Poesiealbum 305 – Cyprian Norwid

IMG_20140708_130959»NORWID« – ist das nicht diese Fahrradmarke? Ja auch, aber es ist vor allem der Name eines der bedeutendsten polnischen Dichter, der leider hierzulande fast völlig unbekannt ist. In unserer Stadtbibliothek konnte ich jedenfalls nichts von oder über ihn finden. Überhaupt gibt es dort nur sehr wenige Bücher mit polnischer Lyrik, obwohl unser Nachbarland Polen nicht weit entfernt ist.

Schon immer gehörte es zu den Intentionen der Lyrikreihe »Poesiealbum« wenig bekannte Dichter einer breiteren Öffentlichkeit vorzustellen. Das Heft 305 enthält Gedichte von Cyprian Kamil Norwid (1821 bis 1883) in einer Auswahl von Rolf Fieguth, von dem auch die meisten Nachdichtungen, darunter einige Neuübertragungen, stammen. Außerdem ist die Ausgabe mit einer Grafik von Norwid ausgestattet.

 

Cyprian Kamil Norwid wurde 1821 in einem Ort in Masowien geboren. Masowien bezeichnet die Region rings um Warschau, die damals eine Hauptprovinz des sogenannten »Kongresspolen« war. 1795 wurde Polen infolge seiner dritten Teilung endgültig unter seinen Nachbarn Russland, Preußen und Österreich aufgeteilt. Nach dem »Wiener Kongress« im Jahr 1815 kam es zur Bildung eines polnischen Königreiches, welches unter dem Namen »Kongresspolen« in die Geschichte einging. Das war theoretisch ein autonomer Staat, praktisch stand er jedoch unter Kontrolle des russischen Zarenreiches. Andere Teile Polens wie Galizien gingen an Österreich und der Rest wurde von Preußen vereinnahmt. 1830/1831 kam es unter Führung des polnischen Adels zu einem Aufstand gegen den Zarismus, der aber scheiterte. Auch der nächste Aufstand 1863/64 war nicht von Erfolg gekrönt.

Norwids Mutter stirbt als er 4 Jahre alt ist. Er wächst danach bei Verwandten auf, besucht Gymnasien in Warschau und macht eine Ausbildung zum Künstler. Er ist vielseitig begabt, schreibt nicht nur sondern malt auch. Seine ersten Gedichte erscheinen in einer Zeitschrift. Da ist er 19 Jahre alt. Seit 1842 lebt er nicht mehr in Masowien sondern reist durch Europa u. a. nach Florenz und Rom, wo er auch Adam Mickiewicz kennenlernt. In Berlin wird er 1846 wegen Passvergehens inhaftiert und ausgewiesen. 1849 bis 1852 lebt er in Paris, wo er Kontakte zur polnischen und internationalen Emigrantengemeinde hat. Er trifft u. a. auf Frédéric Chopin (das Gedicht »Chopins Fortepiano« befindet sich auch in der Norwid gewidmeten Ausgabe des »Poesiealbums«) sowie auf den russischen Philosophen Alexander Herzen und den deutschen Revolutionsdichter Georg Herwegh und seine Frau Emma. Norwid kann seine Lyrik nur vereinzelt in polnischen Zeitschriften veröffentlichen. Aus der Armut in Paris flüchtet er kurzzeitig nach New York, wo er als Grafiker und Modellierer arbeitet. 1854 kehrt er endgültig nach Paris zurück. Trotz  Armut, Einsamkeit und einer Tuberkulose-Erkrankung entstehen hier seine bedeutendsten Werke.

1883 stirbt Norwid in einem Altersheim bei Paris. Zunächst wird er in einem Armengrab beigesetzt, später dann auf dem polnischen Friedhof in Montmorency in der Nähe von Paris. 2001 wird  eine Urne mit einer Handvoll Erde von seinem Grab am Eingang der »Krypta der Nationaldichter« auf dem Wawel in Krakau beigesetzt. Seit 1993 gibt es an dieser Stelle auch ein kleines Bronzedenkmal.

Die meisten Werke von Norwid wurden auch in seiner polnischen Heimat erst nach seinem Tod entdeckt und gewürdigt. Ende des 19. Jahrhunderts machte der polnische Dichter Zenon Przesmycki die Gedichte bekannt. Erst 1968 erschien eine Gesamtausgabe seiner Werke in Polen.

Norwid hinterließ auch zahlreiche Zeichnungen, Radierungen, Aquarelle und Gemälde, von denen er aber kein einziges Exemplar verkaufen konnte.

 

Er gilt als ein Vertreter der romantischen Dichtung, aber seine Gedichte sind erstaunlich modern. Ich hätte sie, ohne die Entstehungszeit zu kennen, eigentlich nicht dem 19. Jahrhundert zugeordnet. Mir gefallen die eigenwilligen Verse, die oft melancholisch und voll bitterer Ironie sind und Themen behandeln, die auch noch heute aktuell sind.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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5 Gedanken zu “Poesiealbum 305 – Cyprian Norwid

    • Kastanie schreibt:

      Ich kannte ihn auch nicht, es gibt auch nur 10 Bücher mit Werken von ihm, die in der NABI verzeichnet sind, von denen auch noch einige nur auf polnisch sind. Aber das ist das Spannende am „Poesiealbum“, besonders auch jetzt nach der Wiederbelebung der Reihe, dass da ganz oft, (mir) unbekannte Dichter vorgestellt werden.

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  1. Silberdistel schreibt:

    Schön, wieder einmal so ein Poesiealbum zu sehen. Diese kleinen Heftchen waren mal eine tolle Sache – eben weil sie auch oft relativ unbekannten Dichtern eine Chance gaben, etwas bekannter zu werden. Dort hat man so manche kleine Perle gefunden.
    Liebe Grüße von der Silberdistel

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