Gesellschaft der Angst

„Asylring“ am Eingang zu Notre Dame in Paris: Wer ihn erreichte, entging vorläufig seinen Verfolgern. Foto: Myrabella Wikimedia Commons CC-BY-SA-3.0 & GFDL

„Asylring“ am Eingang zu Notre Dame in Paris: Wer ihn erreichte, entging vorläufig seinen Verfolgern. Foto: Myrabella Wikimedia Commons CC-BY-SA-3.0 & GFDL

Der Winter war kalt in Dresden. Frierend stand oder lief ich einige Male mit meist nur wenigen Menschen, die ein Zeichen gegen die Pegida-Aufmärsche setzen wollten. Oft sah ich keine mir bekannten Gesichter, wenige Menschen nur, die in meinem Alter waren, wenige nur aus der sogenannten bürgerlichen Mitte. Ich erinnere mich an einen Sonntag, an dem wieder nur ein kleines Grüppchen von Menschen auf dem Dresdner Schlossplatz zusammen kam während auf dem benachbarten Theaterplatz mehrere tausend Menschen, den Parolen der Pegida-Aktivisten applaudierten. Plötzlich trafen wir ein Paar, dass wir lange nicht gesehen hatten und wurden mit den Worten begrüßt: »Ach, endlich mal jemand, den wir kennen.« Wir sprachen dann noch darüber, wie gespalten die soziale Schicht, in der wir uns normalerweise bewegen ist, wie Risse durch Freundes- und Kollegenkreise gehen und wie plötzlich Menschen aus unserem Umkreis, sonst nur als Stammtischparolen wahrgenommene Ressentiments äußern.

Seitdem lässt mich die Frage nicht mehr los, warum viele Menschen Flüchtlinge nicht einfach als Mitmenschen wahrnehmen können, die in Deutschland Schutz, eine Perspektive und persönliches Glück suchen und die, wie ich glaube, dazu ein Recht haben, wie jeder, der hier lebt, auch? Woher kommen der Neid und der Hass, die sich jetzt auch noch in Gewalt entladen? Vieles spricht dafür, dass die überdurchschnittlich große Anzahl von Gewalttaten im Umkreis von Asylbewerberheimen in Sachsen mit den speziellen sächsischen Verhältnissen zu tun hat. Aber welche sozialen Ursachen gibt es dafür?

Am 1. Februar 2015 hielt der Soziologe Heinz Bude (Jahrgang 1954) eine bemerkenswerte Rede im Dresdner Staatsschauspiel zu diesem Themenkreis. »Pegida, die Gesellschaft der Angst und der Protestbegriff des Volkes« hieß sein Beitrag innerhalb der Reihe »Dresdner Reden«. Heinz Bude, der sich mit Generationen- und Arbeitsmarktforschung beschäftigt, hat 2014 ein Buch mit dem Titel »Gesellschaft der Angst« veröffentlicht, in dem er die Angst, als eine zentrale Kraft in unserer Gesellschaft beschreibt.

In seiner »Dresdner Rede« analysiert er drei soziale Gruppen, die seiner Meinung nach besonders anfällig für fremdenfeindliche Ressentiments sind. Heinz Bude nennt sie die »Selbstgerechten«, die »Übergangenen« und die »Verbitterten«. Zu den selbstgerechten Menschen zählt er diejenigen, die in einem soliden Wohlstand leben, den sie meinen vor allem aus eigener Kraft erreicht zu haben. Sie sind stolz auf ihren errungenen sozialen Status und haben Angst, dass ihr behagliches Leben durch die Probleme, die vermeintlich oder tatsächlich durch Flüchtlinge entstehen, bedroht wird. Die »Übergangenen« gehören, laut Heinz Bude, zum sogenannten Dienstleistungsproletariat. Das sind Menschen, die sich mit schlecht bezahlten Jobs über Wasser halten, kaum Aufstiegschancen haben und die vor allem die direkte Konkurrenz mit Zuwanderern auf dem Arbeitsmarkt fürchten. Die dritte Gruppe, die »Verbitterten«, ist in Ostdeutschland größer als in Westdeutschland. Die Hälfte davon ist älter als 50 Jahre. Sie sind meist hochgebildet, gehören auch durchaus zur sogenannten Mittelschicht. Aber sie sind im Osten enttäuscht darüber, dass nach der Wende ihre Kompetenzen vielfach nicht mehr gefragt waren, dass sie sich mit Jobs, die unterhalb ihrer Qualifikation liegen, mit prekärer Selbstständigkeit oder mit vorgezogenen Ruheständen durchkämpfen mussten und müssen. Diese Menschen, manchmal auch »Wendeverlierer« genannt, schauen voller Neid auf Flüchtlinge, die sich angeblich durch staatliche Unterstützung und ohne Gegenleistung in Deutschland Wohlstand aufbauen können.

Sowohl von den »Übergangenen« als auch von den »Verbitterten« wird es in Heidenau bei Dresden überdurchschnittlich viele Menschen geben. Die Kleinstadt war vor 1990 ein wichtiger Industriestandort zwischen Dresden und Pirna. Nach der Wende wurde das Ortsbild jahrelang von grauen Industriebrachen geprägt. In Heidenau leben im Vergleich zu 1990 fast 25 Prozent weniger Menschen. Seit einigen Jahren ist der Ortskern saniert und die Stadt wurde als familienfreundliche Gemeinde ausgezeichnet. Offensichtlich gibt es aber nicht für alle Mitmenschen die selbe Willkommenskultur. Nach den rassistischen Ausschreitungen in Heidenau gab es für mich nur einen kleinen Lichtblick und der bezieht sich auf die schnelle und klare Stellungnahme des Bürgermeisters Jürgen Opitz (CDU). Das ist in Sachsen nicht unbedingt üblich.

Ich glaube, es gibt einen ganz alten Begriff gegen die Angst, gegen dieses Gefühl der Mindereinschätzung. Den kennen Sie alle, der ist ehrwürdig, der ist verbraucht, der wurde missbraucht, aber ich finde diesen Begriff immer noch sehr treffend. Das ist der Begriff der Solidarität. … In der Arbeiterbewegung existiert ein einfaches Modell für Solidarität, das ist die wechselseitige Hilfe. Ich frage nicht „Hast Du ein Anrecht auf Hilfe?“ Der Impuls ist vielmehr „Ich helfe Dir, weil Du in Not bist!“ Aber es stellt sich immer die Frage, für wen dieses Prinzip der wechselseitigen Hilfe gilt. Solidarität ist eine endlose Quelle unseres sozialen Zusammenhalts, aber neigt immer auch zur exklusiven Solidarität. Solidarität für unsereins, aber nicht für die anderen. Das ist das Gefährliche an der Solidarität. Sie kann zur exklusiven Solidarität werden, die die Anderen verdammt, denen wir unsere Hilfe nicht zukommen lassen, weil wir keine Wechselseitigkeit erwarten. Das ist die große Frage. Solidarität kann das Unerwartete tun, sie kann eine Menschlichkeit zeigen, die man nicht vermutet hätte. Sie bleibt indes immer eigentümlich regelfremd, wenig auf Dauer gestellt. Aber es handelt sich um eine Geste der Großzügigkeit. Wer solidarisch ist, sieht für einen Augenblick von Neid und Missgunst ab und vergleicht nicht, ob der andere das Recht hat, meine Hilfe zu bekommen, sondern ich helfe ihr oder ihm. Ich kann es mir leisten, großzügig zu sein.

Heinz Bude am 1. Feburar 2015 im Dresdner Schauspielhaus

Es gibt vielfältige Möglichkeiten, sich in diesen Tagen solidarisch zu zeigen. Ich habe beschlossen mich beim Stadtteilnetzwerk »Willkommen in Löbtau« einzubringen, einer Initiative, die es als eine der ersten in Dresden verstanden hat, unterschiedliche gesellschaftliche Kräfte unter einem Dach für eine wirkliche Willkommenskultur für alle Menschen zu vereinen.

Es geht gar nicht zuerst darum, was andere von uns denken, ob Investoren verschreckt werden und Touristen ausbleiben. Es geht darum, wie wir hier leben wollen, ob man sich überhaupt noch wohlfühlen kann in Sachsen.

Heinrich Maria Löbbers in einem Kommentar in der »Sächsichen Zeitung«

Seit einigen Tagen gibt es im Netz auch die Aktion #BloggerFuerFluechtlinge, die von Karla Paul (Buchkolumne.de), Nico Lumma (Lumma.de), Stevan Paul (nutriculinary.com) und Paul Huizing (einfach-lecker-essen.com) ins Leben gerufen wurde. Fast 10.000 Euro wurden bisher schon für die verschiedensten Projekte für Flüchtlinge auf betterplace.org gesammelt.

Auch viele Buchblogger haben sich schon an dieser Aktion beteiligt, zum Beispiel mit ganz persönlichen Beiträgen, wie den von Muromez oder auch mit literarischen Bezügen wie auf Sätze und Schätze. Auf der Seite der Autorin Pia Ziefle, die sich in ihrem Artikel sehr differenziert mit den möglichen Ursachen von Fremdenfeindlichkeit im Osten Deutschlands auseinandersetzt, gibt es zum Beispiel eine umfangreiche Linksammlung der schon entstandenen Beiträge.

Blogger für Flüchtlinge

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4 Gedanken zu “Gesellschaft der Angst

  1. Angela schreibt:

    Liebe Claudia,
    das sind wahrhaftig drängende Fragen.
    Einerseits hängt die beängstigende Atmosphäre im Hinblick auf die Asylproblematik sicherlich damit zusammen, dass so viele Menschen sich abgehängt fühlen (im Osten halt auch in der Realität mehr als im Westen). Mehr als die wirklichen „Nazi’s“ machen mir ja diejenigen Sorgen, die so scheinbar ganz „normale“ Bürger, wohl gar noch Christen sein wollen, aber in ihrer Angst davor, zukünftig zu kurz zu kommen, die Schuld auf diejenigen abwälzen, die die weitaus schwächere Position haben, statt einmal nachzudenken, wie es überhaupt zu der heutigen Situation gekommen ist.
    Und da habe ich den Eindruck, dass es über lange Zeit überhaupt nicht üblich war, politisch zu denken, nach Interessen zu fragen und in Frage zu stellen, was so jeden Tag als wohlfeile Antwort präsentiert wurde.
    Felix Liebig drückte mir „Unsere schönen neuen Kleider“ von Ingo Schulz in die Hand. Das bezieht sich auf die Dresdner Rede vom Februar 2012.
    Wenn Frau Merkel halt die „marktkonforme Demokratie“ einführen wollte, und nichts mehr gilt als „die bare Zahlung“ (Marx), müssen wir uns nicht wundern, dass Demokratie gemeinsam mit Barmherzigkeit und selbst bloßem Sachverstand schon ein ganzes Stück den Bach hinunter gegangen sind. Viele Prozesse gehen m.E. ja sogar hinter bürgerliche Demokratie weit zurück. Da werden demokratische Regeln halt einfach durch Machtpositionen ersetzt – man denke bloß mal an TTIP oder daran, dass man sich mit einem unzureichenden Abi-Durchschnitt einfach in ein nc-Fach einklagen kann, natürlich mit solventem Elternhaus…
    Ja, und bloß konsumierende, vielleicht mal bisschen meckernde Bürger waren der „Obrigkeit“ doch allemal lieber als widersprechende und protestierende „Linke“. Jetzt hat man den Salat, und ich schäme mich jeden Tag für das, was da passiert.
    Immerhin scheint man ja jetzt zu erwachen, das Netzwerk „Willkommen in Löbtau“ bekommt von den Medien fast jeden Tag Anfragen, über unsere Arbeit zu berichten. Und die macht wirklich Freude, selbst etwas zu tun und Betroffene kennenzulernen ist echt befriedigend und würde bei den Wankelmütigen wohl auch Ängste abbauen. Vielleicht bekommt man ja wenigstens bei Kindern gleich eine andere Haltung hin.
    Interessant wäre schon, wer von all den „Asylkritikern“ mit gegen Waffenexport auf die Straße gehen würde – sind ja gute deutsche Arbeitsplätze…
    Angela

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    • Kastanie schreibt:

      Liebe Angela, mir geht es genauso. Die ganz „normalen“ Bürger mit ihren Ressentiments machen mir am meisten Angst. Ein gesellschaftlicher Wandel wird aber nicht aufzuhalten sein. Die Frage ist nur, ob die Politik wie in den 90er Jahren dem dumpfen Volkswillen nachgibt oder aber ob es gelingt, eine offene Gesellschaft als Chance und Bereicherung zu begreifen, gerade hier im Osten. Es wäre schon viel erreicht, wenn die Flüchtlinge mit ihren Lebensgeschichten mehr zu Wort kommen würden. Begegnungen von Mensch zu Mensch sind einfach so wichtig, damit Mitgefühl entstehen kann. Deshalb sind auch solche Bürgerinitiativen wie „Willkommen in Löbtau“ so wichtig und ich gebe einfach die Hoffnung nicht auf, dass diese noch wachsen und es schaffen, Ängste und Vorurteile abzubauen und einfach durch ihre Menschlichkeit die „Wankelmütigen“, wie du es nennst, überzeugen und die „Unbelehrbaren“ zumindest übertönen. – Die Rede von Ingo Schulze werde ich mir auf jeden Fall durchlesen. Ein passendes Buch zum Thema scheint auch „89/90“ von Peter Richter zu sein. Ein interessantes Interview mit dem Autor ist übrigens hier zu lesen: http://www.lvz.de/Mitteldeutschland/News/Peter-Richter-Der-Ruf-Sachsens-ist-fundamental-im-Arsch.

      Viele Grüße von Claudia

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  2. skyaboveoldblueplace schreibt:

    Liebe Claudia,
    ich glaube ja, dass an den Thesen von Heinz Bude eine Menge dran ist (das ist eine wirklich gute Rede von ihm, ist komplett an mir vorbeigegangen), bloss das nur auf den Osten Deutschlands oder spezifisch auf Sachsen zu beziehen, scheint mir nicht angemessen.
    Ich lebe im tiefsten Westen der Republik und ich würde behaupten, dass es auch unter den hiesigen Zeitgenossen diese seltsame Angst vor dem ‚die nehmen wir etwas weg‘ gibt, jedenfalls etwas, dass ich absolut Rassismus nennen würde. Und ich fürchte, das geht auch hier aus den benannten Gründen durch alle Schichten durch.
    Liebe Grüsse
    Kai

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    • Kastanie schreibt:

      Lieber Kai, was du sagst, höre ich auch sehr oft von Freundinnen, die im Westen Deutschlands wohnen. Ich streite nicht ab, dass es diese bekannten Ressentiments quer durch alle Schichten und in allen Teilen Deutschlands gibt. Ich denke aber, dass es die Verbitterten und Enttäuschten im Osten mehr gibt. Innerhalb kurzer Zeit verschwanden ganze Industrielandschaften, das geht nicht spurlos an den Menschen vorbei. Dazu kommt die wirklich „besondere“ Politik in Sachsen, die fremdenfeindliche Ressentiments nicht nur ungenügend entgegen getreten ist sondern diese teilweise auch noch geschürt hat. Ich empfehle in diesem Zusammenhang jetzt gern dieses Interview mit Peter Richter: http://www.lvz.de/Mitteldeutschland/News/Peter-Richter-Der-Ruf-Sachsens-ist-fundamental-im-Arsch – Aber von diesem unerfreulichen Thema mal abgesehen oder abgeschweift (wie du immer so schön schreibst): Ich freue mich sehr für dich, dass du mit dem Schreiben einen Weg für dich gefunden, deinem Leben in einer so bedrohlichen Lage eine neue Qualität zu geben. Dein letzter Post klingt so voller Hoffnung. Liebe Grüße in den tiefen Westen aus dem äußersten Osten des Landes, Claudia

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