Anne von Canal – Der Grund

Der Grund»Der Grund« ist der Debütroman von Anne von Canal (Jahrgang 1973). Sie arbeitete einige Jahre in verschiedenen Verlagslektoraten und auch als Übersetzerin. Anne von Canal (kein Künstlername sondern der Name ihres Mannes) studierte Germanistik und Anglistik, fühlte sich aber beim nachmittäglichen Jobben in einer Buchhandlung wohler als in der Uni. Erst als sie auch das Studienfach Skandinavistik belegte, entwickelte sie Leidenschaft für das wissenschaftliche Arbeiten mit Literatur. Ein Jahr lebte sie in Oslo. Folgerichtig ist die Handlung ihres Romans auch größtenteils in Skandinavien angesiedelt, in Schweden und Estland. Inzwischen gibt es das Buch auch in estnischer Übersetzung.

»Der Grund« erschien im mareverlag Hamburg, von dem ich bisher nur die Zeitschrift »mare« mit dem anspruchsvollen Layout und den beeindruckenden großformatigen Fotos zu maritimen Themen kannte. So ist es wahrscheinlich auch nicht verwunderlich, dass die typographische Gestaltung des Buches keine Massenware ist und mir sehr gut gefällt.

»Doch Kinder richten sich nicht nach den Vorhersagen, die ein Arzt getroffen hat. Sie haben von Beginn an die Fähigkeit zum freien Willen. Und müssen ihn dann ein Leben lang verteidigen, gegen alle, die versuchen, ihn zu brechen. War das nicht die eigentliche Aufgabe? Seinen freien Willen zu behalten?« Seite 253

Laurentius Simonsen, genannt Laurits, wächst in den 60er Jahren in einer Stockholmer Oberschichtfamilie auf. Sein Vater, ein bekannter Augenchirurg, ist die unangefochtene Familienautorität, der sich Frau und Sohn bedingungslos unter zu ordnen haben. Laurits liebt es, mit seiner Mutter am Klavier zu sitzen, ihrer Stimme und ihrem Spiel zu lauschen. Diese scheinbar innige Beziehung zerbricht allerdings als die Mutter beschließt, gegen den Willen des 5-jährigen, eine Klavierlehrerin für ihn zu engagieren. Laurits muss sich fügen, aber er entdeckt mit dem Klavierspiel eine Welt für sich, in der er Erfüllung und Selbstvertrauen findet. Seine Mutter konzentriert sich von nun an nur noch auf das Talent ihres Sohnes und kann dadurch ihrem durch starre Konventionen geprägten Leben als Arztgattin, welches sie immer öfter auch zur Ginflasche greifen lässt, ein wenig Sinn geben. Erstaunlich ist es allerdings schon, dass sie sich gegen den Willen ihres Mannes durchsetzt, den Laurits‘ Klavierspiel nicht interessiert und der es sogar schädlich für seine Entwicklung hält. Laurits ist ein angepasstes Kind und ohne seinen unkonventionellen Freund Pelle, der bei seinem als Handwerker arbeitenden Großvater lebt, hätte er wohl nie das Leben abseits seiner abgeschotteten Welt kennengelernt. Pelle macht ihm schon frühzeitig schmerzhaft bewusst, dass sein Vater keinesfalls immer recht hat und manchmal sogar ein Lügner ist.

Selbstverständlich soll Laurits Arzt werden wie sein Vater, trotzdem stimmt dieser zu als der Sohn sich am Konservatorium bewerben will. Die Schilderung der Aufnahmeprüfung, immer wieder unterbrochen von Rückblenden in die Kindheit, gehört für mich zu den stärksten Abschnitten des Romans. Ich konnte Laurits‘ Aufregung spüren, die Verunsicherungen aber auch die Genugtuung über gelungenes Spiel. Die Musik, die er spielt, ist so gut geschildert, dass sie fast hörbar wird. Ganz unerwartet, auch für mich als Leserin, die fast schon auf einen Fehler beim Vorspielen wartete, denn der Klappentext verrät, dass Laurits seine scheinbare Bestimmung als Arzt findet, fällt er durch die Prüfung am Konservatorium. Laurits soll sich im nächsten Jahr noch einmal anmelden, sein Spiel sei zu unreif. Er ist verständlicherweise stark enttäuscht, eine Welt bricht zusammen. Trotzdem fügt er sich dem Wunsch seines Vaters und studiert Medizin, allerdings wird er nicht, wie vom Vater vorgesehen, Chirurg sondern Gynäkologe und wagt damit eine kleine freie Entscheidung.

Der freie Wille des Kindes (siehe Zitat oben) zählt in Laurits‘ Familie nicht. Er muss eine Rolle spielen und er nimmt diese an, verhält sich auch als Erwachsener vor allem opportunistisch. Sein Jugendfreund Pelle bringt dieses Verhalten auf den Punkt, als Laurits zu einer Friedensdemonstration mit dem Volvo seiner Mutter vorfahren will:

»Deine Eltern haben ganze Arbeit geleistet, mein Lieber, Du hast wirklich das Zeug zum Opportunisten. Willst du etwa mit dieser Kiste zur Demo der Friedensaktivisten fahren? Dann fliegen wir doch sofort raus. Laurits, manchmal bist du echt ein hohler Oberklassefuzzi!« Seite 54

Zwar geht auch an den schwedischen Medizinstudenten die gesellschaftliche Aufbruchzeit der 70er Jahre nicht vorbei, aber Laurits gehört eher zu den Wohlstandshippies, die nach dem Studium eine Karriere als Arzt und eine Ehe mit Kind und Eigentumswohnung anstreben. Laurits Entwicklung geht genau in diese Richtung, als er seine große Liebe Silja, eine Estland-Schwedin, heiratet, und mit ihr eine Tochter bekommt. Die Eltern werden vor vollendete Tatsachen gestellt, was für Laurits schon einen großen unabhängigen Schritt bedeutet. Allerdings nabelt er sich nicht wirklich von seiner Herkunftsfamilie ab. Im Grunde führt er ein ähnliches Leben wie sein Vater. Berufliche Reputation und gesellschaftliches Ansehen sind darin überaus wichtig. Friede, Freude, Eierkuchen also? Den Lebenstraum vom Pianisten so schnell begraben? Lebensgeschichten wie die von Laurits sind nicht gerade selten. Viele Menschen »vergessen« in einem scheinbar befriedigenden Alltag ihre Kindheitsträume aber auch die Verletzungen, die aus dieser Zeit stammen. Mit einigen Variationen wird das Leben der Eltern kopiert. Aber die Vergangenheit meldet sich dann doch in irgendeiner Form wieder zu Wort. So auch in Anne von Canals Roman, in dem das auf klassische Weise während einer Familienfeier passiert.

»… als er begriffen hatte, dass seine Existenz auf Sand gebaut war; dass alles was ihm solide und gut erschien, ein haltbares Fundament fehlte und dass er vermutlich nicht der war, der er sein sollte, war Laurits in den dunkelsten Niederungen seines Charakters gestrandet wie ein abgestürzter Heißluftballon in einer Baumkrone.« Seite 195

Laurits versinkt in Depressionen, bricht den Kontakt zu seinen Eltern ab und trennt sich auch räumlich von ihnen. Mit Frau und Tochter zieht er nach Estland. Seine Schwiegereltern leben schon eine Weile wieder in Tallin, so dass für Silja ein Herzenswunsch in Erfüllung geht. Nur die Tochter Liis wehrt sich vehement gegen diesen Umzug und ihr freier Wille findet bei ihren Eltern fast ebenso wenig Aufmerksamkeit wie der von Laurits damals als Kind. Nach einigen Anfangsschwierigkeiten leben sich aber alle in Estland gut ein. Laurits arbeitet weiterhin als Arzt, fängt sogar wieder an, Klavier zu spielen. Die Kompositionen von Philip Glass, dessen Filmmusik zu »Koyaanisqatsi« mir noch in positiver Erinnerung ist, helfen ihm einen etwas anderen Zugang zur Musik zu finden:

»Nach und nach begriff er, warum er sich in dieser reduzierten und an der Oberfläche arglos erscheinenden Musik so zu Hause fühlte: Sie sprach mehr seine Fantasie als seinen Ehrgeiz an, drang in tiefere Schichten vor, berührte in ihrer Minimalistik unmittelbar und schmerzte doch nie. Im Gegenteil. Sie legte sich wie eine lindernde Salbe auf die wunden Stellen, verschloss sie und heilte.« Seite 208

Trotzdem ist der Umzug nach Estland nur eine Flucht, denn die Vergangenheit, vor allem der Konflikt mit Laurits‘ Eltern, bleibt unbewältigt. Trauer und Wut kommen zu kurz. Das Buch driftet fast ins Kitschige ab. Doch dann wird im Verlauf der sich zuspitzenden Handlung deutlich, welchen Zusammenhang es zwischen dem Funkverkehr zweier Schiffe am Anfang des Buches und dem Leben von Laurits gibt. Erstmals wird der tragische Untergang der »Estonia« in einem deutschsprachigen Roman verarbeitet und Anne von Canal gelingt es mit großer Sensibilität für die Gefühle der Familien der Opfer, ein fiktives Schicksal mit Fakten des realen Ereignisses zu verbinden.

Laurits flüchtet abermals, fährt als gebrochener Mann als Pianist auf Kreuzfahrtschiffen über die Meere. Das Ende des Buches bleibt offen. Laurits beginnt sich jedoch seiner Trauer zu stellen und vielleicht schafft er es auch, einen Neuanfang zu wagen.

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Das Klavier auf dem Schutzumschlag, der Name des Verlages und der vieldeutige Titel »Der Grund« stimmen auf eine Geschichte mit Musik, Meer und entsprechenden Tiefen ein. Anne von Canals Debüt ist ein lesenswerter Roman, der mich an einigen Stellen berührt hat. Gefallen hat mir die Erzählweise, welche die Tagebuchaufzeichnungen des Kreuzfahrtpianisten Laurits in der Gegenwart im Jahr 2005, immer wieder mit Rückblenden unterbricht. Langsam fügt sich so das Puzzle seines Lebens zusammen und die Spannung beim Lesen bleibt erhalten.

Den zahlreichen enthusiastischen Rezensionen (zum Beispiel bei Thomas Brasch und beim Kaffeehaussitzer) kann ich mich dennoch nicht anschließen. Die angesprochenen Themen wie Schicksalsbewältigung, Verlust und Enttäuschung sind mir zu wenig ausgelotet.

Die Handlung ist durchweg aus der Sicht der Hauptperson geschrieben. Vielleicht führt das auch dazu, dass die anderen Personen auf mich eher stereotyp wirken. Möglicherweise ist die Kunst des Weglassens, wie die Rezensentin der Süddeutschen Zeitung meint, allerdings auch der Grund, warum der Roman nicht ins Triviale abdriftet. Die Gefahr dafür ist an manchen Stellen, wie schon beschrieben, sehr groß.

Ich war nach dem Lesen ebenso wie Flattersatz und die Bibliophilin etwas enttäuscht, vielleicht auch weil meine Erwartungen an dieses Buch zu hoch waren.

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3 Gedanken zu “Anne von Canal – Der Grund

    • Kastanie schreibt:

      Obwohl ich mir etwas mehr „Tiefgang“ versprochen hatte, freut es mich trotzdem, dass das Buch so viele begeisterte Leser gefunden hat. Vor allem am Anfang habe ich es auch sehr gern gelesen. Die „Estland-Passage“ fand ich allerdings zu schwach, es „brauchte“ dann irgendwie die „Estonia-Katastrophe“, sonst wäre da zu viel Harmonie fast Kitsch gewesen. Außerdem hat mich gestört, dass die Menschen neben Laurits, also Mutter, Vater, Pelle usw., relativ blass und stereotyp charakterisiert sind.

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  1. marinabuettner schreibt:

    Es ist leider schon zu lange her, als das ich mich noch präzise erinnern könnte. Ich weiß aber, dass es zu meinen Highlights damals gehörte. Ich fand den Aufbau gut, die Zeitsprünge brachten Spannung. Ich merke gerade, dass ich Lust hätte noch mal ins Buch zu schauen… Wären da nicht so viele neue Bücher, die zu lesen sind…

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