Briefe eines Überlebenden

In den Jahren 1940 bis 1945 wurden in die Konzentrationslager Auschwitz mindestens 1,1 Millionen Juden, 140.000 Polen, 20.000 Sinti und Roma sowie mehr als 10.000 sowjetische Kriegsgefangene deportiert. Knapp über 400.000 Häftlinge wurden registriert. Von den registrierten Häftlingen sind mehr als die Hälfte aufgrund der Arbeitsbedingungen, Hunger, Krankheiten, medizinischen Versuchen und Exekutionen gestorben. Die nicht registrierten 900.000 nach Birkenau Deportierten wurden kurz nach der Ankunft ermordet. Als Obergrenze der Todesopfer im Konzentrationslager- und Vernichtungslagerkomplex Auschwitz wird die Zahl von 1,5 Millionen Opfern angegeben. (aus Wikipedia)

Heute vor 70 Jahren wurde das KZ Auschwitz durch sowjetische Truppen befreit. Zu den 8.000 befreiten Menschen gehörte auch Otto Frank, der Vater von Anne, deren Tagebuch weltberühmt wurde.

Am 23. Feburar 1945 schickte er seiner Mutter aus Auschwitz ein erstes Lebenszeichen. Auf die Rückseite eines Formulars mit Anordnungen des Lagerkommandanten schrieb er:

Liebste Muttel, Hoffentlich erreichen Dich diese Zeilen, die Dir und all den Lieben die Nachricht bringen, dass ich durch die Russen gerettet wurde, gesund voll guten Mutes bin und in jeder Beziehung gut versorgt. Wo Edith und die Kinder sich befinden, weiß ich nicht, wir sind seit 5. Sept. 44 getrennt. Ich hörte nur, dass sie nach Deutschland transportiert wurden. Man muss hoffen, sie gesund zurück zu sehen. Bitte benachrichtige meine Schwäger und meine Freunde in Holland von meiner Rettung. Ich sehne mich danach Euch alle wieder zu sehen und hoffe, dass dies bald möglich sein wird. Wenn auch Ihr nur Alle gesund seid. Wann werde ich wohl Nachricht von Euch erhalten können? Alles Liebe und innige Grüsse und Küsse Dein Sohn Otto

Nur kurze Zeit später hatte Otto Frank vom Tod seiner Frau erfahren und er schrieb an die Familie in der Schweiz:

Viel kann ich nicht schreiben, denn die Nachricht von Edith´s Tod am 6.I.45, die ich jetzt erhielt, hat mich doch so getroffen, dass ich nicht ganz der alte bin. Der Gedanke an die Kinder hält mich aufrecht. Edith ist im Krankenhaus an Schwäche durch Unterernährung gestorben, sodass ihr Körper eine Darmstörung, die hinzukam nicht aushielt. In Wirklichkeit auch ein Mord der Deutschen. Hätte sie nur 14 Tage länger ausgehalten, dann wäre nach der Befreiung durch die Russen alles anders geworden.

In den folgenden Wochen suchte Otto Frank verzweifelt nach einem Lebenszeichen seiner Töchter. Er befragte Überlebende, die aus den Konzentrationslagern kamen, erkundigte sich regelmäßig beim Roten Kreuz und las die Namenslisten, die in Zeitungen veröffentlicht wurden. Am 18. Juli 1945 entdeckte er auf den Listen des Roten Kreuzes die Namen von Margot Betti Frank und Annelies Marie Frank. Dahinter stand das Todeskreuz. Seine Kinder waren beide, vermutlich Ende März 1945, im KZ Bergen-Belsen an Unterernährung und Krankheit gestorben. Das Lager in der Lüneburger Heide wurde am 15. April 1945 von britischen Soldaten befreit.

Das »Tagebuch der Anne Frank« stand in einer Ausgabe des Union Verlages Berlin von 1960 im Bücherschrank meiner Eltern. Ich war höchstens 10 Jahre alt, als ich das erste Mal darin las. Besonders bewegte es mich damals, als ich im Nachwort die Information fand, dass Anne, ihre Schwester und Mutter so kurz vor Kriegsende ums Leben kamen. So ging es mir jetzt wieder, als ich Otto Franks Briefe las. Gleichzeitig fragte ich mich, wie man mit solch großen Verlusten und so schrecklichen Erinnerungen weiterleben kann.

Die Briefe von Otto Frank habe ich dem Buch »Grüße und Küsse an alle – Die Geschichte der Familie von Anne Frank« entnommen. Aufgeschrieben wurde Annes Familiengeschichte von Mirjam Pressler, die auch schon die Tagebücher Annes in der vollständigen Kritischen Ausgabe des Fischer Verlages von 1988 übersetzte. Bei ihren Recherchen wurde sie von Gerti Elias, der Ehefrau von Annes Cousin Buddy Elias, unterstützt. Gerti Elias hatte auf dem Dachboden des Elternhauses ihres Mannes viele tausend Dokumente, Briefe und Fotos entdeckt, die sie über zwei Jahre lang aufarbeitete. Sie sind die Grundlage für dieses Buch, welches Einblicke in das Leben einer überaus sympathischen Familie gibt, deren Zusammenhalt auch in finsteren Zeiten mich beeindruckte.

Durch das Lesen, Hören und Sehen persönlicher Schicksale wurde das Ausmaß der Leiden der Opfer des dunkelsten Kapitels in der deutschen Geschichte erst richtig nachfühlbar für mich. Es gibt etwa noch 350.000 Holocaustüberlebende. Die Zahl der Zeitzeugen wird täglich kleiner. Manchmal befällt mich die Angst trotz unzähliger Bücher und Filme über den Nationalsozialismus und seine Auswirkungen könnte das Bewusstsein darüber aus dem kollektiven Gedächtnis verschwinden. 70 Jahre sind eine lange Zeit und ich bin immer wieder dankbar, wenn Menschen etwas gegen das Vergessen tun. Unlängst habe ich zum Beispiel in der Nähe unseres Hauses einen sogenannten Stolperstein gesichtet. Am Nachbarhaus ist der Hinweis auf die Rettung eines jüdischen Kindes durch einen Kindertransport, der nach England ging, nicht mehr vorhanden. Ich habe mir vorgenommen, zu recherchieren, warum das Schild entfernt wurde.

Nachtrag im März 2015
Inzwischen habe ich Antwort von der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Dresden e.V. erhalten, die das besagte Schild im Jahr 2011 während des „Weges der Erinnerung“, welcher jedes Jahr im November stattfindet und von Schülern gestaltet wird, aufgehangen hatte. Die Tafeln sind leider nur provisorisch und werden in der Regel nicht erneuert und sind so weder vor Witterungseinflüssen noch vor Menschen geschützt, die meinen, dass eine solche Erinnerungskultur nicht gebraucht wird. Das bedaure ich natürlich sehr und vielleicht findet sich ja doch noch eine Finanzierungsmöglichkeit für fest installierte Schilder.

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