Es gibt keine Rückkehr aus dem Exil – Der Emigrant Remarque und »Die Nacht von Lissabon«

Ronco sopra Ascona (5)

Ronco sopra Ascona © Thomas Wenger  (5)

Erich Maria Remarque verließ Deutschland schon 1931. Er ging in die Schweiz, wo er in Ronco in der Nähe von Ascona eine Villa kaufte. Remarque war 1929 durch seinen Roman »Im Westen nichts Neues« innerhalb von kurzer Zeit zu einem weltweit bekannten Autor geworden. Das Buch hatte ihn, der aus kleinbürgerlichen Verhältnissen stammte, zu einem reichen Mann gemacht.

Die Weimarer Demokratie befand sich Anfang der dreißiger Jahre in Auflösung. Hitler und seine Sympathisanten bekamen immer mehr Einfluss auf die Politik. Straßenkämpfe zwischen Nazis und Kommunisten und das Elend der vielen arbeitslosen Menschen prägten das Bild Deutschlands. »Im Westen nichts Neues« geriet ganz unbeabsichtigt zwischen die politischen Fronten. Von links wurde der Autor angegriffen, weil das Buch einen deutlichen Klassenstandpunkt vermissen ließ und sich Remarque, auch weil der Ullstein-Verlag ihn aus werbestrategischen Gründen als unpolitisch »verkaufte«, kaum in die Diskussionen um seinen Roman einmischte. Von rechts wurde er attackiert, weil er mit seinem pazifistischen Buch angeblich das Ansehen der deutschen Weltkriegsteilnehmer beschmutzte. Weiterlesen

Kafka in Berlin

Wenn es möglich wäre, nach Berlin zu gehn, selbständig zu werden, von Tag zu Tag zu leben, auch zu hungern, aber seine ganze Kraft ausströmen lassen statt hier zu sparen oder besser sich abzuwenden in das Nichts! (Franz Kafka, Tagebuch vom 5. April 1914)

Franz Kafka 1923, Bildquelle (1)

Paris und Berlin waren die Sehnsuchtsorte der Prager Intellektuellen zu Beginn des 20. Jahrhunderts. In Ihrer Heimatstadt lebten sie isoliert und Wien, die Hauptstadt der Donaumonarchie Österreich-Ungarn, war für Kafka ein »absterbendes Riesendorf«.

Im Herbst 1910 fuhr Kafka nach gründlichen Vorbereitungen zusammen mit seinem Freund Max Brod und dessen Bruder nach Paris. Auf dieser Reise wurde er jedoch krank und musste vorzeitig nach Prag zurückkehren. Da er nach seiner Genesung noch einige Urlaubstage zur Verfügung hatte, reiste er im Dezember 1910 kurzerhand allein das erste Mal nach Berlin und genoss dort vor allem das Theaterleben und die vegetarischen Restaurants. Nach seiner Rückkehr schrieb er begeistert an Max Brod: Weiterlesen

Briefe eines Überlebenden

In den Jahren 1940 bis 1945 wurden in die Konzentrationslager Auschwitz mindestens 1,1 Millionen Juden, 140.000 Polen, 20.000 Sinti und Roma sowie mehr als 10.000 sowjetische Kriegsgefangene deportiert. Knapp über 400.000 Häftlinge wurden registriert. Von den registrierten Häftlingen sind mehr als die Hälfte aufgrund der Arbeitsbedingungen, Hunger, Krankheiten, medizinischen Versuchen und Exekutionen gestorben. Die nicht registrierten 900.000 nach Birkenau Deportierten wurden kurz nach der Ankunft ermordet. Als Obergrenze der Todesopfer im Konzentrationslager- und Vernichtungslagerkomplex Auschwitz wird die Zahl von 1,5 Millionen Opfern angegeben. (aus Wikipedia)

Heute vor 70 Jahren wurde das KZ Auschwitz durch sowjetische Truppen befreit. Zu den 8.000 befreiten Menschen gehörte auch Otto Frank, der Vater von Anne, deren Tagebuch weltberühmt wurde.

Am 23. Feburar 1945 schickte er seiner Mutter aus Auschwitz ein erstes Lebenszeichen. Auf die Rückseite eines Formulars mit Anordnungen des Lagerkommandanten schrieb er: Weiterlesen

Der Abbruch der Schweigemauer

Gedanken über Alice Miller und das Buch ihres Sohnes

Alice Millers Buch »Das Drama des begabten Kindes« , 1979 das erste Mal erschienen, ist ein in 30 Sprachen übersetzter internationaler Bestseller. Beeinflusst von den Ideen des englischen Kinderarztes und Analytikers Donald W. Winnicott, dem britischen Kinderarzt und Psychiater John Bowlby sowie dem US-amerikanischen Analytiker Heinz Kohut analysierte sie darin gängige Erziehungsmethoden, die dazu führen, dass Kinder die emotionalen Bedürfnisse ihrer Eltern befriedigen und es ihnen so nicht möglich ist, ihre eigene Originalität zu entwickeln. Alice Miller, die bis Ende der siebziger Jahre selbst als Psychoanalytikerin in der Schweiz arbeitete, wollte den Grundgedanken dieses Buches ursprünglich in einem Artikel im offiziellen Organ der Psychoanalyse, der Zeitschrift »Psyche«, veröffentlichen. Allerdings wurde der Text als unwissenschaftlich und unpassend zur Theorie der Psychoanalyse abgelehnt.

Ich las »Das Drama des begabten Kindes« vor etwa 15 Jahren Weiterlesen

Das Kriegstagebuch der Ingeborg Bachmann

»Das ist der schönste Sommer meines Lebens, und wenn ich hundert Jahre alt werde – das wird der schönste Frühling und Sommer bleiben.«

Das schreibt die achtzehnjährige Ingeborg Bachmann im Frühsommer 1945 in ihr Tagebuch. Anders als die meisten Gleichaltrigen, die durch die jahrelange Naziideologie indoktriniert und eher desillusioniert sind,  begrüßt sie den Frieden und die damit für sie verbundenen neuen Möglichkeiten der Freiheit mit tiefer Freude. Das mag auch daran gelegen haben, dass sie sich gerade in den britischen Soldaten Jack Hamesh verliebt hatte, aber das scheint nicht der einzige Grund für diesen Gefühlsausbruch gewesen zu sein.

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