Feindbilder

fuer_fremde_alles_verboten

By Eva K. (Eva K.) [GFDL 1.2 (http://www.gnu.org/licenses/old-licenses/fdl-1.2.html) or FAL], via Wikimedia Commons

»Ein Andersartiger par excellence ist der Fremde, der Ausländer. Bereits in den römischen Flachreliefs erscheinen die Barbaren als bärtige und stumpfnasige Wesen, und schon die Bezeichnung »Barbaren« insinuiert ja bekanntlich einen Defekt in der Sprache und somit im Denken.
Doch von Anfang an werden nicht nur diejenigen Andersartigen, die uns direkt bedrohen (wie angeblich die Barbaren), als Feinde aufgebaut, sondern auch diejenigen, bei denen jemand ein Interesse daran hat, sie als bedrohlich hinzustellen, auch wenn sie uns nicht direkt bedrohen, mit der Folge, dass nicht so sehr ihre Bedrohlichkeit ihr Anderssein unterstreicht, sondern ihr Anderssein zum Zeichen ihrer Bedrohlichkeit wird….

Zu einer neuen Art von Feind kommt es mit Zunahme der Kontakte zwischen den Völkern: Feind wird jetzt nicht nur derjenige, der draußen lebt und seine Fremdartigkeit aus der Ferne bezeugt, sondern der drinnen lebt, unter uns, wir würden heute sagen: der Immigrant aus Afrika oder Nahost, der sich in mancher Hinsicht anders als wir verhält oder unsere Sprache schlecht spricht und der in Juvenals Satire der schlaue und schurkische graeculus ist: unverschämt, lüstern und fähig, die Großmutter seines Freundes flachzulegen….

Offenbar kann man auf den Feind nicht verzichten. Die Figur des Feindes kann nicht nur durch Prozesse der Zivilisierung abgeschafft werden. Das Bedürfnis danach ist auch den sanften und friedlichen Menschen angeboren. Man kann nur das Feindbild von einem menschlichen Gegenüber auf eine natürliche oder gesellschaftliche Gewalt verlagern, die uns irgendwie bedroht und besiegt werden muss, sei es die kapitalistische Ausbeutung, die Umweltverschmutzung oder der Hunger in der Dritten Welt. Aber mag dies auch »tugendhaft« sein, so bleibt doch wahr, was Bertolt Brecht sagt: Auch der Hass auf das Unrecht verzerrt die Züge…

Ich würde sagen, das Ethische obsiegt nicht dann, wenn man so tut, als gebe es keine Feinde, sondern wenn man versucht, sie zu verstehen, sich in ihre Lage zu versetzen…

Den anderen zu verstehen versuchen heißt: das Klischeebild von ihm zerstören, ohne sein Anderssein zu leugnen oder beiseite zu wischen. Aber seien wir realistisch. Diese Formen von Verständnis des Feindes bleiben den Dichtern, den Heiligen und Verrätern vorbehalten. Unsere tiefsten Triebe sind recht anderer Art…

Einerseits können wir uns selbst nur in Gegenwart eines Anderen erkennen, und darauf beruhen die Regeln des zivilen Zusammenlebens. Andererseits finden wir diesen Anderen meist unerträglich, weil er eben anders ist als wir. Und so erzeugen wir uns, indem wir den Anderen zum Feind reduzieren, unsere Hölle auf Erden.«

Aus Umberto Eco, »Die Fabrikation des Feindes und andere Gelegenheitsschriften«, aus dem Italienischen von Burkhart Kroeber, Carl Hanser Verlag, 2014 (aus »Costruire il nemico e altri scritti occasionali«, RCS Libri S.p.A. Bompiani, Milano, 2011)

978-3-446-23999-9_21312912544-78

Advertisements

2 Gedanken zu “Feindbilder

  1. arnoldnuremberg schreibt:

    Danke für die Erinnerung an den Band von Umberto Eco. Davon hatte ich schon gehört, doch noch nicht danach geschaut. Seine Romane habe ich gelesen, die Streichholzbriefe, etwas Semiotik und „Wie man eine wissenschaftliche Abschlussarbeit schreibt“.
    Beim Thema fremde Feinde ließe sich vielerei kommentieren. Wann bin ich mir selbst fremd oder feind?
    Zum Tage: dankbar bin ich, dass die Bundesregierung mit Kanzlerin und Außenminister in den verschiedenen Konlikten immer wieder auf Dialog setzen, und ich hoffe auf gute Ergebnisse der Gespräche in Berlin heute.
    Schöne Herbsttage mit vielen Kastanien!

    Gefällt mir

    • Kastanie schreibt:

      Danke für Deinen Kommentar. Die Essays von Eco sind ebenso wie seine Romane sehr tiefgründig. Den Feind oder das Fremde in uns hat er aber nicht zum Gegenstand gehabt, das ist aber auch ein interessantes Thema. – Dialog trägt sicher immer ein wenig zum Verständnis des Feindes bei, sollte aber auch mit klaren Positionen erfolgen.
      Kastanien gibt es dieses Jahr reichlich bei uns, jetzt müssen nur noch die schönen Herbsttage wiederkommen 🙂

      Gefällt 2 Personen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s