Peter Stamm – Weit über das Land

IMG_2295Keine Daunenjacken-Literatur

Peter Stamm, Jahrgang 1963, geboren im Schweizer Thurgau, gehört nicht zu den Autoren, die schon früh ihre Leidenschaft für das Schreiben entdeckten. Nach einer kaufmännischen Lehre arbeitete er wie der Protagonist Thomas in seinem neuen Roman als Buchhalter. Später studierte er einige Semester Anglistik, Psychologie und Psychopathologie und war Praktikant in verschiedenen psychiatrischen Kliniken. Der Abbruch des Psychologiestudiums, welches er aus Interesse am Menschen als Gegenstand der Literatur begonnen hatte, war 1990 eine bewusste Entscheidung für den Beruf des freien Autors. Für seine ersten literarischen Versuche suchte er lange vergeblich nach einem Verlag, erst mit dem Roman »Agnes«, der heute Schullesestoff ist, gelang ihm 1998 ein viel beachtetes Debüt. Weiterlesen

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Bruno Frank – Der Reisepaß

IMG_2293Ein vergessener Autor

Am 20. Juni 2015 hatte der 1887 in Stuttgart geborene Romanautor und Dramatiker Bruno Frank seinen 70. Todestag. Sein Werk, das bis zu seinem frühen Tod 1945 viel gelesen und aufgeführt wird, steht in der Tradition des literarischen Realismus des 19. Jahrhundert. Nach 1933 finden seine Bücher auch im englischsprachigen Raum viele Leser. Die Komödie »Der Sturm im Wasserglas« wird in England und in den USA zum Publikumsmagneten. In den 20er Jahren gehört Bruno Frank zu den bekanntesten deutschen Autoren, später macht er sich auch als Exilschriftsteller einen Namen. Charakteristisch für seine Werke sind ähnlich wie bei Remarque ein tief verankerter Humanismus, ein Mitleiden mit den Entrechteten und Unterdrückten sowie der Glaube an menschliche Vernunft und an das Recht aller Menschen in Würde und Freiheit zu leben.

Nach 1945 wurden einige seiner Bücher in Deutschland neu aufgelegt, aber die Resonanz darauf war eher zurückhaltend. Seit Anfang der 90er Jahre ist Bruno Frank komplett in Vergessenheit geraten. Gerade in den letzten Jahren widmeten sich Verlage verstärkt der Wiederentdeckung von Autoren, die in den 20er und 30er Jahren einen Namen hatten. Leider hat sich für das Werk Bruno Franks noch kein mutiger Verleger gefunden. Weiterlesen

Erich Maria Remarque – Die Nacht von Lissabon

IMG_1860 (2)»Jedes Schiff, das in diesen Monaten des Jahres 1942 Europa verließ, war eine Arche. Der Berg Ararat war Amerika, und die Flut stieg täglich. Sie hatte Deutschland überschwemmt und stand tief in Polen und Prag; Amsterdam, Brüssel, Kopenhagen, Oslo und Paris waren bereits in ihr untergegangen, die Städte Italiens stanken nach ihr, und auch Spanien war nicht mehr sicher. Die Küste Portugals war die letzte Zuflucht geworden für die Flüchtlinge, denen Gerechtigkeit, Freiheit und Toleranz mehr bedeuteten als Heimat und Existenz. Wer von hier das gelobte Land Amerika nicht erreichen konnte, war verloren.« Zitat, Seite 5/6

Die europäischen Flüchtlingsströme zogen nach Kriegsbeginn immer weiter in den Südwesten Europas, um von dort aus nach Amerika zu gelangen. Die USA waren aber schon vor 1939 als Exilland begehrt. Es gab dort vergleichsweise gute Arbeitsmöglichkeiten und humanere Aufenthaltsbestimmungen als in den europäischen Nachbarstaaten Nazideutschlands. Für ein Einreisevisa wurde jedoch ein Bürge gebraucht, der garantierte, dass der Emigrant dem Staat finanziell nicht zur Last fiel. Außerdem hielten die USA noch nach 1939 an Einwanderquoten fest, als die Zahl der Menschen, die unmittelbar vom Tod bedroht waren wenn sie den Faschisten in die Hände fielen, stark anwuchs und die Lage der europäischen Flüchtlinge immer dramatischer wurde. Weiterlesen

Jenny Erpenbeck – GEHEN, GING, GEGANGEN

"buchhandel.de/Ich war lange unentschlossen, ob ich das Buch lese oder nicht. »Gehen, ging, gegangen« stand 2015 auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis und widmet sich einem Thema, das spätestens seit dem Sommer des letzten Jahres die deutsche Gesellschaft in allen Facetten beschäftigt: Menschen auf der Flucht und ihr Ankommen in unserem Land. Entsprechend kontrovers wurde das Buch diskutiert. Zwar waren sich die Rezensenten einig darüber, dass die Autorin ein wichtiges Thema anspricht, aber viele hatten Zweifel an der literarischen Umsetzung. Iris Radisch, die in der »Zeit« in Frage stellte, ob die Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch überhaupt Schriftstellerin ist, ordnete auch »Gehen, ging, gegangen« als eher journalistisches Werk ein. Jenny Erpenbeck hat eigene Erlebnisse mit geflüchteten Menschen in ihrem Roman verarbeitet. Ihr Protagonist Richard, ein emeritierter Ostberliner Professor für alte Sprachen, erscheint mir nicht immer glaubwürdig. Das Buch enthält viele Fakten zum Asylrecht in Deutschland und zur Situation in den Ländern, aus denen die Menschen geflohen sind. Manche Leser fühlten sich dadurch belehrt. Die Schicksale der geflüchteten Männer sind sicher fiktionalisiert aber nicht wirklich »ausgedacht«. Aber wie viel Fiktion muss ein Roman eigentlich enthalten um als solcher zu gelten? Weiterlesen

Anne von Canal – Der Grund

Der Grund»Der Grund« ist der Debütroman von Anne von Canal (Jahrgang 1973). Sie arbeitete einige Jahre in verschiedenen Verlagslektoraten und auch als Übersetzerin. Anne von Canal (kein Künstlername sondern der Name ihres Mannes) studierte Germanistik und Anglistik, fühlte sich aber beim nachmittäglichen Jobben in einer Buchhandlung wohler als in der Uni. Erst als sie auch das Studienfach Skandinavistik belegte, entwickelte sie Leidenschaft für das wissenschaftliche Arbeiten mit Literatur. Ein Jahr lebte sie in Oslo. Folgerichtig ist die Handlung ihres Romans auch größtenteils in Skandinavien angesiedelt, in Schweden und Estland. Inzwischen gibt es das Buch auch in estnischer Übersetzung.

»Der Grund« erschien im mareverlag Hamburg, von dem ich bisher nur die Zeitschrift »mare« mit dem anspruchsvollen Layout und den beeindruckenden großformatigen Fotos zu maritimen Themen kannte. So ist es wahrscheinlich auch nicht verwunderlich, dass die typographische Gestaltung des Buches keine Massenware ist und mir sehr gut gefällt. Weiterlesen