Marion Brasch »Ab jetzt ist Ruhe – Roman meiner fabelhaften Familie«

IMG_20140706_183113Auf Marion Braschs Roman wurde ich aufmerksam, als die Autorin 2012 nach Erscheinen ihres Buches durch die Talkshows im Fernsehen tingelte. Mir gefiel die natürliche unkonventionelle Art der ehemaligen Radiomoderatorin von »DT64« und ich war natürlich neugierig, was die Schwester von Thomas Brasch und Tochter eines hohen Parteifunktionärs über ihre Familie geschrieben hatte.

Nach 1990 sind viele Bücher erschienen, die das Leben in der DDR in Romanen oder Biografien verarbeitet haben. Wenige davon haben mich wirklich überzeugt und sind wie »In Zeiten des abnehmenden Lichts« auch literarisch von Bedeutung. Marion Braschs Buch ist keine große Literatur, aber es ist eins von den Büchern, in denen ich Erlebnisse und Gefühle aus meiner Kindheit und Jugend wiedergefunden habe. Das mag daran liegen, dass die Autorin nur wenige Jahre älter ist als ich, aber auch daran, dass sich das Leben einer Funktionärstochter in den siebziger und achtziger Jahren offensichtlich nicht so wesentlich von meinem unterschied, weil die Biografien in der DDR in der Regel sehr geradlinig verliefen.

Dennoch hat jeder seine eigene Wahrheit über dieses Land, abhängig von der Familie, in die er hineingeboren wurde, der Generation, der er angehört und natürlich auch geprägt von zufälligen persönlichen Erlebnissen. Marion Braschs Empfindungen decken sich in vielen Aspekten mit meinen. Wir hassten spätestens Ende der achtziger Jahre das verkrustete politische System und wir langweilten uns zuweilen sehr in diesem kleinen spießigen Land und wollten die große weite Welt sehen. Im Westen sahen wir aber keine Alternative für uns. Hinfahren und Anschauen ja, aber nicht dableiben.

„Hast Du eigentlich überlegt dazubleiben?“
„In England? Nicht ernsthaft.“
„Nicht ernsthaft?“
„Naja. Es war eher ein Gedankenspiel. Was wäre, wenn, und so.“
„Ja, und?“
„Ich habe zu viel Schiss, glaube ich.“
„Wovor denn?“
„Keine Ahnung. Vor einer unsicheren Zukunft. Fremd zu sein. Niemanden zu kennen…“
„Du hättest bei deinem Großvater bleiben können.“
„Ja, vielleicht. Und vielleicht bin ich ja wirklich zu feige.“
„Na ja, man könnte es auch anders sehen. Man könnte auch sagen, es war mutig, wieder zurückzukommen.“
„Quatsch. Ich habe hier keine Probleme. Für mich war es nicht mutig, wieder zurückzukommen. Mir geht es ja gut.“

Auf der einen Seite wollten wir die Sicherheit, in der wir lebten, nicht aufgeben, auf der anderen Seite gab es auch noch den Traum von einem »besseren« Sozialismus, den ja auch Marion Braschs Brüder träumten und wesentlich vehementer einforderten, als die kleine Schwester es tat. Für sie war es schon schwer, im Wendeherbst 1989 ihre Unterschrift auf ein Protestschreiben von Künstlern an die DDR-Regierung zu setzen.

Eine glückliche Kindheit?

Der etwas seltsam anmutende Titel »Ab jetzt ist Ruhe« ist ein Satz, den Mutter und Kinder abends Wort für Wort abwechselnd sprachen, um die Nachtruhe vorzubereiten. Ein schönes Schlafritual, dass eine heile Kinderwelt suggeriert. »Ja, ich hatte eine gute Kindheit und eine tolle Familie« sagt Marion Brasch dazu im Interview mit der »Berliner Zeitung«. Sie wollte sich mit Leichtigkeit ihrer Familiengeschichte widmen, die eigentlich ziemlich tragisch ist. Der Untertitel, der die Familie »fabelhaft« nennt, kündet auch von dieser eher ironisch distanzierten Auseinandersetzung. Der lakonische Schreibstil ist gekonnt, aber er lässt oft nur vermuten, mit wie viel Einsamkeit, Schmerz und dem Gefühl, nicht dazu zu gehören eigentlich jeder in dieser Familie kämpfen musste.

Die Mutter stirbt mit 54 Jahren an Krebs, der Vater wird nur 67 Jahre alt. Die Brüder sterben alle drei durch den jahrelangen Missbrauch von Alkohol und/oder Drogen. Marion Brasch hatte einige Jahre Bulimie. Dazu erklärt sie im schon genannten Interview: »Es ging immer darum, ein Loch zu stopfen, buchstäblich. Meine Brüder taten es mit Alkohol oder Drogen, ich mit Essen…. Wir standen alle immer abseits von etwas. Thomas blieb im Westen ein Außenseiter, weil er nicht zu den Dissidenten gehörte, die in den Westen kamen und tönten, wie scheiße der Osten sei. Peter stand immer etwas abseits der Literatenszene im Prenzlauer Berg. Klaus war nur Gast an der Volksbühne, er gehörte nicht zum Ensemble. Na ja, und ich stand immer etwas außerhalb meiner Familie…. Mein Vater war der beschnittene Jude in einem katholischen Internat, und dann war er Westemigrant. Zweite Reihe. Er gehörte auch nicht dazu. Und meine Mutter gehörte nie richtig in dieses Land.«

Marion Braschs jüdische Eltern waren beide während der Nazidiktatur nach London emigriert. Ihre Mutter stammte aus Wien. Der Vater wuchs in Oberbayern in einem katholischen Umfeld auf, nach dem seine Mutter wegen der Heirat mit einem Katholiken konvertierte. Als Begleiter eines Kindertransportes kam er nach London. Zu Kriegsbeginn wurde Horst Brasch in einem Lager in Kanada interniert, wo er, der bis dahin noch Priester werden wollte, mit kommunistischen Ideen in Berührung kam. Gerda Brasch war sehr künstlerisch ambitioniert, wollte Sängerin oder Schauspielerin werden. Sie lernte ihren Mann kennen, als dieser eine zeitlang regelmäßig die Vorstellungen ihrer Theatertruppe in London besuchte und er außerdem in der dortigen Emigrantengemeinschaft politisch aktiv war. Horst Brasch ging 1946 voller Enthusiasmus in die sowjetische Besatzungszone und wollte beim Aufbau des Sozialismus mithelfen. Seine Frau sträubte sich ein Jahr lang, mit ihm zu gehen, folgte mit dem 1945 geborenen Sohn Thomas dann aber doch nach. Horst Brasch wurde nach verschiedenen anderen Funktionen in der DDR stellvertretender Kulturminister, seine Frau arbeitete zeitweise als Sekretärin von Erich Honecker, später dann bei Rundfunk und Fernsehen.

Das Ehepaar bekommt vier Kinder, drei Jungen und zuletzt noch ein Mädchen. Da ist die Mutter 40 Jahre alt: »Eigentlich war sie mit mir überfordert. Sie hatte wohl nicht mehr die Kraft, mir die Zuwendung zu geben, die ich vielleicht gebraucht hätte.« Alle vier Kinder leiden darunter, nicht genügend Aufmerksamkeit von den beruflich stark engagierten Eltern zu bekommen. Die Kinder besuchen Wochenkrippen und Internate, Thomas kommt schon mit 11 Jahren in eine Kadettenschule der Nationalen Volksarmee, die es damals noch gab. Die Eltern empfanden das als normal. Sie wollten ein neues Deutschland aufbauen und waren der Meinung, dass die Kinder vor allem eine kommunistische Erziehung brauchten, die es in den Einrichtungen des Staates zuverlässig gab. Mit dieser Einstellung waren sie nicht allein, auch aus anderen Nachkriegsbiografien von Kindern überzeugter Kommunisten kenne ich dieses Phänomen, was aus heutiger Sicht sehr bedrückend ist. Im Buch heißt es dazu lakonisch:

Von da an ging ich in die Wochenkrippe – eine fabelhafte Einrichtung: Montagfrüh wurde man frisch gewindelt abgegeben und Freitagabend im gleichen Zustand wieder abgeholt. Dazwischen galt meine ganze Aufmerksamkeit vermutlich der Aufnahme und dem Ausscheiden von Nahrung.

Der Vater – Vom gläubigen Katholiken zum gläubigen Kommunisten

Für die Schwester von Thomas Brasch hätte es nahe gelegen, das bekannteste Mitglied ihrer Familie in den Mittelpunkt ihres Romanes zu stellen. Stattdessen enthält das Buch neben ihrer eigenen Geschichte aber vor allem ein gefühlvolles Porträt ihres Vaters: »Ich habe beim Schreiben gemerkt, dass er der eigentliche Held meines Buches ist. Alles, was sich in der Familie abspielte, drehte sich um ihn. Er ist das Zentrum der Familie und für mich die Hauptperson. So lange, bis ich sage, jetzt bin ich erwachsen und jetzt geh ich meinen Weg.«

Horst Brasch wurde als sogenannter Westemmigrant von seinen Genossen, die im KZ gesessen hatten und vor allen von denen, die wie die Gruppe um Walter Ulbricht während der Naziherrschaft in der Sowjetunion gewesen waren, mit viel Misstrauen behandelt. Seine jüdische Herkunft war in den fünfziger Jahren, als Stalin noch lebte, auch eher nicht förderlich für eine politische Karriere. Vielleicht stellte er deshalb die Parteidisziplin so über alle anderen Lebensprinzipien, vielleicht war sie die Folge der strengen katholischen Erziehung, die auch keinen Widerspruch duldete.

Horst Brasch war durch und durch Funktionär seiner Partei, auch zu Hause beantwortete er den Kindern ihre Fragen mit Referaten und stieß damit zunehmend vor allem auf den Widerstand der Söhne. Als Thomas Brasch 1968 mit seiner damaligen Freundin Bettina Wegner Flugblätter gegen den Einmarsch der sowjetischen Truppen in Prag verteilte, zeigte ihn der eigene Vater an. Der Sohn musste daraufhin ins Gefängnis und der Vater wurde von seiner Partei degradiert. Erst schickte man ihn zur Schulung nach Moskau, dann gab man ihm nur noch den Posten des stellvertretenden Bezirkssekretärs von Karl-Marx-Stadt.

Die Partei hatte so einen hohen Stellenwert für ihn, dass er versuchte, sich das Leben zu nehmen, als es zu Unstimmigkeiten mit seinen Genossen kam:

„Wer so redet, ist kein Kommunist“, sagte plötzlich der wichtigste der Wichtigmänner. Ein Wort gab das andere, die Männer schrien sich an, und schließlich knallte mein Vater sein Parteibuch auf den Tisch und verließ die sprachlose Runde. Er kam nach Hause und wollte Abschied nehmen. Er wollte sich das Leben nehmen wegen einer Partei, die ihn nicht zurückliebte.“

Die fast 14-jährige Tochter rettete ihn, in dem sie sich Hilfe bei seinen Genossen holte. Horst Brasch wurde erneut degradiert, nun durfte er nur noch Generalsekretär der »Liga für Völkerfreundschaft« sein. Er füllte diesen Posten aber ohne verbitterte Gefühle gegenüber seiner Partei aus, wie ein gehorsamer Soldat eben.

Ich habe beim Lesen viel Wut gegenüber dem Vater empfunden, aber auch Mitgefühl für die Tragik in seinem Leben, das »Gute« zu wollen und dabei jedoch sich und vor allem auch die Kinder, besonders die Söhne, ständig zu verletzen.

Manchmal sind seine Prinzipientreue und das Ablehnen von Privilegien, die so viele Funktionäre ganz selbstverständlich für sich in Anspruch genommen haben, auch sympathisch. Eines Tages kommt der Schuldirektor seiner Tochter zu ihm nach Hause und schlägt ihm vor, Marion, die nur durchschnittliche Schulleistungen hat, an die Erweiterte Oberschule zu delegieren:

„Ich habe kein Interesse daran, dass meine Tochter bevorzugt wird.“, unterbrach mein Vater den Direktor und schaute ihn grimmig an. „Wenn sie nicht zu den Besten gehört, macht sie auch kein Abitur. So einfach ist das.“
Man konnte meinem Vater viel vorwerfen: Er war rechthaberisch, autoritär, engstirnig und dogmatisch – doch er war auch geradlinig und auf eine fast puristische Weise genügsam. Vetternwirtschaft und Filz waren ihm zuwider. Sein Chef, der erste Sekretär, hatte sich vor kurzem ein großes Haus bauen lassen und es mit Geldern bezahlt, die ihm nicht gehörten. „So etwas macht man nicht“, hatte mein Vater gesagt. „Es ist unmoralisch.“

»Vor den Vätern sterben die Söhne«

Das war der Titel eines Buches von Thomas Brasch, welches im Westen großen Erfolg hatte, in der DDR durfte es nicht erscheinen. Es beschreibt den Generationenkonflikt zwischen der dogmatischen DDR-Führung, die vor allem ihre Macht erhalten wollte und jungen Menschen, die für die Reformierung des Sozialismus kämpfen.

Dieser Generationenkonflikt spielt sich auch zwischen den Söhnen und dem Vater in der Familie Brasch ab. Während im Westen Ende der sechziger Jahre eine ganze Generation von jungen Leuten gegen verkrustete politische Zustände und gegen die eigenen Eltern rebellierte, hat sich dies in der DDR wohl eher im Verborgenen abgespielt.

Die Ursachen des Vater-Sohn-Konflikts liegen aber zumindest in der Beziehung zum ältesten Sohn noch tiefer. Thomas ging mit 11 Jahren freiwillig auf eine Kadettenschule. Wie viele Jungen in seinem Alter war er von Uniformen fasziniert. Als es dann auf dieser Schule doch nicht so war, wie er sich das vorgestellt hatte und er Heimweh bekam, wollte er wieder nach Hause. Der Vater lehnte diesen Wunsch sehr rigoros ab und Thomas musste bleiben. Das hat der Sohn sein ganzes Leben lang nicht verstanden und es war immer wieder Thema der Auseinandersetzungen mit seinem Vater und neben der Tatsache, dass dieser ihn 1968 angezeigt hatte, ein Grund für die beiderseitige Entfremdung.

Der Sohn geht immer wieder auf den Vater zu, versucht ihm sogar in einem Brief zu schreiben, wie lieb er ihn trotz allem hat. Erst als er kurz vor der politischen Wende 1989 sterbenskrank im Krankenhaus liegt, kann er beiden noch lebenden Söhnen ein bisschen zeigen, dass er stolz auf ihre künstlerischen Erfolge ist. Zu diesem Zeitpunkt war gerade das einzige Buch des ältesten Sohnes in der DDR erschienen, ein Band mit Theaterstücken.

Das Los der kleinen Schwester

»An meinem 20. Geburtstag bin ich mal vor meiner eigenen Party geflüchtet. Ich stand auf der Straße und hab mich gefragt, wer ich eigentlich bin, verglichen mit meinen Brüdern, den Künstlern und Rebellen. Ich fand nichts, das mich zu einem besonderen Menschen gemacht hätte…. Ich hatte das Gefühl, ein sehr durchschnittlicher und langweiliger Mensch zu sein.«

Das sagte Marion Brasch im Interview und auch im Buch kam es mir so vor, als ob sie ein bisschen damit kokettiert ja nur die kleine Schwester gewesen zu sein, für die sich niemand interessierte. Rein äußerlich betrachtet mag das ja so sein, aber wenn man näher hinschaut, wird natürlich klar, dass sie als einzige in der Familie nicht am Leben gescheitert ist sondern ihren ganz eigenen, wenn oft auch angepassten Weg gegangen ist. Sie hat ihre Bulimie überwunden und ist, wie Jochen Schmidt im »Freitag« schreibt, für »viele eine Identifikationsfigur geworden.« Weiter heißt es in diesem Artikel: »Sie ist eine der wenigen noch aus dem Osten stammenden prominenten Figuren in den Medien. Eine markante Stimme beim Berliner Sender »radioeins«. Für manche ist ihre anti-intellektuelle und empathische Art, Gespräche mit ihren Gästen zu führen, ein rotes Tuch.«

Nachdem der Vater der Meinung war, dass seine Erziehung bei den Söhnen versagte, wollte er beim jüngsten Kind alles richtig machen. Das führte dazu, dass er zu Marion wohl eine engere Beziehung als zu seinen anderen Kindern aufbauen konnte. Zwar muss auch sie mit seiner Prinzipientreue kämpfen aber er lässt ihr mehr Freiräume als den Söhnen. Dafür ist sie dann auch angepasster als ihre Brüder. Sie tritt zum Beispiel nur dem Vater zuliebe in die Partei ein und verhält sich dabei ähnlich wie ihre Mutter, die auch nie wirklich überzeugt war von den Idealen ihres Mannes. Ansonsten versucht die »kleine Schwester« aber ihre eigenen Vorstellungen durchzusetzen. Das betrifft ihren beruflichen Weg genauso wie die Wahl ihrer ersten Wohnung, die anders erfolgt als der Vater es sich vorstellt. Richtig rebellisch verhält sie sich eigentlich aber nur gegenüber der zweiten Frau des Vaters, die mir allerdings im Buch etwas zu einseitig negativ geschildert wird.

Für die Tochter nutzt der Vater sogar einmal seine Beziehungen aus. Beide fliegen nach London zum Großvater, dem Stiefvater von Marions Mutter, der schon sehr alt ist. Diese gemeinsame Reise gehört für mich zu den sehr berührenden Stellen im Buch. Marion darf sogar einige Tage allein in London bleiben, ein großer Vertrauensbeweis des Vaters. Als sie sich bei ihrer Ankunft in Berlin jedoch nicht gleich meldet, spürt man an seinen übertriebenen Reaktionen wieder diese große Angst, die Tochter könnte ihm auch noch verloren gehen.

Gemeinsame Erinnerungen

Neben der Neugier auf die Familiengeschichte der Braschs, die durch das Buch durchaus befriedigt wurde, habe ich den Roman vor allem wegen der vielen Wiedererkennungserlebnisse gern gelesen. Das mag für manche Menschen nach DDR-Nostalgie klingen, hat aber eher damit zu tun, dass ich zu der Generation gehöre, die ihre Kindheit und Jungend in diesem Land erlebt hat und nur wenige erwachsene Jahre. Diese Erinnerungen haben ja meist einen Hauch von Sehnsucht nach vermeintlich heilen Welten.

Marion Brasch nennt in ihrem Buch eigentlich nie Namen von prominenten Personen und Ereignissen. Meist fiel es mir dann trotzdem ein, wer oder was gemeint sein könnte. Da ist zum Beispiel vom Film »Solo Sunny« die Rede, der eine DDR-Realität abbildete, die sonst in den Medien nicht zu finden war oder es treten bekannte Künstler wie Bettina Wegner, Katharina Thalbach oder der »Dichter mit der hohen Stirn« Heiner Müller in Erscheinung. Erinnerungen an die Rockkonzerte, die ausgerechnet im Sommer 1989 in Berlin und auch in Dresden stattfanden, wurden wieder wach und natürlich an den Jugendsender »DT64«, der noch kurz vor der Wende richtig gut wurde und gegen dessen plötzliche Abschaltung 1990 auch in Dresden spontan demonstriert wurde.

Bekannt kamen mir auch die Schilderungen vom Aufwachsen im Neubaugebiet (heute Plattenbau genannt) vor und den Wunsch dort auf jeden Fall nicht alt werden zu wollen, hatte ich auch. Lieber war es uns, in eine heruntergekommene Altbauwohnung mit Außenklo und Ofen zu ziehen, um der Tristesse einer Vollkomfort-Einheitswohnung mit Schrankwand zu entgehen. Viele andere Erinnerungen wurden noch aufgefrischt zum Beispiel die von den Reisen in überfüllten Zügen nach Ungarn und das Gefühl sich dort ein bisschen wie im Westen zu fühlen. Jedenfalls konnte man da Bücher und Schallplatten kaufen, die es in der DDR nicht gab.

Marion Braschs Buch ist ein Roman, keine Autobiografie. Der »Berliner Zeitung« sagte sie: »Für eine Biografie hätte ich viel mehr recherchieren müssen, dazu hatte ich keine Lust. Ich wollte eine gewisse Freiheit beim Schreiben haben und mir meine Subjektivität bewahren. Außerdem hat es mir Spaß gemacht, zwischendurch ein bisschen rumzuspinnen.« Ich neige oft dazu bei solchen autobiografisch geprägten Werken zu viel für bare Münze zu nehmen, aber ich denke hier in diesem Fall stimmen die wesentlichen Punkte doch mit der Wirklichkeit überein. Das lässt sich zum Teil an biografischen Details der Vorbilder für den Roman nachprüfen, vor allem wenn es um den Vater und die Brüder in der Brasch-Familie geht.

Ende Juli wird Marion Braschs zweites Buch erscheinen. Es hat den Titel »Wunderlich fährt nach Norden«. Würden Brüder und Eltern noch leben, wären sie jetzt vielleicht doch noch etwas stolz auf die kleine Schwester und die Tochter, die immer im Schatten der öffentlichen Aufmerksamkeit stand.

 

 

 

 

 

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4 Gedanken zu “Marion Brasch »Ab jetzt ist Ruhe – Roman meiner fabelhaften Familie«

  1. dasgrauesofa schreibt:

    Das ist ja schon wieder so ein toller umfassender Artikel, der weit über die Eindrücke zur Buchlektüre hinausweist. Und natürlich auch, weil Du das Großwerden in der DDR natürlich ganz anders einordnen kannst. — Immer wieder bedenklich sind ja die – eigentlich doch so gut gemeinten – Erziehungsvorstellungen von Eltern. Egal in welchem politischen oder wirtschaftlichen System, in welchem Zeitalter, immer wieder geistern merkwürdige Ideen durch die Gesellschaft und lassen Eltern noch merkwürdigere Entscheidungen treffen, sodass jede Generation ganz zuverlässig mit ihrem Päckchen ins Leben starten muss. Ob das wohl ewig so weiter geht?
    Viele Grüße, Claudia

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    • Kastanie schreibt:

      Es freut mich, dass Dir der Artikel gefallen hat. Bei diesem Buch bot es sich an, auch über persönliche Erfahrungen zu schreiben. Die Frage, wie und vor allem in welchem Ausmaß sich Eltern von der gesellschaftlich akzeptierten Meinung bei der Erziehung ihrer Kinder beeinflussen lassen, beschäftigt mich auch schon länger. Ich bin aber verhalten optimistisch, dass das nicht mehr ganz so stark passiert wie es bis Anfang der neunziger Jahre geschehen ist. Die Vielfalt der Erziehungsvorstellungen ist heute schon wesentlich bunter. Das liegt sicher daran, dass Eltern heute schon selbstbewusster sind als es noch deren Eltern waren, aber wahrscheinlich auch daran, dass es nicht mehr nur eine Expertenmeinung gibt. Die doch noch weit verbreitete Expertenhörigkeit macht es aber auch so schwierig, einen eigenen Weg zu finden. Jeder „Experte“ erzählt eben etwas anderes. Dennoch gibt es schon auch heute noch in manchen Dingen einen scheinbaren „gesellschaftlichen Konsens“, das zeigt sich z. B. an der unsäglichen Krippendiskussion. Wer gegen diesen Konsens argumentiert, wird sehr schnell in die konservative Ecke gestellt. Es wird Eltern dadurch auch noch heute schwer gemacht, auf ihre eigenen Gefühle zu hören und diese vor allem zu reflektieren. Liebe Grüße von Claudia

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  2. Angela schreibt:

    Zu diesem Buch habe ich schon einige Kommentare gelesen, es selbst aber noch nicht in der Hand gehabt. Es ist schon irre, wie sich Erinnerungen und Erfahrungen einerseits ähneln und andererseits differenzieren, sowohl nach Lebensalter, aber auch danach, ob man in Metropolen oder der Provinz groß wurde, in einer intellektuellen oder „einfachen“ Familie.
    Ich staune oft, dass ich von so vielen Ereignissen einfach keine Kenntnis hatte. Jetzt leben wir in einer Flut von Informationen, die Kunst besteht jetzt wohl eher darin, sie zu ordnen und innere Zusammenhänge zu sehen, da sind wohl wieder die Kinder mit gebildeten Eltern deutlich besser dran.
    Es ist schon tragisch, dass Menschen wie Horst Brasch, die eine neue Gesellschaft aufbauen wollten, so scheitern mussten. Die Mittel dazu, auch die der Erziehung, stammten aus der Zeit, die eigentlich überwunden werden sollte. In der Wendezeit gab es dann eine ganz kurze Zeit der Hoffnung – und bald war klar, dass den ideologischen nun die materiellen Zwänge folgen würden, und aus der „besseren“ Gesellschaft wieder nichts würde. Ich hab damals nächtelang vor dem Fernseher gesessen und oft geheult, weil so viel gut Gewolltes so tragisch scheitern musste, und andererseits so vieles, was uns als Notwendigkeit dargestellt wurde, auch nur Machtpolitik war…
    Vielleicht helfen ja Erfahrungen, eine Balance zu finden, zwischen strengen Regeln und dem „sich selbst Verwirklichen“. Leichter ist es wohl nicht geworden.

    Angela

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    • Kastanie schreibt:

      Liebe Angela,
      ich kann sehr gut nachvollziehen, was Du meinst. Mir ging es ähnlich, große euphorische Hoffnungsgefühle gingen auch bei mir in der Wendezeit in große Ernüchterungsgefühle über. – Du hast Recht, es ist sehr unterschiedlich über welche Informationen man verfügte. Ich hatte das Glück, durch meine Buchhändlerlehre zu Menschen aus den unterschiedlichsten Familien Kontakt zu haben. Da habe ich Vieles erfahren, was zu Hause kein Thema war. Ich denke, auch heute ist es wichtig, dass Kinder nicht nur in den Kreisen verkehren, in denen die Familie verankert ist, sondern auch vielfältige Kontakte haben können. Insofern finde ich zum Beispiel gemeinsames Lernen in heterogenen Gruppen auch so wichtig.

      Liebe Grüße von Claudia

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