Christine de Pizan (1365 bis ca. 1430)

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Christine de Pizan mit ihrem Sohn Jean de Castel „Christine de Pisan and her son“ von Bedford-Meister zugeschrieben – adapted from: http://www.imagesonline.bl.uk/britishlibrary/controller/textsearch?text=pisan&y=0&x=0&&idx=1&startid=33523. Lizenziert unter Public domain über Wikimedia Commons.

Christine de Pizan (auch de Pisan) gehört zu den Frauenpersönlichkeiten des Mittelalters, deren Lebenswege nicht in diese gemeinhin als finster und frauenfeindlich beschriebene Zeit zu passen scheinen. Sie gilt als die erste französische Berufsschriftstellerin und Verlegerin. Ihr Werk »Das Buch von der Stadt der Frauen« wird in seiner historischen Bedeutung für die Frauenbewegung mit Beauvoirs »Das andere Geschlecht« verglichen.

Sie verfasste mehrere Hundert Gedichte und Balladen, 15 Bücher sowie politische, philosophische, historische und religiöse Schriften. Mit ihrer Biografie über Karl V. wurde sie noch zu Lebzeiten zu einer anerkannten Schriftstellerin und ihr Werk wurde bereits damals in viele Sprachen übersetzt.

Zumindest im deutschen Sprachraum ist sie dennoch heute wenig bekannt. »Das Buch von der Stadt der Frauen« wurde erst 1986 aus dem Mittelfranzösischen ins Deutsche übersetzt. Daneben kann man nur noch den »Sendbrief vom Liebesgott« auch auf deutsch lesen. Beide Bücher sind nur noch antiquarisch zu erwerben. Der fast zeitgenössische Lyriker de Villon, der ein vergleichsweise geringeres Werk hinterlassen hat, ist dagegen viel bekannter.

Nachdem die historische Frauenbewegung ihre fast vergessene Vorkämpferin für Frauenrechte schon einmal gewürdigt hatte, kam es erst in den siebziger Jahren durch die französische Frauenbewegung zu einer erneuten Wiederentdeckung von Christine de Pizan.

Eine gebildete Frau
Etwa bis zum Jahr 1000 hatten Frauen sehr viel mehr Rechte als zu Lebzeiten von Christine de Pizan. Sie waren in Ehe und Familie ihren Männern gegenüber rechtlich nicht schlechter gestellt. Frauen konnten sich zum Beispiel auch selbst vor Gericht vertreten oder ein eigenes Testament machen. In den überlieferten Texten dieser Zeit gab es sogar die zweigeschlechtliche Schreibweise, so war von »Bauer und Bäuerin« die Rede. Diese vergleichsweise frauenfreundlichen Regelungen wurden dann nach und nach mit dem zunehmenden Einfluss der kirchlichen Gesetzgebung in Europa außer kraft gesetzt.

Als Christine de Pizan 1365 in Venedig geboren wurde, war die Epoche des Mittelalters schon fast zu Ende und die Zeit der Renaissance begann. Es gab im italienischen Adel und Patriziat viele Frauen, die hoch gebildet waren. Bereits im Mittelalter, im 13. Jahrhundert, lehrte eine Frau an der Universität von Bologna Philosophie. An derselben Hochschule promovierte eine Frau zur Doktorin der Rechte. In der Renaissance nahm die Zahl der gebildeten Frauen in Italien noch zu. Bei den nördlichen Nachbarn sah es da anders aus. Vermutlich war die älteste Tochter von Philipp Melanchthon im 16. Jahrhundert die einzige Frau, die im deutschen Sprachraum Latein wirklich beherrschte.

Christine de Pizan lässt in ihrem bedeutendsten Werk »Das Buch von der Stadt der Frauen« Frau Vernunft, das ist eine der Protagonistinnen, sagen:

Dein eigener Vater, ein bedeutender Naturwissenschaftler und Philosoph, glaubte keineswegs, das Erlernen einer Wissenschaft gereiche einer Frau zum Schaden; wie Du weißt, machte es ihm große Freude, als er deine Neigung für das Studium der Literatur erkannte. Aber die weibliche Meinung deiner Mutter, die dich … mit Handarbeiten beschäftigen wollte, stand dem entgegen, und so wurdest du daran gehindert, … weitere Fortschritte in den Wissenschaften zu machen.

Christine de Pizans Vater, Tommaso di Benvenuto da Pizzano (Pizzano ist ein Ort bei Bologna) war Astronom und Mediziner. Zur Zeit der Geburt seiner Tochter war er Stadtrat in Venedig. Zuvor hatte er einen Lehrstuhl für Astrologie in Bologna. Noch 1365, im Jahr der Geburt von Christine, brach er nach Paris auf und nahm das Angebot Königs Karl V. an, sein Hofastrologe und Leibarzt zu werden. Als seine Tochter drei Jahre alt war, holte er die Familie an den französischen Hof nach. Christine wuchs gleichberechtigt mit den Kindern des Königs auf und erhielt dank ihres Vaters und gegen die Widerstände ihrer Mutter eine umfassende Bildung. Sie wurde von ihrem Vater in Latein, Philosophie und anderen wissenschaftlichen Fächern unterrichtet. Ihre Kenntnisse erweiterte sie später durch umfangreiche eigene Lektüre älterer und zeitgenössischer, theologischer und profaner Literatur in französischer und lateinischer Sprache.

Schriftstellerin und Verlegerin
Wie damals üblich wurde Christine schon im jugendlichen Alter kurz vor ihrem 15. Geburtstag verheiratet. Ihr Mann arbeitete auch am Hofe. Er war Notar und königlicher Sekretär. Als er nach 10 Jahren Ehe einer Epidemie zum Opfer fiel, war Christine ohne männlichen Beistand mit drei Kindern allein auf sich gestellt und musste außerdem noch für ihre Mutter, zwei jugendliche Brüder und eine mittellose Nichte sorgen. Ihr Vater war einige Jahre zuvor ebenfalls an einer Seuche gestorben und fiel als Ernährer aus.
Die Liebe zu ihrem Mann muss groß gewesen sein. Ihre Trauer um ihn brachte sie in Gedichten zum Ausdruck und sie schwor sich, nie wieder zu heiraten.

Außerdem war wohl eine Wiederverheiratung in ihrer Situation mit dem schon erwähnten »Anhang« wenig wahrscheinlich. Neben einer erneuten Ehe hatte eine Witwe in der Regel nur noch die Möglichkeit, ins Kloster zu gehen, um versorgt zu sein. Christine de Pizan entschied sich aber dafür, einen ungewöhnlichen dritten Weg zu gehen.

Sie beschloss, ohne männliche Hilfe ihre Familie zu ernähren. 14 Jahre lang führte sie zermürbende Prozesse gegen Schuldner und Gläubiger ihres Mannes, um ihr Erbe zu sichern.

Wie lange bin ich ihnen
In meiner Hilflosigkeit und Not nachgelaufen
Mit einem einwandfreien königlichen Schuldbrief in der Hand
Kein Geschenk, sondern echte Schuld,
Ich war in Verlegenheit und in großer Not.
Zitat aus Pernaud, Régine, »Christine de Pizan. Das Leben einer außergewöhnlichen Frau und Schriftstellerin im Mittelalter«, München 1990

Christine de Pizan versuchte außerdem zunächst als Kopistin fremder Werke, Geld zu verdienen. Der Buchdruck war noch nicht erfunden, so dass mühsam jedes Buch durch Abschreiben vervielfältigt werden musste. Damit ließ sich allerdings nicht genügend Einkommen erzielen und Christine begann, ihre eigenen Gedichte und Balladen zu verkaufen. Sie fand dafür reiche adlige Abnehmer und Auftraggeber. 1404 schrieb sie auf Bestellung Philipps des Kühnen (dem Vormund von König Karl VI., der noch ein Kind war) eine Biografie Königs Karls V, der 1380 verstorben war. In der Öffentlichkeit erfuhr sie für ihre Werke sehr viel Hochachtung. Einer ihrer Gönner, der burgundische Herzog Johann Ohnefurcht, versah ihre mittellose Nichte sogar mit der nötigen Mitgift für deren Verheiratung.

In Schriften und Briefen, die an die politischen Akteure der damaligen Zeit gerichtet waren, mischte sie sich auch in die Politik ein. So setzte sie sich zum Beispiel im »Buch des Friedens« für die Beendigung des Hundertjährigen Krieges zwischen England und Frankreich ein.

1399 entfesselte sie mit ihren Argumenten gegen die Frauenfeindlichkeit im »Rosenroman« die sogenannte »Querelle des Femmes«, den ersten Literaturstreit in der europäischen Kulturgeschichte, der bis zur Aufklärung andauerte.

Der Streit um den »Rosenroman«

Der »Rosenroman«, eine „Liebesschule“, das bedeutendste Werk der französischen Dichtung im 13. Jahrhundert, war außerordentlich beliebt. Das beweisen die vielen noch erhaltenen Handschriften. Der erste Teil des Buches steht noch in der Tradition der Minnedichtung. Im zweiten Teil, der Jahrzehnte später von einem anderen Autor geschrieben wurde, geht es um eine Schmährede, in der ein Ehemann über seine kokette Ehefrau herzieht. Der Text propagiert die Nichtswürdigkeit der Frauen in der folgenden Art: »Ihr seid, werdet oder wart alle Huren, durch die Tat oder den bloßen Willen.« Er warnte die Männer vor der Liebe. Frauen seien nur für den Geschlechtsakt zu gebrauchen.

Christine de Pizan kritisierte engagiert die Misogynie des Autors und der Mehrheit ihrer männlichen Zeitgenossen. Unterstützung erhielt sie dabei nur vom Pariser Universitätsprofessor Jean Gerson. Ansonsten verteidigten die Wissenschaftler durchweg den Rosenroman. Hauptkritikpunkt in ihrer Auseinandersetzung war für Christine de Pizan die Tatsache, dass die Frauen in dem Buch durchweg als lasterhafte Wesen charakterisiert wurden, die unschuldige Männer verführten. Ihre männlichen Gegner diffamierten die unverheiratete Christine als Lebedame von zweifelhaftem Ruf und zweifelten auch ihre Intelligenz an: »Obzwar es ihr nicht ganz und gar an Verstand gebricht – soweit eine Frau überhaupt einen haben kann …« (Jean de Montreuil, Propst zu Lille, Zitat nach Pernaud, Régine, »Christine de Pizan. Das Leben einer außergewöhnlichen Frau und Schriftstellerin im Mittelalter«, München 1990). Dennoch ging Christine gestärkt aus diesem Disput hervor und ihr Bekanntheitsgrad stieg danach noch weiter an.

»Das Buch von der Stadt der Frauen«

Um die Jahreswende 1404/1405 schrieb Christine de Pizan »Das Buch von der Stadt der Frauen«. Sie entwirft darin eine Art weibliches Utopia. Drei vornehme Damen, die die Tugenden der Vernunft, Rechtschaffenheit und Gerechtigkeit verkörpern, sind die Protagonistinnen. Christine de Pizan geht hier noch einmal auf die Argumente ihrer männlichen Gegner im Streit um den »Rosenroman« ein und macht sich umfassende Gedanken zur Herkunft der damals allgegenwärtigen Frauenfeindlichkeit:

Diejenigen, die Frauen aus Mißgunst verleumdet haben, sind Kleingeister, die zahlreichen ihnen an Klugheit und Vornehmheit überlegenen Frauen begegnet sind. Sie reagierten darauf mit Schmerz und Unwillen, und so hat ihre große Mißgunst sie dazu bewogen, allen Frauen Übles nachzusagen… Da es aber kaum ein bedeutendes Werk eines angesehenen Verfassers gibt, das nicht Nachahmer fände, so gibt es gar manche, die sich aufs Abschreiben verlegen. Sie meinen, das könne gar nicht schiefgehen, da andere bereits in ihren Büchern das gesagt haben, was sie selbst sagen wollen – wie etwa die Frauenverunglimpfung; von dieser Sorte kenne ich eine ganze Menge. »Das Buch von der Stadt der Frauen«, dtv-Verlag, München 1990

Christine de Pizan bezieht sich damit auf die Frauenfeindlichkeit der Antike, die im Spätmittelalter übernommen wurde. „Frau Vernunft“, eine der Protagonistinnen, erklärt zum Beispiel, warum der römische Dichter Ovid die Frauen so sehr verachtete. In seiner Jugend soll er ein sehr lasterhaftes Leben geführt haben. Im Alter war er krank, büßte seinen Besitz ein und wurde schließlich sogar ins Exil geschickt. Weil er sein altes Leben, in dem er viele Frauenbeziehungen gehabt hatte, nicht mehr führen konnte, verunglimpfte er das weibliche Geschlecht, damit andere Männer Frauen hassten und keine Liebesbeziehungen mehr mit ihnen eingingen.

Für das Mittelalter völlig untypisch argumentiert sie nicht mit der wie auch immer gearteten »Natur der Frau« sondern gibt historische Beispiele für ihre Thesen. Sie nennt zum Beispiel Frauengestalten, denen die Menschheitsgeschichte wichtige Errungenschaften verdankt, wobei sie allerdings davon ausgeht, dass Zuschreibungen für Göttinnen auf reale historische Verdienste von Frauen zurück gehen.

Ihre letzten Lebensjahre, eine Zeit in der der Hundertjährige Krieg besonders heftig tobte und es keine Aussicht auf einen baldigen Friedensschluss zu geben schien, verbrachte Christine de Pizan bei ihrer Tochter in einem Kloster in der Nähe von Paris. Ihr letztes schriftstellerisches Zeugnis ist ein Gedicht über die Jungfrau von Orléans. Christine de Pizan verstarb wahrscheinlich im Jahr 1430.

Quellen und zum Weiterlesen:
Marit Rullmann, „Philosophinnen“, Erster Band, „Von der Antike bis zur Aufklärung“, suhrkamp taschenbuch 2877, Suhrkamp Taschenbuch Verlag, 1998

kleio.org

frauenmediaturm.de

Wikipedia

 

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6 Gedanken zu “Christine de Pizan (1365 bis ca. 1430)

  1. saetzebirgit schreibt:

    Bislang kannte ich von ihr auch nur den Namen, aber habe mich noch nie mit ihr als Person auseinandergesetzt. Danke für dieses – wieder einmal – sehr schöne und informative Portrait. Und wenn man das so liest, die Urteile der männlichen Zeitgenossen über sie, der Streit um den Rosenroman usw…Wie wenig und langsam sich die Welt doch ändert 🙂

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    • Kastanie schreibt:

      Liebe Birgit, vielen Dank für Deine anerkennenden Worte. Es gibt neben Christine de Pizan noch einige andere zu Unrecht fast vergessene Schriftstellerinnen. Ich hoffe, dass es mir gelingt, sie von Zeit zu Zeit hier vorzustellen. Die Literaturgeschichte wurde eben auch von Männern geschrieben, was seine Auswirkungen auf die Rezeption der Werke von Frauen hat. Das wirkt offensichtlich bis heute fort, sonst gäbe es sicher auch lieferbare Bücher mit Gedichten und Schriften von Christine de Pizan in deutscher Sprache. – Ich finde auch, dass sich Klischees, die Männer und Frauen betreffen, erstaunlich lange in den Köpfen der Menschen festsetzen. Aber wie immer stirbt die Hoffnung (jedenfalls meine) zuletzt, dass es irgendwann eine wirkliche Gleichstellung der Geschlechter geben wird. Liebe Grüße von Claudia

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    • Kastanie schreibt:

      Die Biografie von Christine de Pizan ist wirklich bemerkenswert und macht mir zumindest auch heute noch Mut, manchmal meinen Weg abseits der scheinbar vorgegebenen Bahnen zu suchen. Liebe Grüße von Claudia

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