vergriffen.

In der DDR einen Kleingarten zu haben, war für die Bewohner der Städte schon ein großes Glück. Der Rückzug ins Private gelang aber damit nur bedingt. Schließlich wirtschaftete niemand für sich allein. Die Mitgliedschaft im »Verband der Kleingärtner, Siedler und Kleintierzüchter« (VKSK) war Pflicht. Walter Ulbricht boykottierte anfangs diese Organisation noch, unter Honecker wurde das Kleingärtnerwesen regelrecht gefördert. Die Kleingärtner konnten direkt an Geschäfte verkaufen und verbesserten so ein wenig die stets unzureichende Versorgung mit frischem Obst und Gemüse. Sie erhielten dafür einen Aufkaufpreis, der doppelt so hoch war wie der tatsächliche Ladenpreis. Es war also durchaus attraktiv ein sogenannter »Laubenpieper« zu sein. Der Kleingärtner versorgte sich selbst, konnte einen Teil seiner Ernte zu lukrativen Preisen verkaufen und hatte obendrein einen Platz im Grünen, wo er sich vom Alltag erholen konnte. Natürlich musste er sich aber am Verbandsleben beteiligen und hatte gewisse Anbauvorschriften zu beachten.

Schon im 19. Jahrhundert entstanden sogenannte »Armengärten«, die großzügige Landesfürsten für ihre Untertanen anlegen ließen, um die schlimmsten Auswirkungen der Armut zu mildern. Anfang des 20. Jahrhunderts blühte dann das Kleingärtnerwesen in den Großstädten so richtig auf. Insbesondere in Berlin entstanden Laubenkolonien der Arbeiterbewegung, des Roten Kreuzes oder der Eisenbahner. Parallel dazu entwickelte sich die Schrebergartenbewegung, die nicht, wie oft angenommen wird, vom Leipziger Arzt Moritz Schreber begründet wurde. Sie wurde nur nach ihm benannt. Genaueres dazu kann man im Deutschen Kleingärtnermuseum in Leipzig erfahren.

In Deutschland gibt es derzeit 970 000 Kleingärten, 650 000 davon befinden sich in Ostdeutschland. Das Durchschnittsalter der Gartenbesitzer liegt bei 60 Jahren. Jedoch pachten immer mehr junge Familien einen Kleingarten, so dass seit dem Jahr 2000 schon jeder zweite Neupächter jünger als 55 Jahre ist.

Erich Weinert
FERIENTAG EINES UNPOLITISCHEN (1930)

Der Postbeamte Emil Pelle
hat eine Laubenlandparzelle,
wo er nach Feierabend gräbt
und auch die Urlaubszeit verlebt.

Ein Sommerläubchen mit Tapete,
ein Stallgebäude, Blumenbeete,
hübsch eingefaßt mit frischem Kies,
sind Pelles Sommerparadies.

Zwar ist das Paradies recht enge
mit fünfzehn Meter Seitenlänge;
doch pflanzt er seinen Blumenpott
so würdig wie der liebe Gott.

Im Hintergrund der lausch’gen Laube
kampieren Huhn, Kanin und Taube
und liefern hochprozent’gen Mist,
der für die Beete nutzbar ist.

Frühmorgens schweift er durchs Gelände
und füttert seine Viehbestände.
Dann polkt er am Gemüsebeet,
wo er Diverses ausgesät.

Dann hält er auf dem Klappgestühle
sein Mittagsschläfchen in der Kühle,
Und nachmittags, so gegen drei,
kommt die Kaninchenzüchterei.

Auf einem Bänkchen unter Eichen,
die noch nicht ganz darüber reichen,
sitzt er, bis daß die Sonne sinkt,
wobei er seinen Kaffee trinkt.

Und friedlich in der Abendröte
beplätschert er die Blumenbeete
und macht die Hühnerklappe zu,
dann kommt die Feierabendruh.

Er denkt: „Was kann mich noch gefährden
Hier ist mein Himmel auf der Erden!
Ach, so ein Abend mit Musik,
da braucht man keine Politik!

Die wirkt nur störend in den Ferien,
wozu sind denn die Ministerien?
Die sind doch dafür angestellt,
und noch dazu für unser Geld.

Ein jeder hat sein Glück zu zimmern.
Was soll ich mich um andre kümmern?“
Und friedlich wie ein Patriarch
beginnt Herr Pelle seinen Schnarch.

In der Schule mussten wir dieses Gedicht auswendig lernen. Emil Pelle war der Inbegriff des unpolitischen Spießers und so wollte ich damals auf gar keinen Fall werden. Im Deutschunterricht haben wir das Gedicht von Erich Weinert natürlich hauptsächlich im Zusammenhang mit dem aufziehenden Faschismus in Deutschland interpretiert. Es gab zu viele politisch desinteressierte Menschen damals, aber auch heute ist der Typ des »Emil Pelle« leider noch nicht ausgestorben. Für mich stand er auch irgendwie tatsächlich für den Kleingärtner, den ich schon damals eher unsympathisch fand. Aus plausiblen Gründen wollten sich in der DDR viele aus dem politischen Alltag zurückziehen. Aber in einen Kleingarten? Dann schon lieber einen Bauernhof in Mecklenburg oder Brandenburg ausbauen, das konnte ich gut verstehen.

IMG_20140428_115152Da wir trotzdem nicht darauf verzichten wollten, unser eigenes Gemüse anzubauen und ab und zu in der Erde zu wühlen, wozu uns unser Minibalkon nicht mehr ausreichte, haben wir kurzerhand ein Gemüsefeld gepachtet. Seit einiger Zeit gibt es diese Alternative zum Schrebergarten für Leute wie uns, die nicht so für die Vereinsmeierei geboren sind. Das Unternehmen »meine Ernte« bietet in vielen Großstädten die Möglichkeit, einen kleinen Streifen Feld für eine Saison zu pachten. Es wird zu Beginn mit über 20 Gemüsesorten und mit Blumen bepflanzt, so dass man sich vorerst nur um Pflege und Ernte kümmern muss. Ein kleines Stück kann nach eigenen Vorstellungen bewirtschaftet werden. Geräte, Wasser und Beratung gibt es vor Ort.

Unser Feldchen befindet sich am Stadtrand von Dresden und wird vom Biohof Podemus zur Verfügung gestellt. Im März machten wir uns auf den Weg dorthin zu unserem ersten »Workshop«. Im Dunkeln haben wir uns erstmal verfahren, auch das war sozusagen »Neuland« für uns. Wahrscheinlich werden wir auch in Zukunft ganz unökologisch meistens mit dem Auto zu unserem Feld fahren, denn der Weg ist weit und steil. Falls wir aber nichts zu transportieren haben, eignet sich die Anfahrt auch für einen schönen Ausflug mit Straßenbahn und Fahrrad. Für unseren Sohn ist der Bauernhof nebenan mit großem Spielplatz und vielen Tieren jedenfalls schon mal ein attraktives Ziel.

In einer Scheune neben dem Kuhstall saßen an diesem Abend etwa 20 Leute, die wie wir ein Feld pachten wollten. Erstaunlich viele ältere Menschen waren darunter. Den Vortrag und die Fragen dazu verstanden wir an manchen Stellen schlecht, da die Kühe nebenan und ein anwesendes Baby auch mitreden wollten. Teilweise waren die Informationen auch widersprüchlich. Während der Vertreter von »meine Ernte« eher optimistische Angaben zum zu erwartenden Arbeitsaufwand machte, sprach der Gartenexperte, ein Selbstversorger aus dem Dorf, davon, dass wir auf jeden Fall jeden Tag mindestens eine Stunde aufs Feld müssten, um zu gießen, zu jäten und vor allem um die vielen Schnecken abzusammeln. Wir sind ja jetzt auch Biogärtner und haben als solche nicht viele Hilfsmittel gegen die natürlichen Feinde des Gemüsebeetes.

IMG_20140428_114153Vor ein paar Tagen haben wir unser bepflanztes Feld schon mal in Augenschein genommen und begossen. Jeder Pächter musste seinen Streifen benennen, wir haben uns für »Knolle« entschieden. Hinterher fiel uns ein, dass doch die Vogelscheuche bei »Bob, der Baumeister« auch so heißt. Aber egal, Hauptsache wir können genügend Knollen ernten. Im Moment sind nur ein paar zarte Salat-, Zwiebel- und Kohlrabispitzen zu sehen. Das nehmen wir jedenfalls an, denn so richtig kennen wir uns nicht aus, so dass der Blick in ein Gartenbuch ab und zu sicher von Vorteil ist.

IMG_0162

Ernte im Sommer 2014 © Über den Kastanien

Advertisements

12 Gedanken zu “Ein Gemüsefeld namens Knolle, der Postbeamte Emil Pelle … oder warum ich jetzt auch Gartenbücher lese

  1. Angela schreibt:

    Ich glaube, das Gartenbuch mit der großen Sonnenblume steht noch im Bücherschrank meiner Eltern oder befindet sich in einer Bücherkiste. Kommt mir jedenfalls bekannt vor, und vielleicht hab ich es selbst meinem Papa geschenkt.
    Dass es jetzt auch in anderen Formen als der Vereinsmeierei die Möglichkeit zum Selbstgärtnern gibt, find ich gut. Gerade wird ja auch in Löbtau ein kleines Areal für einen Bürgergarten freigegeben.
    Dann wünsche ich viel Erfolg mit dem eigenen Gemüse!

    Gefällt mir

    • Kastanie schreibt:

      Bürgergarten, das klingt auch gut. In Johannstadt gibt es ja den sogenannten „Internationalen Garten“. Leider wurde dieser jedoch erst mit einem Mobilfunkmast verschandelt und jetzt soll er wohl einem Parkhaus für die Uni-Klinik weichen.
      Übrigens haben wir gestern gerade unseren Anbauplan zugeschickt bekommen. Der ist ganz auf die Bedürfnisse von Gartenlaien zugeschnitten und enthält Fotos sowohl von den Jungpflanzen als auch von den erntereifen Pflanzen.
      Liebe Grüße und noch einen schönen Feiertag.

      Gefällt mir

    • Kastanie schreibt:

      Hallo Sonja, da muss ich mal recherchieren. Kann ein Weilchen dauern. Ich glaube, dass meine Eltern noch eins haben. Ich melde mich bei Dir. Viele Grüße von Claudia

      Gefällt mir

  2. Sandra schreibt:

    Ein wirklich schöner Artikel – vor allem die Darstellung Kleingarten vs. Mietgarten. Das sind eben auch die Gründe, warum ich mich (jetzt schon im 3. Jahr) für einen Mietgarten und nicht für einen Schrebergarten entschieden habe. Mich hat die Selbstversorgung sogar so inspiriert, dass ich in diesem Jahr mein eigenes Gartenbuch veröffentlicht habe 🙂
    Ich freue mich auf weitere Berichte über euer Projekt „Mietgarten“.
    Viele Grüße aus Köln
    Sandra

    Gefällt mir

    • Kastanie schreibt:

      Danke. Ich hatte noch gar keine Zeit bei Dir mal ausführlich zu „stöbern“. Da finden sich bestimmt auch noch ein paar Tipps für uns Neugärtner. – Wir sind im Moment sehr glücklich mit unserem Feld, haben jetzt sogar schon den ersten Salat und Radieschen geerntet. Gut finde ich die fachliche Begleitung von „meine Ernte“, da kann man wirklich nichts falsch machen. Mal sehen, ob es weitere Artikel hier dazu geben wird. Ist ja eigentlich ein „Buchblog“… Viele Grüße, Claudia

      Gefällt mir

      • Sandra schreibt:

        Hat der erste Salat gut geschmeckt? Ihr seid da schon viel weiter, bei uns dauert es bis zur ersten Ernte wohl noch ein paar Wochen… Falls du direkt mal einen Tipp für den Gemüsegarten brauchst, kannst du mich gerne auch direkt anschreiben! Ich bin ja schon so was wie ein alter Hase 😉
        Viele Grüße, Sandra

        Gefällt mir

  3. Jörg schreibt:

    Auch ich hatte das Gedicht vom Emil Pelle in der Schule zu lernen. Doch schon damals kamen einem Klassenkameraden und mir gewisse Zweifel – ob der E. Pelle es nicht ganz genau richtig mache ?
    Später wurde ich darob noch viel nachdenklicher, denn bei dem was mit den antifaschistischen Kämpfern der damaligen Zeit passierte … beispielsweise mit Erich Mühsam. Außerdem ist es zwar überraschend aber zutreffend, dem geschmähten Emil Pelle (-Typus) die Weisheit des Epikuräers zuzuerkennen. (siehe unten – wie das paßt !!!)
    Auf jeden Fall steht fest, es handelt sich um eine mehr als 2000 Jahre alte Frage (Wie soll man leben – Ataraxia), und das wurde damals in der Schule mit keinem Wort erwähnt.
    Ich wünsche uns alle viel Spaß beim Gärtnern: ich liebe das auch 🙂

    ——————.———————–
    Epikur (um 30 v. Chr.)

    „Der Weise wird sich nicht an der Politik beteiligen und nicht Herrscher sein wollen.“

    „Lebe im Verborgenen!“

    „Die politische Tätigkeit soll man fliehen als eine Schädigung und den Ruin der Seligkeit.“

    „Ursprung und Wurzel alles Guten ist die Lust des Bauches; denn auch das Weise und Subtile bezieht sich darauf zurück.“

    „Über nichts empfindet die Seele mehr Freude und Stille als über die gegenwärtigen und erwarteten Lustempfindungen des Körpers.“

    „Wem das Seinige nicht ausreicht, der ist arm, und wenn er der Herr der ganzen Welt wäre.“

    „Der größte Reichtum von allem ist die Selbstgenügsamkeit –
    Die größte Frucht der Selbstgenügsamkeit ist die Unabhängigkeit.“

    „Glück und Seligkeit liegen nicht in einer Menge Geldes oder in der Gewichtigkeit der Geschäfte oder in Regierungsämtern und Macht, sondern in Schmerzlosigkeit, Ruhe der Leidenschaften und einer Seelenverfassung, die das Naturgemäße umgrenzt.“

    „Wenn man Brot und Wasser hat, dann darf man sogar mit Zeus an Glückseligkeit wetteifern.“

    „Wem genug zuwenig ist, dem ist nichts genug“

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s