Heimliche Freuden

»Heimliche Freuden« ist eine von Hemingways »Pariser Skizzen«, die im Anhang der sogenannten Urfassung von »Paris, ein Fest fürs Leben« enthalten sind. Es handelt sich dabei um Kapitel, die entweder unvollständig und/oder in verschiedenen Fassungen im Nachlass des Autors gefunden wurden. Einige dieser Skizzen hatte Hemingway auch verworfen. Bei anderen war er sich noch nicht sicher, ob er sie veröffentlichen wollte. Möglicherweise gehörte der Text »Heimliche Freuden« zu dieser letzten Kategorie. Hemingway erzählt darin, welche Freude seine Frau und er dabei empfanden, sich die Haare gleich lang wachsen zu lassen. Nachdem er seine Korrespondententätigkeit, für die ein bürgerliches Auftreten Pflicht war, aufgegeben hatte, konnte er endlich sein Haar lang tragen, so wie er es bei den japanischen Malerfreunden von Ezra Pound gesehen hatte. Bei seiner Frau, die ihn liebevoll Tatie nannte, fand er dabei begeisterte Unterstützung:

…“Tatie, ich habe mir was Aufregendes überlegt.“
„Erzähl.“
„Ich weiß nicht, ob ich das sagen kann.“
„Sag es. Nur zu. Bitte, sag es.“
„Ich dachte, vielleicht könnte es so wie meins werden.“
„Aber deins wächst doch auch immer weiter.“
„Nein. Ich will es mir morgen kürzen lassen, und dann warte ich auf dich. Wäre das nicht schön für uns?“
„Ja.“
„Ich warte auf dich, bis wir es beide gleich lang haben.“

„Jetzt haben wir noch ein Geheimnis mehr. Wir werden keinem etwas davon erzählen.“
„Niemals. Wie lange werden wir das machen?“
„Ein Jahr?“
„Nein, sechs Monate.“
„Wir werden sehen.“
Das war in einem der Jahre, in denen wir den Winter in Österreich verbrachten. Dort in Schruns kümmerte sich niemand darum, wie man angezogen war oder was für eine Frisur man hatte, nur dass manche Leute in Schruns glaubten, weil wir aus Paris kamen, sei das jetzt dort so Mode. Es war einmal in Mode gewesen, warum also nicht noch einmal.
Herr Nels, der Hotelbesitzer, der einen Knebelbart im Stil Napoleons III. trug und in Lothringen gelebt hatte, erzählte mir, er erinnere sich, früher hätten alle Männer die Haare lang getragen und erst die Preußen hätten sich die Haare kurz schneiden lassen. Er sagte, es freue ihn sehr, dass man in Paris wieder zu dieser Mode zurückkehre. … Er sah darin eine Revolte gegen die Kriegsjahre. Etwas Gutes und Gesundes.

Diese Pariser Skizze gibt einen sehr intimen Einblick in die Beziehung zwischen Hemingway und seiner ersten Frau. Vielleicht ist sie deshalb auch kein Bestandteil der Auswahl an Kapiteln, die er im April 1961 als Vorschlag an seinen Verleger schicken wollte. Lange Haare zu tragen, war für Hemingway nicht nur eine gelungene Provokation an die Adresse der verhassten bürgerlichen Spießer auf der rechten Seite der Seine. Es hatte außerdem praktische Gründe, da er das Geld für den Frisör sparen konnte. Nicht zuletzt bot es ihm offensichtlich die Möglichkeit, transsexuelle Bedürfnisse unter dem Deckmantel der Mode ausleben zu können. Noch deutlicher soll das im ebenfalls postum veröffentlichten Roman »Ein Garten Eden« werden, der jetzt auch auf meiner Leseliste steht.

Mein Bild von Hemingway hat sich durch das Lesen dieser kurzen »Pariser Skizze« wieder ein bisschen gewandelt. Ich kannte den Autor bisher nur als Menschen, der, für mich schon sehr unangenehm, sowohl in seinen Werken als auch in seinem Leben einem starken Männlichkeitskult huldigte.

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6 Gedanken zu “Heimliche Freuden

  1. Kastanie schreibt:

    Vielen Dank für die interessanten Links. Ich habe mir jetzt endlich »Midnight in Paris« besorgt und hoffe, dass ich bald mal Zeit habe, den Film anzuschauen. Im Kino hatte ich ihn verpasst, obwohl ich Woody Allen sehr mag. – »Madame Hemingway« habe ich auch noch ungelesen daliegen. »Der Alte Mann und das Meer« war die perfekte Lektüre im Kuba-Urlaub vor vielen Jahren, zu Hause hätte es mich wahrscheinlich gelangweilt. – Ich bin gerade noch dabei, die beiden »Paris-Ausgaben« ein bisschen zu vergleichen, mal sehen ob ich bald noch etwas dazu schreiben kann. Liebe Grüße, Claudia

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