»Können Sie mir bitte helfen?« – Vom Buchhändlerblick, von schweigsamen Buchhändlern und den Erpressungsversuchen von Amazon

Neulich stand ich in unserer Stadtbibliothek mit einem Stapel Büchern vor einem Regal, da sprach mich von der Seite eine Frau, in der Bibliothekssprache wohl Nutzerin oder Leserin genannt, an und wollte von mir eine Auskunft haben. Leider musste ich das Missverständnis aufklären, aber gefreut hat es mich doch, dass ich nach über 20 Jahren, die ich nicht mehr als Buchhändlerin arbeite, immerhin für eine Bibliothekarin gehalten wurde. Eigentlich hätte ich ja damals sowieso lieber eine Bibliothekslehre angefangen, denn mit dem Verkaufen konnte ich mich nie so richtig anfreunden. Ich wollte Bücher empfehlen, die ich selbst gerne las statt oft gezwungen zu sein, gerade die Titel anzupreisen, die sich vielleicht schon zum Ladenhüter entwickelt hatten und immer mit Umsatzzahlen im Kopf hantieren zu müssen. Seltsamerweise war das mit dem ökonomischen Bewusstsein zu sozialistischen Zeiten nicht viel anders als danach. Zwar hatten wir Buchhändler in der DDR offiziell immer einen kulturpolitischen Auftrag zu erfüllen, nämlich zur Bildung des Volkes, vor allem in politischer Hinsicht beizutragen, ganz inoffiziell waren aber vor allem die Zahlen wichtig, damit am Ende des Monats die sogenannte Umsatzprämie ausgezahlt werden konnte.

Ich habe also noch den Buchhändlerblick oder war es vielleicht nur meine Brille und der Bücherstapel, die mich kurzfristig zur Bibliothekarin machten? Vielleicht kommen solche Verwechslungen auch daher, dass ich seit vielen Jahren eine sehr regelmäßige Besucherin der Stadtbibliothek bin. Angefangen hat das natürlich schon in meiner Kindheit. Erst war ich mit meiner Kindergartengruppe in der Kinderbibliothek. Später lieh ich mir zusammen mit meiner älteren Schwester Bücher in einer der vielen Betriebsbibliotheken aus, die damals ganz selbstverständlich wie der Betriebskindergarten oder die Betriebsambulanz zu den großen volkseigenen Werken gehörten und auch dazu beitrugen, dass die VEB nicht wirtschaftlich waren. Eine zeitlang besuchte ich auch die Fahrbücherei. Das war ein Lastwagen voller Bücher, der einmal pro Woche an einer dafür eingerichteten Haltestelle hielt. Glücklicherweise gibt es diese fahrende Bücherei immer noch und sie ist wohl auch in anderen Städten verbreitet. Ich kann mich aber daran erinnern, dass ich die Kinderbuchabteilung in der Fahrbücherei bald kannte und dann zur Erwachsenenabteilung wechseln wollte, was mir aber verwehrt wurde. Also brauchte ich vorerst wieder meine ältere Schwester, die für mich Bücher auslieh. Irgendwann mit 12 oder 14 durfte ich dann endlich die Stadtteilbibliothek für Erwachsene allein besuchen.

Dann begann ich im Buchhandel zu arbeiten und brauchte keine Bibliothek mehr. Außerdem hatte ich paradoxerweise nicht mehr so viel Zeit zum Lesen bzw. musste in der Lehre auch viel Pflichtliteratur lesen. Erst als mein Sohn mich im frühen Säuglings- und Kleinkindalter mit Mittagsruhen von mehreren Stunden beglückte, fing ich wieder an, intensiver zu lesen und meldete mich folgerichtig erneut in der Bibliothek an. Seit meiner Kindheit hat sich dort eine Menge geändert. Der Bestand ist fast vollständig ausgetauscht worden, aber ab und zu finde ich ein Buch mit einem eingeklebten Zettel drin auf dem Leihdaten aus den siebziger Jahren gestempelt sind. Die Lochkarten aus der EDV-Frühzeit gibt es ja nun auch nicht mehr. Dafür wird wie überall gescannt und ich kann meine Verlängerungen und Vorbestellungen elektronisch erledigen. Unverzichtbar ist für mich auch die Mail, die mich an den jeweiligen Abgabetermin erinnert. Sonst hätte ich vermutlich unfreiwillig schon sehr oft zur Finanzierung der Bibliothek beitragen müssen, da die unterschiedlichen Rückgabefristen für Bücher und alle möglichen Datenträger schon ein ausgeklügeltes Kalendermanagement erfordern.

Ich mag auch die ganz besondere Bibliotheksatmosphäre, in der ich zwar ganz ungestört nach Büchern suchen kann, aber nie wirklich allein bin. Fast jede Woche führt mich mein Weg einmal in die Stadtbibliothek und regelmäßig überschätze ich die Geschwindigkeit, in der ich Bücher lese. Ich sehe einfach immer zu viele interessante Bücher gleichzeitig, die ich alle mitnehmen muss, obwohl von vornherein klar ist, dass ich diese nicht innerhalb von acht, ganz zu schweigen von vier Wochen normaler Leihfrist, durchlesen kann. So passiert es ab und zu, dass ich ein Buch nicht mehr verlängern kann, weil es schon wieder jemand vorbestellt hat. Dann muss ich es mir eben kaufen, was ja auch in Ordnung ist, denn bestimmte Buchhandlungen mag ich genauso wie die Bibliothek.

Der schweigsame Buchhändler

Im »Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel« gibt es eine Serie zu Lieblingsbuchhandlungen. Heute las ich den Beitrag von Marion Poschmann über die »Proust-Buchhandlung« in Essen. Sie schreibt darin über ihre Vorliebe für Buchhändler mit einem beredten Schweigen. Ich freue mich so, dass ich nicht allein bin mit meiner Aversion gegen das sofortige Angesprochenwerden in Buchhandlungen oder auch in allen anderen Geschäften. Ganz oft habe ich besonders in den Filialen großer Buchhandelsketten schon erlebt wie jede Kundin und jeder Kunde mit einem stereotypen Satz angesprochen wurde, von den obligatorischen Fragen an der Kasse nach Give-aways oder neuerdings auch Kundenkarten ganz zu schweigen.

Ich habe so einen schweigsamen Buchhändler auch in meiner Nähe gefunden. Die Lage der Buchhandlung ist ideal, sie befindet sich an der Haltestelle »meiner« Straßenbahn. Sie ist klein und als sie vor ein paar Jahren eröffnete, hörte ich wie zwei ältere Damen sich darüber unterhielten, dass die Buchhandlung bestimmt nicht lange »überleben« werde. Ob sie nun mit dem Angebot nicht zufrieden waren, den Buchhändler nicht mochten oder wegen der Konkurrenz der nahen Thalia-Buchhandlung zu solch einem Urteil kamen, weiß ich nicht. Allerdings muss ich zugeben, dass auch ich skeptisch war, denn allzu oft öffnen und schließen bei uns in der Gegend Geschäfte und Restaurants so schnell, dass wir es meistens nicht mal schaffen, ihnen einen ersten Besuch abzustatten.

Aber die Zeiten scheinen sich zumindest für kleine Buchhandlungen gewandelt zu haben. Konnten in den neunziger Jahren die Ladengeschäfte nicht groß genug sein, werden heute Verkaufsflächen reduziert und auch die individuelle Buchhandlung ist wieder mehr gefragt. In meiner bevorzugten Buchhandlung hat der Buchhändler also dieses beredte Schweigen, womit gemeint ist, dass ich mich nicht erklären muss, was ich für ein Buch suche, aber eine mich ansprechende Auswahl an Büchern vorfinde, die in großen Teilen meinen Vorlieben entspricht. Meist begrüßen wir uns nur freundlich und ich kann in Ruhe mal in dieses und mal in jenes Buch reinlesen und mich zum Kauf animieren lassen oder mich einfach nur an den vielen Entdeckungen, die ich dabei mache, erfreuen.

Einen weiteren Vorteil hat meine Buchhandlung auch noch: Ich kann, wenn ich will, bequem über ihren Onlineshop einkaufen. In der Regel kann ich mir das bestellte Buch am nächsten Tag abholen oder es mir sogar versandkostenfrei liefern lassen (was aber in meinem Fall, da ich fast nebenan wohne, natürlich nicht infrage kommt). In dem besagten Internetladen muss ich mich nicht mal registrieren lassen, meine Mailadresse und mein Name reichen für die Bestellung aus. Inzwischen bieten viele Buchhändler diesen Service an und dank der Buchpreisbindung gibt es nun wirklich keinen Grund mehr, außer vielleicht bei gebrauchten Büchern, aber auch da gibt es Alternativen, bei Amazon zu bestellen. Wenn es unbedingt ein Internetbuchhändler sein muss, tut es übrigens auch das von der Börsenvereintochter MVB betriebene Portal buchhandel.de. Dort kann man sich dann aussuchen, welche Buchhandlung das Buch liefern soll.

Wie stark ist Amazon?

Schon allein die Arbeitsbedingungen bei Amazon sind ein guter Grund für mich, lieber beim örtlichen Buchhandel einzukaufen. Darüber hinaus spielt Amazon eine äußerst unsympathische Rolle, wenn es darum geht, seine Marktposition in Deutschland und Europa auszubauen. Die Abschaffung der Buchpreisbindung würde dem Konzern dabei natürlich sehr gelegen kommen. Kürzlich haben einige Bremer Buchhandlungen ihre Schaufenster verhängt, um gegen die Gefahr der Aufhebung der gebundenen Bücherpreise durch das TTIP, das sogenannte Freihandelsabkommen zwischen der EU und den USA, zu protestieren. Die Kunden fragten entsetzt nach, ob die Buchhandlungen denn jetzt schließen würden. Schön wäre es wenn durch solche Aktionen noch mehr Menschen wach gerüttelt werden könnten.

Einen Vorgeschmack auf eine Zeit, wo Konzerne wie Amazon die Kulturbranche beherrschen könnten, gibt es momentan beim Rabattkampf zwischen dem Onlinehändler und der schwedischen Bonnier-Unternehmenssgruppe, zu der auch deutsche Verlage wie Carlsen, Piper oder der Berlin Verlag gehören. Amazon fordert Rabatte bis zu 50% für den Verkauf von E-Books. Das hat die Verlagsgruppe abgelehnt und daraus entwickelte sich nun eine Art Wirtschaftskrieg, der dank der FAZ öffentlich wurde. Amazon liefert nun einfach Backlisttitel aus dem Printbereich der Verlagsgruppe mit deutlich längeren Lieferzeiten aus. Das könnte zum Beispiel Autoren verführen zu anderen Verlagen oder gleich zu Amazon, der im E-Book-Bereich auch Verleger ist, zu wechseln. Offensichtlich hat der Onlineriese aber nicht mit der Solidarität der Autoren mit ihren Verlagen gerechnet. Auch Verlegerkollegen wie von Kiepenheuer & Witsch kritisieren Amazon oder wehren sich gegen Rabattforderungen wie der Bastei-Lübbe-Verlag. In den USA tobt ein ähnlicher Streit zwischen dem Onlinebuchhändler und dem Buchkonzern Hachette. Auch hier gibt es viel Unterstützung für die Verlegerseite von Verbänden und vor allem von unabhängigen Buchhandlungen, die für den Kauf von Hachette-Büchern werben. Etwas Hoffnung besteht also, dass die Erpressungsversuche von Amazon nicht zum gewünschten Ziel führen.

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5 Gedanken zu “»Können Sie mir bitte helfen?« – Vom Buchhändlerblick, von schweigsamen Buchhändlern und den Erpressungsversuchen von Amazon

  1. perlengazelle schreibt:

    Ich freue mich, dass die kleine, aber feine und stille Buchhandlung meiner Heimatstadt Essen hier erwähnt wird. Neben einer exzellenten Auswahl an Büchern gibt es hier auch die eine oder andere Jazz-Cd, so dass mein Gatte ebenfalls auf seine Kosten kommt.
    Und die Nussecken, die Proust online in seiner Backschule vorstellt, habe ich nachgebacken. Sie sind oberlecker. Passen perfekt zu Couch und Buch und Musik. 🙂

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    • Kastanie schreibt:

      Ja, das scheint auch eine Buchhandlung für meinen Geschmack zu sein. Wenn ich mal in Essen bin, schaue ich mich auf jeden Fall mal dort um. 🙂 Liebe Grüße aus Dresden, Claudia

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  2. buchwolf schreibt:

    Äußerst sympathischer Beitrag, Kastanie! In vielem geht es mir ähnlich, erlebe ich Buchhandlungen bzw. „meine Buchhandlung“ auf die gleiche Weise (z. B. beim online-Bestellen, das ich ebenfalls sehr praktisch finde). Schön finde ich, dass auch ich meinem Buchhändler, genauer: meiner Buchhändlerin, nützlich sein kann, der ich z. B. eine spezielle Verkaufs-App für Buchhändler empfehlen konnte.
    lg,
    Wolfgang / buchwolf

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  3. Ulrike Sokul schreibt:

    Liebe Claudia,
    darf ich Dich passend zumThema buchhändlerischen Kommunikationstalents mit nachfolgendem Link zu einer BUCHSTABENSUPPE auf mein Buchbesprechungs-Blog einladen?
    https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/11/05/abschweifung-nr-1/
    Es handelt sich dabei nicht um eine Rezension sondern um eine Sammlung amüsanter STILBLÜTEN aus dem Buchverkaufsalltag.
    Bibliophile Grüße 🙂
    Ulrike von Leselebenszeichen

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