Gesellschaft der Angst

„Asylring“ am Eingang zu Notre Dame in Paris: Wer ihn erreichte, entging vorläufig seinen Verfolgern. Foto: Myrabella Wikimedia Commons CC-BY-SA-3.0 & GFDL

„Asylring“ am Eingang zu Notre Dame in Paris: Wer ihn erreichte, entging vorläufig seinen Verfolgern. Foto: Myrabella Wikimedia Commons CC-BY-SA-3.0 & GFDL

Der Winter war kalt in Dresden. Frierend stand oder lief ich einige Male mit meist nur wenigen Menschen, die ein Zeichen gegen die Pegida-Aufmärsche setzen wollten. Oft sah ich keine mir bekannten Gesichter, wenige Menschen nur, die in meinem Alter waren, wenige nur aus der sogenannten bürgerlichen Mitte. Ich erinnere mich an einen Sonntag, an dem wieder nur ein kleines Grüppchen von Menschen auf dem Dresdner Schlossplatz zusammen kam während auf dem benachbarten Theaterplatz mehrere tausend Menschen, den Parolen der Pegida-Aktivisten applaudierten. Weiterlesen

Briefe eines Überlebenden

In den Jahren 1940 bis 1945 wurden in die Konzentrationslager Auschwitz mindestens 1,1 Millionen Juden, 140.000 Polen, 20.000 Sinti und Roma sowie mehr als 10.000 sowjetische Kriegsgefangene deportiert. Knapp über 400.000 Häftlinge wurden registriert. Von den registrierten Häftlingen sind mehr als die Hälfte aufgrund der Arbeitsbedingungen, Hunger, Krankheiten, medizinischen Versuchen und Exekutionen gestorben. Die nicht registrierten 900.000 nach Birkenau Deportierten wurden kurz nach der Ankunft ermordet. Als Obergrenze der Todesopfer im Konzentrationslager- und Vernichtungslagerkomplex Auschwitz wird die Zahl von 1,5 Millionen Opfern angegeben. (aus Wikipedia)

Heute vor 70 Jahren wurde das KZ Auschwitz durch sowjetische Truppen befreit. Zu den 8.000 befreiten Menschen gehörte auch Otto Frank, der Vater von Anne, deren Tagebuch weltberühmt wurde.

Am 23. Feburar 1945 schickte er seiner Mutter aus Auschwitz ein erstes Lebenszeichen. Auf die Rückseite eines Formulars mit Anordnungen des Lagerkommandanten schrieb er: Weiterlesen

Frohe Weihnachten

IMG_0498

Prag – Blick zur Karlsbrücke © Über den Kastanien

Nun war es monatelang ungewollt ganz still auf meinem Blog. Gern hätte ich über all die Bücher geschrieben, die ich in der Zwischenzeit gelesen habe. Die Texte dazu waren und sind noch in meinem Kopf, aber äußere Lebensereignisse raubten mir die innere Ruhe, die ich zum Schreiben brauche. Ich hoffe, dass ich bald wieder regelmäßig Beiträge veröffentlichen kann und bitte euch noch um ein bisschen Geduld.

Das folgende Gedicht schrieb Kurt Tucholsky 1913, dem letzten Friedensjahr vor dem ersten Weltkrieg. Das Zitat am Ende ist von Arthur Schnitzler: »Wir spielen alle. Wer es weiß, ist klug.« Schon vor über 100 Jahren war Weihnachten also auch schon ein Fest, an dem jeder so seine Rolle spielte, um den »Weihnachtsfrieden« nicht zu stören… Weiterlesen

»Paris, ein Fest fürs Leben« – Gedanken zum Umgang mit einem Manuskript

»Ernest begann im Herbst 1957 auf Kuba mit der Niederschrift dieses Buches, arbeitete daran im Winter 1958/59 in Ketchum, Idaho, und nahm es mit, als wir im April 1959 nach Spanien fuhren…Er beendete das Buch im Frühjahr 1960 in Kuba … Er überarbeitete das Buch im Herbst 1960 in Ketchum. Es behandelt die Jahre 1921 bis 1926 in Paris.« Mary Hemingway in einer Vorbemerkung in der postum veröffentlichten Ausgabe von »Paris, ein Fest fürs Leben« von Ernest Hemingway, 1964 bei Scribner, New York erschienen und in der deutschen Übersetzung 1965 im Rowohlt Verlag

Jahrzehntelang glaubten die Leser von Hemingways bekanntestem Buch »Paris, ein Fest fürs Leben« (englischer Originaltitel »A Moveable Feast«) ein von ihm autorisiertes abgeschlossenes Werk vor sich zu haben. Bei genauerem Lesen der editorischen Notiz von Hemingways Witwe könnten zwar schon leichte Zweifel aufgetreten sein, ob das Manuskript wirklich schon abgeschlossen war. Immerhin erwähnte sie noch eine Überarbeitung im Herbst 1960. Man könnte es auch als offen betrachten, ob diese dann zur endgültigen Fassung führte oder nur ein Entwurf blieb.

IMG_20140617_163126Dem Leser blieb jedoch bis 2009, als die Neufassung des Buches mit dem Titel »A Moveable Feast.The Restored Edition« erschien, verborgen, was durch die Hemingway-Forschung schon seit den achtziger Jahren bekannt war: Die berühmten Erinnerungen Hemingways an seine Anfänge als Schriftsteller in Paris waren ein Fragment geblieben. Weiterlesen

»Können Sie mir bitte helfen?« – Vom Buchhändlerblick, von schweigsamen Buchhändlern und den Erpressungsversuchen von Amazon

Neulich stand ich in unserer Stadtbibliothek mit einem Stapel Büchern vor einem Regal, da sprach mich von der Seite eine Frau, in der Bibliothekssprache wohl Nutzerin oder Leserin genannt, an und wollte von mir eine Auskunft haben. Leider musste ich das Missverständnis aufklären, aber gefreut hat es mich doch, dass ich nach über 20 Jahren, die ich nicht mehr als Buchhändlerin arbeite, immerhin für eine Bibliothekarin gehalten wurde. Weiterlesen

Was die Europawahl mit der Buchpreisbindung zu tun hat

Europaflagge

Am Sonntag ist Europawahl. Mein Interesse für diese Wahl war nie so groß wie dieses Mal. Das hat mit dem sogenannten TTIP, dem geplanten Freihandelsabkommen zwischen der Europäischen Union und den USA, zu tun. Seit einiger Zeit nehme ich zwar etwas erleichtert zur Kenntnis, dass es in den Medien sehr viele und vor allem kritische Informationen über das TTIP, auch den kulturellen Bereich betreffend, gibt. Die Gefahr, welche durch dieses Abkommen nicht nur für die Buchpreisbindung sondern auch für viele andere bewährte europäische Standards besteht, ist jedoch trotz der immer größer werdenden kritischen Berichterstattung und der zunehmenden Proteste von europäischen Bürgern und Organisationen dennoch nicht gebannt.

Im Mai 2013 beschloss das europäische Parlament eine generelle Ausnahme des Kultur- und Medienbereichs für das EU-Verhandlungsmandat. Der europäische Ministerrat fühlte sich jedoch nicht daran gebunden. Auf Druck von Frankreich konnte lediglich eine Ausnahme für den audiovisuellen Bereich, also für die Musik- und Filmbranche, erreicht werden.

Eine Ratifizierung des gesamten Abkommens durch die nationalen Parlamente ist nicht geplant. Voraussichtlich wird nur das EU-Parlament das TTIP demokratisch legitimieren oder ablehnen können. Umso wichtiger ist es aus meiner Sicht, am Sonntag zur Europawahl zu gehen. Die Haltung der einzelnen Parteien zum TTIP kann man zum Beispiel durch den Gebrauch des Wahl-O-Mat (Frage 19) oder durch den sehr interessanten  TTIP-Parteiencheck von campact erfahren.

Der Abbruch der Schweigemauer

Gedanken über Alice Miller und das Buch ihres Sohnes

Alice Millers Buch »Das Drama des begabten Kindes« , 1979 das erste Mal erschienen, ist ein in 30 Sprachen übersetzter internationaler Bestseller. Beeinflusst von den Ideen des englischen Kinderarztes und Analytikers Donald W. Winnicott, dem britischen Kinderarzt und Psychiater John Bowlby sowie dem US-amerikanischen Analytiker Heinz Kohut analysierte sie darin gängige Erziehungsmethoden, die dazu führen, dass Kinder die emotionalen Bedürfnisse ihrer Eltern befriedigen und es ihnen so nicht möglich ist, ihre eigene Originalität zu entwickeln. Alice Miller, die bis Ende der siebziger Jahre selbst als Psychoanalytikerin in der Schweiz arbeitete, wollte den Grundgedanken dieses Buches ursprünglich in einem Artikel im offiziellen Organ der Psychoanalyse, der Zeitschrift »Psyche«, veröffentlichen. Allerdings wurde der Text als unwissenschaftlich und unpassend zur Theorie der Psychoanalyse abgelehnt.

Ich las »Das Drama des begabten Kindes« vor etwa 15 Jahren Weiterlesen