Gertraud Klemm – MUTTERGEHÄUSE

Die österreichische Autorin Gertraud Klemm, Jahrgang 1971, wurde durch ihren Roman »Aberland« bekannt, der 2015 für den Deutschen Buchpreis nominiert war und in der Debatte um »Regretting Motherhood« häufig zitiert wurde. Mit »Muttergehäuse« wollte sie ein Buch schreiben, das sie gern gelesen hätte, als sie selbst in der Situation ihrer Protagonistin war: ein Trost spendendes, kämpferisches Buch über unerfüllten Kinderwunsch und alternative Mutterschaft. Es ist ihr gelungen, das kann ich auch aus eigener Erfahrung bestätigen.

Dutzende Ratgeber über unerfüllten Kinderwunsch und Adoption gibt es inzwischen auf dem Buchmarkt. Im Internet findet man eine Menge Erfahrungsberichte von Betroffenen. Gertraud Klemm hat sich beiden Themenkomplexen literarisch genähert. »Muttergehäuse« ist mehr ein Bericht, weniger ein Roman, wie das Buch publikumswirksamer vom Verlag angeboten wird, aber ausgestattet mit einer eigenen poetischen, kraftvollen und temporeichen Sprache, die Wut, Schmerz und Trauer der erzählenden Frau fast körperlich fühlbar macht.

Das Buch basiert auf einem Text mit fragmentarischen Strukturen, der schon 2010 unter dem Titel »Mutter auf Papier« bei Arovell erschienen ist. Für »Muttergehäuse« überarbeitete Gertraud Klemm das damals Geschriebene und brachte es in eine aktualisierte und kompaktere Form. Dem Verlag Kremayr & Scheriau aus Wien ist es zu verdanken, dass ein auch ästhetisch sehr ansprechendes Buch entstanden ist.

Auf dem Buchcover sind Schneckenhäuser zu sehen, die sich in verschiedenen Varianten auch als Illustrationen auf den Seiten mit den Träumen der Frau befinden. Es lohnt sich diese Traumsequenzen ein zweites Mal getrennt von der Handlung zu lesen, da sie zusammenhängend noch direkter die unterschiedlichen Gefühlslagen der Erzählenden verdeutlichen. Schneckengehäuse können bewohnt sein oder auch nicht, nicht jede Frau ist Mutter und selbst wenn sie ein Kind hat, müssen sich mütterliche Gefühle oft noch entwickeln und sind nicht naturgegeben.

Gertraud Klemms Text beschreibt ihre Familiengenese, wie sie es selbst nennt, in drei Teilen. »Mutter« beschäftigt sich mit der Phase der Suche nach einem Ausweg aus der ungewollten Kinderlosigkeit, »Papier« beschreibt die Zeit des Wartens auf eine Adoption und »Kind« erzählt über den Alltag mit dem adoptierten Kind.

Mutter

In Interviews vergleicht Gertraud Klemm die Phase der ungewollten Kinderlosigkeit mit der Pubertät, einem Lebensabschnitt zwischen zwei Zuständen: als Frau, deren Körper für das Gebären gemacht ist und als Mutter, die man noch nicht ist. Sie hat während dieser Zeit ein Tagebuch angefangen, dem sie all ihren Schmerz, ihren Neid und ihre Wut auf sich und die mit Kindern gesegnete Umwelt anvertrauen konnte. Dieses Journal wurde die Grundlage für »Muttergehäuse«. Der autobiografische Bezug ist bewusst gewollt. Kein Pseudonym sollte die gesellschaftskritische Aussage des Buches verwässern. Das Manuskript haben einige Verlage abgelehnt, es war ihnen zu larmoyant. Der Text ist aber nicht weinerlich, ich habe ihn vor allem als sehr ehrlich empfunden.

»Seit wir versuchen ein Kind zu bekommen, rechne ich. In Wahrscheinlichkeiten. In Eisprungzyklen. In 9-Monatszyklen. Falls ein Kind kommen würde. In Tagen bis zur Regel. Falls kein Kind kommen sollte. In Urlauben, die gebucht werden sollten, dann aber storniert werden müssten. In Zimmern, die benötigt werden könnten. In Kosten, die drohen könnten. Ist bald ein großes Auto fällig? Bis wieder »nichts ist«.«

Die Gedanken der Erzählerin drehen sich in jeder freien Minute um den Kinderwunsch, übersensibilisiert nimmt sie ihre Umwelt wahr. Überall ist Fruchtbarkeit und Fortpflanzung, die Natur geht scheinbar verschwenderisch damit um. Aber der frisch gepflanzte Apfelbaum im eigenen Garten trägt keine Blüten, die Tomaten sind auch nur klein. Sie überträgt ihre Wut auf den Körper, der Bauch setzt Fett an, sie treibt exzessiv Sport. Die Partnerschaft leidet, denn der Mann geht gelassener mit dem Problem um, er hat Zeit, Schweigen setzt ein.

Die Welt ist voller glücklicher Mütter. Babies sind überall, Alltagsgespräche drehen sich scheinbar nur noch um Kinder. Die Probleme der Freunde mit Kindern haben Vorrang. Sobald die Freunde ein Kind haben, werden sie zu »Leuten«, es wächst ein Graben.

Am schlimmsten sind jedoch die Ratschläge der anderen, der Nichtbetroffenen zu ertragen:

»Ich lächle und mache eine Liste mit Sätzen, die ich »Favoriten« nenne und in ein Dokument schreibe, das ich unter »Wehenschreiber« abspeichere:
»Hab Geduld.«
»Du musst locker lassen!«
»Ich kenne ein Paar, das …«
»Ich kenne wen, der …«
»Hast du schon?«
»Das wird schon.«
»Du wirst schon noch schauen!««

Die Erzählerin sucht nach Unterstützung und Hilfe für ihr Problem. In Kinderwunschforen im Internet gibt es nur die Option des eigenen Kindes. Zorn und Trauer werden ausgeblendet. Bücher sind entweder zweckoptimistisch oder verdammen gleich ganz das Kinderkriegen. Chinesische Heilmethoden schlagen nicht an. Es bleibt nur noch die Reproduktionsmedizin.

»Zu Hause scrolle ich die Homepage auf und ab. Glückliche Eltern, wohlgeratene Fortpflanzungsprodukte, keltische Fruchtbarkeitsrunen an den Wänden der Behandlungsräume. Tortendiagramme. Preislisten mit Positionen. Einmalige Einfriergebühr Embryonen: 280 EUR. Jährliche Lagerungsgebühr Embryonen: 308 Euro. Mietgebühren für Embryonen? Asisted Hatching, steht da. Assistiertes Schlüpfen. Embryo-Kleber. Einnistungsspülung. Polkörperdiagnostik, Kyrotransfer.
Nein, beginnt es zu hämmern. Nicht mit mir.«

Gertraud Klemm hat als Biologin gearbeitet. In einem Interview sagt sie, dass sie die Fortpflanzungsmedizin auch aus dieser besonderen Berufssicht beurteilt und es ihr übel werde, wenn sie daran denkt, dass man zwei Zellen, die nicht miteinander wollen in der Petrischale doch zusammen zwingt. Ihre Kritik an der Reproduktionsmedizin ist schonungslos und sie kommt von einer Betroffenen. Das macht sie für mich überzeugender als das Urteil einer Ethikkommission. Die Reproduktionsmedizin ist nicht alternativlos bei unerfülltem Kinderwunsch, man muss sich ihr nicht zwangsläufig unterziehen. Dennoch trifft die Erzählerin wegen ihrer Entscheidung, die Segnungen der modernen Medizin nicht in Anspruch zu nehmen, wieder auf Kritik aus ihrer Umwelt. Sie hat eben nicht »alles« versucht.

Nach einer Fehlgeburt entscheidet sich das Paar für eine Adoption.

Papier

»Mein Embryo wird in Papier gepackt, Schicht um Schicht. Formulare sind sein Uterus, ein kaltes Knistern sein Nest. Schranken begrenzen meine Mutterschaft, Bewilligungen, rechte Winkel, Bedingungen, Befunde, Gutachten. Leute sehen tief in uns hinein und trinken dabei Kaffee.«

Die »Papierschwangerschaft« ist beschwerlich. Das Paar wird vom Jugendamt durchleuchtet, für die Behörde muss es gläsern, durchschaubar sein. Hausbesuche, die Offenlegung von Vermögensverhältnissen und vor allem die Beantwortung vieler, vieler Fragen, in denen immer ein bisschen Misstrauen gegenüber den Antragstellern für ein Adoptivkind mitschwingt, muss das Paar über sich ergehen lassen. Es werden Eltern für Kinder gesucht, nicht umgekehrt. Ein sehr vernünftiger Grundsatz, eigentlich. Aber rechtfertigt er auch, dass leiblichen Eltern scheinbar so viel mehr Kompetenz zugetraut wird als angehenden Adoptiveltern? Das ist der wunde Punkt im Adoptionsverfahren, auf den die Autorin immer wieder hinweist. Hier bin ich nicht voll und ganz der Meinung von Gertraud Klemm, die davon auszugehen scheint, dass eine Adoptivelternschaft nicht anders ist als leibliche Elternschaft. Eine Vorbereitung auf bestimmte Besonderheiten, die es gehäuft oder auch nur bei Adoptivkindern gibt, finde ich schon hilfreich und wichtig, vor allem im Interesse der Kinder.

Das Paar möchte ein Kind aus Südafrika adoptieren. Nun hat natürlich neben den deutschen Behörden auch noch das Herkunftsland des Kindes seine Anforderungen an die Adoptiveltern. Bürgen müssen her, die in englischer Sprache über die Antragssteller Berichte erstellen. Alles dauert und dauert und wenn nur ein Rädchen im Bürokratiegetriebe klemmt, verzögert sich alles wieder um Wochen, um Monate.

Freunde und Verwandte halten natürlich nicht mit ihren Meinungen, ihren Ratschlägen hinterm Berg. Wieder werden Sätze gesagt, die kränken und eine sowieso schon nervenaufreibende Zeit noch weiter belasten. Auf der einen Seite steht eine Bewunderung, die dem Adoptionsvorgang nicht angemessen ist. Denn es geht dem Paar nur darum, eine Familie zu gründen. Es will nicht die Welt retten. Auf der anderen Seite gibt es wieder die Skeptiker, die alle Entscheidungen infrage stellen.

»Während die anderen guter Hoffnung sind, sind wir ungemein mutig. Ich will, dass sich alle freuen, weil wir ein Kind bekommen, aber stattdessen sorgen sie sich, als würden wir in einen Abgrund springen. Wir stehen im Schatten meiner gescheiterten Mutterschaft, die hätte sein können. Die unverdächtig gewesen wäre, gefahrlos, natürlich. Es ist noch lange nicht vorbei.«

Der Makel, nicht geboren zu haben, bleibt auch während des Adoptionsverfahrens bestehen. Er lässt sich nicht einfach wegwischen. Die Frau fühlt sich anders, hat mit Neidgefühlen zu kämpfen, freut sich heimlich über jede missglückte Schwangerschaft bei anderen Frauen. Der Körper muss herhalten für die Wut auf die Unfähigkeit, ein Kind zu gebären. Laufen hilft, Schreien und Selbstmitleid manchmal auch.

Ermutigend sind die Treffen mit Eltern, die Kinder aus Südafrika adoptiert haben. Alles ist so normal dort und ohne Aufgeregtheiten. Die Familien unterscheiden sich nicht von anderen. Das Paar fühlt sich verstanden und zugehörig. Ebenso geht es den Beiden bei den Gesprächsrunden mit anderen Antragstellern, auch wenn die Frau hier das Gefühl hat, sie haben nicht genug »durchgemacht«, ihre Erfahrungen mit der Kinderlosigkeit sind nicht der Rede wert.

Kind

»Leibliche Kinder sind geliebte Kinder, Adoptierte Kinder sind Vorsicht-Kinder. Leibliche Eltern kriegen die Kompetenz quasi mit der Nachgeburt geliefert. Du hast das Papier. Und jetzt endlich: Schnauze.«

Eines Tages ist es soweit. Eine ganz normale Familie: Mutter, Vater, Kind. Aber das Kind ist adoptiert und es ist aus Südafrika und es ist schwarz. Die Mutter kämpft mit den Anpassungsschwierigkeiten an das neue Familienleben, die die meisten Mütter mit einem Säugling haben: zu wenig Schlaf, kein eigenes Leben mehr, immer Verantwortung, Isoliertheit und die Schwierigkeit, einen Satz zu Ende zu sprechen. Sie gehört jetzt zu »DieMütter« oder doch nicht? Nein, sie ist immer noch anders und das Kind natürlich auch:

»Alles, was ich sehe, ist: Es ist nicht wie andere Kinder. Das ist mir ganz recht. Ich bin auch eine Mutter wie keine andere. Wir haben beide auf dem Weg zum Elternhaben und Kindhaben einen Umweg nehmen müssen. Dort treffen wir einander und können uns ansehen und annähern.«

Die Kommentare der Umwelt werden nicht weniger und verletzen ganz selbstverständlich die Grenzen der Eltern:

»Mein Gott, so ein schönes Kind!!«
»Ist das Ihres?«
»Haben sie den adoptiert?«
»War das schwierig?«
»Und seine richtige Mutter?«
»Was kostet so was?«

Weiße Eltern mit einem schwarzen Kind fallen auf, die Adoption wird öffentlich, man kann sie kaum verstecken. Von Gesprächen über Geburtserlebnisse oder das Stillen ist die Frau ausgeschlossen. Der Kinderarzt traut den afrikanischen Ärzten nicht, sie könnten sich geirrt haben. Alles wird noch mal untersucht. Kann es sein, dass ein Kind aus Afrika wirklich gesund ist?

Aber neben »DieMütter« gibt es noch die Donnerstagsmütter, wo auch gemeinsam gejammert wird, aber kein Wettbewerb daraus entsteht. Schließlich wächst auch der Wunsch nach einem Geschwisterkind. Die Adoptionsmühle läuft wieder an und diesmal treibt es die Bürokratie zu weit. Die Eltern, die sich gerade beim ersten Kind im Wickeln, Baden und Füttern als geeignet erwiesen haben, sollen einen Säuglingspflegekurs absolvieren, denn den gab es beim ersten Antrag noch nicht. Gerade zu jener Zeit wird in Österreich der Fall Josef Fritzl aufgedeckt. Wo war das fürsorgliche Jugendamt, als dieser Großvater für mehrere Enkelkinder Adoptionen oder Pflegschaften beantragte? Keine Kurse, wenig Fragen, die Bescheide wurden einfach so ausgestellt. Die gemeinsamen Gene schienen ausreichend zu sein, um Kinder zu erziehen.

Ein alternatives Buch über ungewollte Kinderlosigkeit und alternative Elternschaft

Getraud Klemm hat ein kämpferisches Plädoyer für die Vielfalt von Lebensentwürfen geschrieben. Es gibt niemals nur den einen Weg, der der einzig wahre und richtige ist. In unserer pluralistischen Gesellschaft, in der es theoretisch sehr verschiedene Möglichkeiten gibt, sein persönliches Glück zu leben, scheint es jedoch trotzdem schwer zu sein, von der gefühlten Norm abzuweichen. Gertraud Klemm war selbst ungewollt kinderlos und hat später zwei afrikanische Kinder adoptiert. Ihre Mitmenschen reagierten sowohl auf die Kinderlosigkeit als auch auf die Adoption wenig empathisch. In »Muttergehäuse« ist es ihr gelungen, ihr Recht auf ihre eigenen Entscheidungen vor allen »Sprücheklopfern«, »Bedenkenträgern«, Überheblichen, Nörglern, Zweiflern und latenten Rassisten zu behaupten und anderen Menschen, Mut zu machen für ein Leben jenseits von unhinterfragten Normen.

Eine Leseprobe ist hier zu finden.

Zum Weiterlesen

http://www.sueddeutsche.de/leben/gertraud-klemm-ich-bin-mutter-zweiter-klasse-1.3084837

http://derstandard.at/2000030993112/Autorin-Klemm-Durch-Mutterrolle-in-Hausfrauenrolle-gedraengt

https://www.freitag.de/autoren/ulrike-baureithel/alles-fuer-das-eigene-kind

http://www.gertraudklemm.at/

 

 

 

 

 

 

 

 

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