Frohe Weihnachten

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Prag – Blick zur Karlsbrücke © Über den Kastanien

Nun war es monatelang ungewollt ganz still auf meinem Blog. Gern hätte ich über all die Bücher geschrieben, die ich in der Zwischenzeit gelesen habe. Die Texte dazu waren und sind noch in meinem Kopf, aber äußere Lebensereignisse raubten mir die innere Ruhe, die ich zum Schreiben brauche. Ich hoffe, dass ich bald wieder regelmäßig Beiträge veröffentlichen kann und bitte euch noch um ein bisschen Geduld.

Das folgende Gedicht schrieb Kurt Tucholsky 1913, dem letzten Friedensjahr vor dem ersten Weltkrieg. Das Zitat am Ende ist von Arthur Schnitzler: »Wir spielen alle. Wer es weiß, ist klug.« Schon vor über 100 Jahren war Weihnachten also auch schon ein Fest, an dem jeder so seine Rolle spielte, um den »Weihnachtsfrieden« nicht zu stören…

Groß-Stadt-Weihnachten

Nun senkt sich wieder auf die heim’schen Fluren
die Weihenacht! die Weihenacht!
Was die Mamas bepackt nach Hause fuhren,
wir kriegens jetzo freundlich dargebracht.

Der Asphalt glitscht. Kann Emil das gebrauchen?
Die Braut kramt schämig in dem Portemonnaie.
Sie schenkt ihm, teils zum Schmuck und teils zum Rauchen,
den Aschenbecher aus Emalch glasé.

Das Christkind kommt! Wir jungen Leute lauschen
auf einen stillen heiligen Grammophon.
Das Christkind kommt und ist bereit zu tauschen
den Schlips, die Puppe und das Lexikon,

Und sitzt der wackre Bürger bei den Seinen,
voll Karpfen, still im Stuhl, um halber zehn,
dann ist er mit sich selbst zufrieden und im reinen:
»Ach ja, son Christfest is doch ooch janz scheen!«

Und frohgelaunt spricht er vom ›Weihnachtswetter‹,
mag es nun regnen oder mag es schnein,
Jovial und schmauchend liest er seine Morgenblätter,
die trächtig sind von süßen Plauderein.

So trifft denn nur auf eitel Glück hienieden
in dieser Residenz Christkindleins Flug?
Mein Gott, sie mimen eben Weihnachtsfrieden …
»Wir spielen alle. Wer es weiß, ist klug.«

(Kurt Tucholsky alias Theobald Tiger – erstmals veröffentlicht in der »Schaubühne« vom 25. Dezember 1913)

1918 schrieb Tucholsky dann wieder ein Weihnachtsgedicht. Die erste Friedensweihnacht war so gar nicht friedlich:

Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern von »Über den Kastanien« friedliche Weihnachtsfeiertage und alles Gute für den Jahreswechsel.

 

 

 

 

 

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6 Gedanken zu “Frohe Weihnachten

  1. wildgans schreibt:

    Oh, würde mich SEHR freuen, hier wieder Neues zu lesen. Besonders über die gelesenen Bücher!
    Das Pragbild habe ich mir als Bildschirmhintergrund genommen, es ist so wunderbar schummrig-schön- und erinnert mich an meine letzte Pragfahrt im März diesen Jahres.
    Schöne Wünsche von der Wildgans!

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    • Kastanie schreibt:

      Schön, dass dir das Pragbild gefällt. Wir waren im Vorweihnachtstrubel dort und das Wetter war scheußlich, aber selbst unter diesen Bedingungen ist die Stadt sehr schön. Wir haben uns das Kafka-Museum angeschaut und vielleicht schreibe ich ja auch dazu mal was und zu den Büchern, die ich seit dem Sommer las, auch. Der Vorsatz ist jedenfalls da… Liebe Grüße von Claudia

      Gefällt mir

  2. Angela schreibt:

    Liebe Claudia,
    jetzt hab‘ ich mir auch das zweite Tucholsky-Gedicht angehört. Verrückt, dass sich in 100 Jahren eigentlich so wenig an der Erkenntnisfähigkeit der Leute geändert hat, nur dass jetzt die „anderen“ Hunger haben… Zum Glück gibt es aber auch eine ganze Menge junge Leute, die schon etwas anders in die Welt schauen.
    Ja, Prag, bei dem Bild bekomme ich Sehnsucht, mal wieder hin zu fahren.
    Wäre schön, wenn Du wieder Zeit und Ruhe fändest zu schreiben.
    Danke für Deine Anregungen und ein wirklich gutes neues Jahr!

    Angela

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    • Kastanie schreibt:

      Liebe Angela,

      vielen Dank für die Wünsche und auch Dir ein neues Jahr, in dem es Dir rundherum gut gehen möge.
      Ich finde es oft zum Verzweifeln, wie wenig die Menschheit aus ihrer Geschichte lernt. Aber die vielen jungen Menschen, die ich jetzt montags auf den Anti-Pegida-Demos sehe, zeigen mir, dass die Hoffnung zuletzt stirbt.

      Liebe Grüße von Claudia

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