Peter Stamm – Seerücken

IMG_20140715_133914Bei »meinem« Buchhändler gibt es gleich neben der Tür ein Regal mit Büchern aus der »FischerTaschenbibliothek«. Immer mal wieder schaue ich mir eins von diesen kleinen Büchlein an, weil mir das handliche Format mit den abgerundeten Ecken gefällt und die Reihe ähnlich wie die kleinen »Inselbändchen« zum Sammeln einlädt. Gekauft habe ich bisher trotzdem keins. Schnöde Vernunftgründe wie Sparsamkeit und Platzmangel im Bücherregal hielten mich davon ab. Viele Titel kenne ich nämlich schon oder besitze sie sogar in anderen Ausgaben.

Vor kurzem habe ich nun aber ein Büchlein aus dieser schönen Reihe geschenkt bekommen: »Seerücken« ist ein Band mit Erzählungen des Schweizer Autors Peter Stamm, der mir bisher weitgehend unbekannt war. Zwar fand ich in meinem Bücherregal noch den Erzählband »Wir fliegen« von ihm, aber der fiel, warum auch immer, meiner »Bücheramnesie« zum Opfer und wanderte jetzt wieder auf meine Leseliste.

Seerücken

Seerücken ist eine Hügelkette unweit des Bodensees im Schweizer Kanton »Thurgau«. Hier wuchs Peter Stamm, Jahrgang 1963, auf. Die meisten der zehn Erzählungen in seinem Buch spielen in dieser Gegend. Der Titel war 2011 für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert.

Seeruecken

„Seeruecken“ von Michael Graf (Michael81 at de.wikipedia) – Eigenes Werk. Lizenziert unter Public domain über Wikimedia Commons – http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Seeruecken.jpg#mediaviewer/Datei:Seeruecken.jpg

Peter Stamm erzählt nicht ausschweifend, er beschreibt Landschaften wie auch Menschen und ihre Gefühle kurz und prägnant. Schon nach wenigen Sätzen kamen mir die jeweiligen Handlungsorte und Personen vertraut vor. Situationen und Menschen werden grundsätzlich nicht analysiert, der Erzähler schreibt beobachtend und überlässt Interpretationen dem Leser. Dennoch fühlte ich mich den Protagonisten der Geschichten immer sehr nahe, egal wie unterschiedlich sie waren.

Es sind keine heiteren Themen, über die Peter Stamm erzählt. Auch wenn sich in seinen Geschichten manchmal zwei Menschen ineinander verlieben, beschreibt der Autor vor allem die Fragilität dieses Gefühls. Es geht viel um die kleinen und großen Enttäuschungen im Leben, auch Krankheit und Tod spielen in einigen Geschichten mittelbar oder unmittelbar eine Rolle. »Der Lauf der Dinge«, so lautet auch der Titel einer Erzählung, spiegelt sich in vielen dieser Texte wider: Geschehnisse, die für den einzelnen eine Katastrophe sein können und in ihrer individuellen Ausprägung etwas Besonderes sind, die aber trotzdem millionenfach vorkommen ohne dass die Öffentlichkeit davon groß Notiz nimmt. Manchmal scheint es, als ob die Menschen in diesen Erzählungen einer Art Fatalismus ausgeliefert sind, aber immer wieder gibt es überraschende Wendungen, die Mut machen, vielleicht auch aus den eigenen eingefahrenen Lebensbahnen auszubrechen.

Nach den ersten Erzählungen, die ich gelesen hatte, war ich immer etwas überrascht vom plötzlichen Ende. Gern hätte ich noch mehr erfahren. Das ist auch ein grundsätzliches Problem, welches ich mit dieser literarischen Gattung habe. Ich möchte einfach länger eintauchen können in eine Handlung und lese deshalb bevorzugt Romane. Peter Stamms Erzählungen haben aber auch noch ein anderes Merkmal, was mich zumindest am Anfang etwas irritiert hat: Sie haben nicht nur kein glückliches Ende, was ja auch meist nicht überzeugend ist, sie haben ein offenes Ende.

Zu gern hätte ich gewusst, ob die Klavierlehrerin in der Erzählung »Der letzte Romantiker« wirklich ihr ganzes Leben umkrempelte, weil ihr bisheriges sie eher daran hinderte, sie selbst zu sein. Oder der Pfarrer, der in seiner neuen Gemeinde nicht akzeptiert wird und in einer leeren Kirche predigen muss. Ist er noch glücklich geworden in diesem Dorf am Bodensee, weil er sich auf das besinnen konnte, was wirklich wichtig ist im Leben? Erfüllte sich der Pförtner aus der Geschichte »Eismond« doch noch seinen Traum und wanderte nach Kanada aus? Was wurde aus dem Mann und seiner schwerkranken Frau in der Erzählung »Der Koffer«? Neugierig hätte ich gern auch noch weiter verfolgt, ob die zarte Liebe zwischen dem etwas eigenbrötlerischen Biobauern und der Dorflehrerin in »Siebenschläfer« für eine glückliche Beziehung reichte.

Zu jeder Erzählung fielen mir viele Fragen ein, aber das machte auch ihren Reiz aus. Ich konnte den Handlungsfaden so oder so weiterspinnen. Bei manchen Geschichten machte es mich aber auch ganz unruhig, dass ich die genauen Hintergründe nicht erfahren konnte und sie ließen mich zuerst etwas enttäuscht zurück. Dann hatte ich aber zunehmend Spaß daran, mir zu überlegen, wie es den Menschen aus den Geschichten weiter ergehen könnte. Manchmal gab ich mich aber mit dem ungewissen Ausgang einer Erzählung auch zufrieden, im Leben kann man ja auch nicht alles vorhersehen. Ich wünschte natürlich, dass vor allem die Liebesgeschichten ein gutes Ende nehmen würden.

Sommergäste

Das ist der Titel der ersten Erzählung, die mir besonders gut gefallen hat. Ein Mann bucht ein Zimmer in einem abgelegenen Hotel. Er möchte eine Woche ungestört sein und einen Text über Gorkis Stück »Sommergäste« überarbeiten. Das alte Kurhaus scheint dafür der ideale Ort zu sein. Aber schon der Weg dorthin ist beschwerlich, auf fast unpassierbaren Waldpfaden zerreißt er sich die Hose und kommt erschöpft an. Das Hotel macht einen verlassenen Eindruck, es gibt keine weiteren Gäste und nur eine Angestellte, die ihn recht mürrisch empfängt. Nachdem er im voraus bezahlen musste, stellt sich nach und nach heraus, dass es weder Strom, noch fließendes Wasser, noch eine funktionierende Toilette gibt. Der Gast kann jeden Tag zwischen Büchsen mit kalten Ravioli oder mit diversen Gemüse wählen, die ihm die Frau lustlos serviert. Es wird schnell klar, dass irgendetwas faul ist an diesem Hotel und es Gründe genug gibt, um so schnell wie möglich wieder abzureisen. Aber da ist diese seltsame Frau namens Ana, die ihn auf seinen Erkundungen im Hotel überallhin zu verfolgen scheint und abends dann ins Nirgendwo entschwindet. Irgendwie geht eine starke Anziehungskraft von ihr aus und er möchte wohl gern noch mehr über sie erfahren. Anfangs versucht er auch noch zu arbeiten, dann aber gibt er es auf. Für seinen Laptop gibt es sowieso keinen Strom und er findet Gefallen am Müßiggang, der aus Lesen und Billardspielen besteht. Abends sitzt er mit Ana am Feuer und erzählt ihr über Gorkis »Sommergäste«:

Am liebsten war ihr Marja Lwowna. Ich konnte ihren berühmten Monolog aus dem vierten Akt einigermaßen auswendig und musste ihn Ana mehrfach wiederholen. Wir sind Sommergäste in unserem Land, irgendwelche Zugereisten. Wir irren geschäftig umher, suchen nach einem bequemen Plätzchen im Leben, tun nichts und reden abscheulich viel. Ja, sagte Ana, wir alle müssen anders werden. Wir müssen es um unsretwillen, fuhr ich fort, damit wir nicht mehr diese verfluchte Einsamkeit fühlen. Ana schaute mich misstrauisch an und sagte, ich solle nicht auf falsche Gedanken kommen.

Als der Mann ihr zu nahe kommt, verschwindet Ana. Am Ende der Geschichte klärt sich dann noch, warum dieses Hotel so unbewohnt war. Über Ana erfährt der Leser aber leider nichts mehr, sie bleibt eine geheimnisvolle Frau. Es könnte auch ein Traum gewesen sein, der da erzählt wurde, aber bekanntlich schreibt das Leben ja auch oft surrealistische Geschichten. Ich war jedenfalls sofort fasziniert von der spannend erzählten Handlung, der geheimnisvollen Atmosphäre des Hotels und von den beiden sehr unterschiedlichen Protagonisten, dem rationalen pflichtbewussten Ich-Erzähler und der spröden aber auch sehr tiefsinnigen Ana. Mir hätte es gefallen, wenn sie sich noch näher gekommen wären.

Am Morgen fuhr ich nach Hause. Es blieb mir noch eine Woche, um meinen Text fertigzustellen, und ich arbeitete die nächsten Tage intensiv daran. Dabei musste ich immer wieder an Ana denken. Jetzt erst begriff ich, was sie gemeint hatte, als sie sagte, ich bekäme von ihr viel mehr als Strom und Wasser.

Sweet Dreams

In dieser Geschichte erzählt der Autor von einem jungen Paar, dass gerade seine erste Wohnung bezogen hat. Die Liebe zwischen den beiden ist groß und trotzdem ist es nicht sicher, ob sie ein Leben lang zusammenbleiben werden. Ganz kleine Disharmonien schleichen sich in die Beziehung ein, ein harmloser Streit, ein Flirt mit der Kellnerin aus der Gaststätte, über der die Beiden wohnen. Das sind Kleinigkeiten, die im Alltag immer wieder passieren und doch können sie bei dem einem Paar zur Trennung führen, während bei einem anderen die Liebe vielleicht groß genug ist, um dies aushalten. Die junge Frau und der junge Mann werden zufällig von einem Schriftsteller beobachtet, der mit ihnen im selben Bus fährt. Am Abend tritt er im Fernsehen auf und erzählt, wie er aus dieser Begegnung vielleicht eine Geschichte machen wird. An dieser Stelle erfährt der Leser etwas über die Art des Schreibens von Peter Stamm. Ein Kunstgriff, der mir gefiel:

Er sagte, junge Paare sähen oft aus wie ganz alte, vielleicht weil beide mit der Ungewissheit umgehen müssten. Der Moderator fragte, ob es denn nicht heikel sei, sich für seine Geschichten lebende Vorbilder zu nehmen. Der Schriftsteller schüttelte den Kopf. Es gehe ja nicht darum, diese zwei Menschen darzustellen. Sie hätten ihn auf eine Idee gebracht, aber mit den Figuren seiner Geschichte würden sie nichts zu tun haben. In Wirklichkeit waren sie gar kein Paar, sagte er. Jedenfalls sind sie an unterschiedlichen Stationen ausgestiegen und haben sich beim Abschied nur auf die Wangen geküsst.

Der Autor war bestimmt längst nach Hause gefahren, während er im Fernsehen weitersprach. Einen Monat lang würde das Gespräch mit ihm in einer Endlosschlaufe immer und immer wieder gezeigt, bis auch er nur noch eine Fiktion sein würde wie Lara und Simon selbst.

Über den Autor Peter Stamm (1)

Meine frühesten Berufswünsche hatten nichts mit Literatur zu tun. Erst wollte ich Schiffsbauer werden, später Professor, ich weiß nicht mehr – und wusste wohl auch damals nicht – welcher Wissenschaft. Pilot wollte ich nie werden, dafür Koch und Fotograf und eine Zeit lang Werber und Kriminalist und wohl noch einiges mehr, woran ich mich nicht erinnere.

Wann genau ich mich für das Schreiben als Beruf entschied, weiss ich nicht mehr. Ich weiss nur noch, dass ich in der Silvesternacht vor meinem zwanzigsten Geburtstag die Idee zu einem Roman hatte, die ich erst Jahre später zu ihrem schlechten Ende führte.

Peter Stamm machte eine kaufmännische Ausbildung und studierte dann einige Semester Anglistik, Psychologie und Psychopathologie. Seit 1990 arbeitet er als freier Autor und Journalist. Seine ersten Texte veröffentlichte er mit 20 Jahren im »Thurgauer Tageblatt«. Sein literarisches Debüt hatte Peter Stamm 1991 mit dem Hörspiel »Ich und die anderen«. Aber erst 1998 fand sich ein Verlag , der ein Buch von ihm veröffentlichen wollte. Der »Arche Verlag«, den er durch die Bekanntschaft mit einer Agentin und der Tatsache fand, dass die Schweiz Gastland der Frankfurter Buchmesse war, verlegte seinen Roman »Agnes«, der inzwischen Schullesestoff ist und der sich nun auch in meinem Urlaubsbüchergepäck befindet. Neben Romanen und Erzählungen veröffentlichte Peter Stamm auch Hörspiele und Theaterstücke. Er schreibt u. a. für die »Neue Zürcher Zeitung«.

Aber das Schreiben war neben vielen anderen Dingen, die ich ausprobierte, die erste Beschäftigung, die mich nie langweilte, die mich immer herausforderte. Ich hatte und habe nie das Gefühl, ganz das zu erreichen, was ich erreichen will.

Ich »muss« nicht schreiben, aber ich liebe das Schreiben mehr als jede andere Beschäftigung.

Zum Weiterlesen

Rezension zu »Seerücken« vom Blog »Literatourismus«

Rezension zum Roman »Agnes« vom Blog »vonsamstag«

Quellen und Zitate

(1) Website von Peter Stamm

 

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4 Gedanken zu “Peter Stamm – Seerücken

  1. saetzebirgit schreibt:

    Peter Stamm als Erzähler kenne ich noch nicht. Aber ich mag ein, zwei seiner Romane sehr, vor allem diese sehr ruhige Sprache – und kann Dich, nach Deinen Anmerkungen zum Problem mit der Erzählform daher nur ermuntern, in seine Romanwelt einzutauchen! Viele Grüße. Birgit

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