Ernest Hemingway – Über das Schreiben in der ersten Person

IMG_20140617_163126Wenn Du anfängst, Geschichten in der ersten Person zu schreiben, und wenn die Geschichten so wirklich erscheinen, dass die Leute sie glauben, kommen die Leser fast immer auf den Gedanken, du hättest diese Geschichten wirklich selbst erlebt. Das ist ganz natürlich, denn als du sie dir ausgedacht hast, musstest du sie die Person, die sie erzählt, wirklich erleben lassen.

Nicht einfach ist es auch – aber den Privatdetektiven der Literaturkritik fast immer möglich -, den Beweis zu führen, dass der Verfasser von Geschichten in der ersten Person unmöglich all das oder auch nur irgendetwas von dem getan haben kann, was der Erzähler getan hat. Welchen Sinn das hat oder was das beweisen soll, außer dass es dem Verfasser nicht an Phantasie oder Erfindungskraft mangelt, habe ich nie begriffen.

Als ich damals in Paris zu schreiben anfing, erfand ich nicht nur aus meiner eigenen Erfahrung, sondern auch aus den Erfahrungen und dem Wissen meiner Freunde und all der Menschen, die ich zeitlebens kannte oder irgendwo kennengelernt hatte und die keine Schriftsteller waren. Es war immer mein großes Glück, dass meine besten Freunde keine Schriftsteller waren und dass ich viele intelligente Menschen kannte, die sich klar auszudrücken verstanden.

Aus Ernest Hemingway, »Paris, ein Fest fürs Leben – A Moveable Feast. Die Urfassung«, Rowohlt Verlag, 2011, Auszug aus einer sogenannten zusätzlichen »Pariser Skizze«, die in der postum veröffentlichten Ausgabe von 1964 nicht enthalten war

 

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4 Gedanken zu “Ernest Hemingway – Über das Schreiben in der ersten Person

  1. skyaboveoldblueplace schreibt:

    Liebe Claudia,

    das sind ein paar sehr nachdenkenswerte Zitate von Herrn Hemingway, die das immer wieder spannende Thema fiktiv und/oder autobiografisch treffend beschreiben und erklären.
    Ich habe nun auch endlich Deinen Mammut-Post zu H.’s Text ‚Paris – ein Fest …‘ , den Du hier verlingt hast gelesen.
    Dazu kann ich nur Danke sagen. Sehr gut recherchiert, grossartig geschrieben, verständlich und informativ. Man kann eine Menge lernen, sowohl über diesen Text von Hemingway, als auch über das Publizieren solcher Texte und die Problematik, die dabei entstehen kann.
    Liebe Grüsse, Kai

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    • Kastanie schreibt:

      Lieber Kai, ich habe mich sehr über Deine freundlichen Worte gefreut, auch wenn ich erst jetzt darauf antworten kann. Ich hätte nie gedacht, dass mich Bücher von Hemingway noch mal so interessieren könnten. Aber manchmal muss erst der richtige Zeitpunkt für solch eine Lektüre kommen. Ich gehöre zu den Leserinnen, die immer sehr genau wissen wollen, wie ein Text entstanden ist und wie viel Autobiografisches darin enthalten ist. Ich weiß aber, dass Schriftsteller solch eine Neugier meist gar nicht mögen, was mich aber nicht davon abhält, von Zeit zu Zeit mich dafür zu interessieren. Viele Grüße von Claudia

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  2. Susanne Haun schreibt:

    Ich bin auch ein großer Hemingway Fan. Ich merke an diesem Artikel, dass dich die Wahrheit und die Ich-Erzählung sehr fasziniert. 🙂 Ich bin von deinem Bücherkoffer bei Petra zu dir gekommen. LG und einen schönen Tag von Susanne

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    • Kastanie schreibt:

      Liebe Susanne, vielen Dank für Deinen Besuch bei mir. Die „Wahrheit“ oder das Verhältnis zwischen Wahrheit und Fiktion in der Literatur beschäftigt mich tatsächlich sehr. Ich habe zu diesem Thema vor kurzem von Ruth Küger Essays („Gelesene Wirklichkeit“) gelesen und ich habe wieder ein bisschen mehr verstanden, warum insbesondere in historischen oder biografischen Romanen manche Fiktion als „wahr“ akzeptiert wird und andere „Wahrheitsverdrehungen“ wiederum nicht. Liebe Grüße von Claudia

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