Bruno Frank – Der Reisepaß

IMG_2293Ein vergessener Autor

Am 20. Juni 2015 hatte der 1887 in Stuttgart geborene Romanautor und Dramatiker Bruno Frank seinen 70. Todestag. Sein Werk, das bis zu seinem frühen Tod 1945 viel gelesen und aufgeführt wird, steht in der Tradition des literarischen Realismus des 19. Jahrhundert. Nach 1933 finden seine Bücher auch im englischsprachigen Raum viele Leser. Die Komödie »Der Sturm im Wasserglas« wird in England und in den USA zum Publikumsmagneten. In den 20er Jahren gehört Bruno Frank zu den bekanntesten deutschen Autoren, später macht er sich auch als Exilschriftsteller einen Namen. Charakteristisch für seine Werke sind ähnlich wie bei Remarque ein tief verankerter Humanismus, ein Mitleiden mit den Entrechteten und Unterdrückten sowie der Glaube an menschliche Vernunft und an das Recht aller Menschen in Würde und Freiheit zu leben.

Nach 1945 wurden einige seiner Bücher in Deutschland neu aufgelegt, aber die Resonanz darauf war eher zurückhaltend. Seit Anfang der 90er Jahre ist Bruno Frank komplett in Vergessenheit geraten. Gerade in den letzten Jahren widmeten sich Verlage verstärkt der Wiederentdeckung von Autoren, die in den 20er und 30er Jahren einen Namen hatten. Leider hat sich für das Werk Bruno Franks noch kein mutiger Verleger gefunden.

Zum Todestag im letzten Jahr fand ich nur eine Würdigung, einen allerdings sehr lesenswerten Artikel in der Frankfurter Rundschau von Wilhelm von Sternburg, dessen Biografie über Erich Maria Remarque mich auf Bruno Frank aufmerksam machte. Auch in unserer Stadtbibliothek war kein Buch von ihm zu finden. Bruno Frank wurde zwar in der DDR verlegt, aber nach 1990 bereinigte man die Bestände und der Autor wurde offenbar aussortiert. Zur Zeit gibt es nur ein lieferbares Buch von ihm, den Roman »Trenck« in einer Fischer-Taschenbuchausgabe. Aber selbst dieses Buch, ein Roman über Friedrich den II., welches zu den Hauptwerken des Autors zählt, hat es nicht bis in den Bibliotheksbestand geschafft. Immerhin erinnerte sich der MDR innerhalb seiner Sendereihe »Lesezeit« anlässlich des 400. Geburtstag des Schöpfers von Don Quichotte an die Romanbiografie »Cervantes« von Bruno Frank, welche schon zeitgenössische Kritiker als sein bestes Buch bezeichneten.

Der Reisepaß – ein Exilroman

»Zunächst und vor allem bewundere ich den »Reisepaß« als politischen Roman großen Stils; als ein anklagendes und klärendes, die Wahrheit mit Mut und tapferer Deutlichkeit präzise aussprechendes Werk.« Klaus Mann

Bruno Frank verließ Deutschland schon bald nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten. Einen Tag nach dem Reichstagsbrand ging er ins Exil und betrat nie wieder deutschen Boden. Bis 1937 hielt er sich in der Schweiz, in Salzburg, in Paris und Südfrankreich und immer wieder in London auf. Danach emigrierte er in die USA und lebte dort bis zu seinem Tod 1945.

Bruno Frank war jüdischer Herkunft, bekennender Hitler-Gegner und spätestens seit Erscheinen der »Politischen Novelle« im Jahr 1928, welche sich mit der deutsch-französischen Aussöhnung nach dem 1. Weltkrieg beschäftigt, hatte er sich bei den Nationalsozialisten unbeliebt gemacht. Dennoch wurden seine Bücher 1933 nicht verbrannt. Erst 1938 setzte die Reichsschrifttumkammer seine Werke auf die »Liste des schändlichen und unerwünschten Schrifttums«. Im selben Jahr wurde Bruno Frank ausgebürgert.

»Der Reisepaß« war Bruno Franks zweites Werk, das im Exil entstand. Zuvor erschien 1934 der viel beachtete historische Roman »Cervantes«. Im »Reisepaß« bearbeitet Bruno Frank ein Gegenwartsthema. Er zeigt die Barbarei in Deutschland aber auch den Kampf dagegen. Das Buch erschien auf Deutsch 1937 im Amsterdamer Exilverlag »Querido«, danach auch mit viel Erfolg in England und in den USA. Es ist ein optimistisches Buch, die schlimmsten Verbrechen des Nationalsozialismus standen noch bevor …

Das Faszinierende an Bruno Franks Roman, war für mich die Tatsache, dass der Autor einen unmittelbaren Zeitroman mit dokumentarischen Details geschrieben hat. Entstehungs- und Handlungszeit zwischen Herbst 1935 und Frühsommer 1936 verlaufen nahezu gleichzeitig. Das steht im Gegensatz zu den fast schon märchenhaften Motiven des Romans mit denen auch schon zeitgenössische Kritiker ihre Probleme hatten. Hat man allerdings seine erste Verwunderung über die Herkunft des Protagonisten Ludwig, eines Prinzen aus einem fiktiven deutschen Herzogtum Sachsen-Camburg abgelegt, kann man eintauchen in die spannende Handlung und liest einen klassischen Entwicklungsroman, der von fabelhaften Symbolen wimmelt aber auch sehr realistische zeitgeschichtliche Momente enthält. Es ist gewissermaßen eine Fortsetzung des »Cervantes-Romanes«, eine moderne Don-Quichotte-Geschichte, allerdings mit umgekehrten Vorzeichen. Der Prinz, der zu Abenteuern wider Willen aufbricht, kommt in der Realität an, sein getreuer Diener, der Hauslehrer Steiger bleibt seinen monarchistischen Träumen verhaftet.

Adel im Untergang

Ludwig erlebt als Kind die erzwungene Abdankung seines Vaters, des wettinischen Herzogs Philipp von Sachsen-Camburg. Der neue Staat, die Weimarische Republik, behandelt die fürstliche Familie weiterhin mit Hochachtung, man ist stolz auf das traditionsreiche Haus und gewährt eine hohe Abfindungssumme. Der Hofstaat bleibt erhalten. Dennoch verliert der Adel in Deutschland seine Funktion. Herzog Philipp widmet sich von nun an ganz seiner Sammelleidenschaft. Der jüdische Antiquar Wetzlar aus Frankfurt wird sein enger Vertrauter. Ludwigs Mutter, eine Portugiesin, stirbt als Ludwig 15 Jahre alt ist. Vor ihrem Tode schenkt sie ihm einen Diamanten, der für die spätere Handlung noch wichtig sein wird. Erbprinz August, der Bruder von Ludwig, fühlt sich schon früh von den Nationalsozialisten angezogen und wittert bei ihnen Karrierechancen. Ludwig ist ein wissbegieriges und sensibles Kind. In seinem Hauslehrer Dr. Steiger, einem glühenden Monarchisten, hat er einen engen Vertrauten, der ihm humanistische Bildung engagiert vermittelt. Die antisemitischen Äußerungen seines Bruders empfindet Ludwig schon als Kind als verabscheuungswürdig.

Bruno Frank hat als Heimat seines Protagonisten Thüringen ausgewählt. Zwar ist das Herzogtum fiktiv, das Städtchen Camburg existiert jedoch. Es liegt an der Saale zwischen Jena und Naumburg. Den Rest des Stammschlosses, wie es im Buch heißt, kann man heute noch besichtigen. Bruno Frank besucht eine Zeitlang ein Landerziehungsheim in Thüringen nachdem er vom Karlsgymnasium in Stuttgart suspendiert wurde. Allerdings fliegt er auch von der neuen Schule, dessen Schulleiter Hermann Lietz, der Gründer der Landerziehungsbewegung, im übrigen wegen antisemitischer Tendenzen umstritten ist. Wieder in Stuttgart kann er seine Schullaufbahn dann mit Hilfe seines verehrten Lehrers Philipp Fischer von Weidensthal dann doch noch erfolgreich beenden. Möglicherweise ist dieser das Vorbild für den Hauslehrer Dr. Steiger im Roman.

Ein Prinz als Widerstandskämpfer und Emigrant

Die Handlung des »Reisepaß« beginnt im Herbst 1935 als Prinz Ludwig die deutsche Grenze nach Tschechien passiert. Er kommt im Städtchen Kumerau an. Im Gasthof wird er zunächst nur unfreundlich bedient. Viele Juden überqueren damals hier die noch grüne Grenze und werden vom tschechischen Staat, dessen Oberhaupt Edvard Beneš Bruno Frank, der selbst zunächst nach Tschechien emigrierte, ein »Sinnbild der Menschenwürde« nennt, gut aufgenommen. Der Wirt jedoch wird erst freundlicher zu Ludwig als er dessen Pass sieht, der ihn als Adligen ausweist.

Der Pass wird zu einem Element der Handlung und seine Funktion als Türöffner für den Emigranten wird immer wieder deutlich, allerdings nicht in dem Maße wie es der Titel vermuten lässt.

Nach der Ankunft des Prinzen in Tschechien erfährt der Leser in einer Rückblende wie Ludwig zum Emigranten wurde. Nach der Ausbildung durch seinen Hauslehrer Dr. Steiger nimmt er ein Studium der Kunstwissenschaft in Jena auf. Dort trifft er auf den engagierten und unkonventionellen Professor Johannes Rotteck, für den Kunst kein schöner Zeitvertreib ist, sondern immer Ausdruck des Zeitgeistes. Ludwig findet endlich eine ihn inspirierende Aufgabe, er beginnt eine Abhandlung über die Porträts des spanischen Malers Francisco de Goya zu schreiben. Rotteck gerät schon früh mit deutschnationalen Lehrern an der Universität in Konflikt. Mutig beantwortet er ein Pamphlet eines Kollegen, der antijüdische Tendenzen in den Bildern des »deutschblütigen« Malers Albrecht Dürers gefunden haben will. Nach der Machtergreifung durch die Nazis ist er sich zunächst sicher, dass ihm nichts passieren kann. Als er jedoch immer brutaler angegriffen wird, bleibt ihm nur noch die Flucht ins Ausland. Ludwig hilft ihm, nach Prag zu gelangen.

Der Prinz hält es in Jena nicht mehr aus und zieht nach Berlin wo er sich zunächst in großbürgerlichen jüdischen Kreisen aufhält und es unerträglich findet wie gleichgültig man hier auf die neuen Machthaber reagiert:

»Man bagatellisierte, was geschah. Man legte den allerhöchsten Wert darauf, aus anderem Stoff zu sein als jene neuhergewanderten Juden, denen man östlich vom Alexanderplatz die Bärte abschnitt und den Hausierkram in die Gosse streute. Man saß hier im Ansehen seit hundertfünfzig, seit zweihundert Jahren. Man war Friedrichs des Großen Hofbankier gewesen, und Kaiser Friedrich der Dritte hatte einen geadelt. … Wenn je einmal die Rede auf Herrn Hitler und seine Gewalttätigkeiten kam, so stellte sich heraus, daß man ihm leider so völlig Unrecht nicht geben konnte. Trugen etwa jüdische Literaten nicht wirklich Schuld an sehr vielem, jene ungezügelten Gesellen, die in radikalen Zeitschriften mit rotem oder grünem Umschlag ihr Gift verspritzt und aus ihren Sympathien für Moskau kein Hehl gemacht hatten?«

Bruno Frank stammt aus einer sehr reichen jüdischen Bankiersfamilie und es liegt nahe, dass er hier Erfahrungen mit Menschen seiner Herkunft literarisch verarbeitet.

Ludwig plant Deutschland zu verlassen als er auf seinen ehemaligen Hauslehrer Dr. Steiger trifft, der ihn mit einer Widerstandsgruppe aus Adligen, Offizieren, Monarchisten, Stahlhelm-Mitgliedern bekannt macht, deren Oberhaupt er werden soll. Für Steiger ist Ludwig das Sinnbild eines »wirklichen Fürsten«, er träumt von einer Wiedergeburt des deutschen Kaiserreiches. Die Gruppe wird nach kurzer Zeit verraten. Ludwig erlebt die Folterung seiner Kameraden mit. Er selbst wird wegen seiner Herkunft verschont und kurzerhand nach Tschechien abgeschoben. Dieses Szenario fanden schon zeitgenössische Kritiker ziemlich gewagt. Bruno Frank war seit 1933 nicht mehr in Deutschland gewesen und seine Kenntnisse über das Regime konnte er nur aus der Presse oder durch Berichte von Geflohenen beziehen. Aus der Rückschau muss aber auch das frühe Erscheinungsdatum des Romans beachtet werden. 1937 war es sicher auch für einen durchaus politisch reflektierenden Menschen wie Bruno Frank möglich, sich vorzustellen, dass die Gestapo Ausnahmen machte.

In Prag besucht Ludwig Professor Rotteck, der sich allerdings resigniert ganz in seinen wissenschaftlichen Elfenbeinturm zurück gezogen hat und nicht mehr an ein baldiges Verschwinden der Naziherrschaft glaubt:

»Könnte ich Stiefel machen, Brillen schleifen, gebrochene Steißbeine flicken, dann wäre vielleicht Platz in der Welt für mich«, schrieb er an Ludwig, »aber wo braucht man einen Historiker des Portraits.« Er hatte unrecht. Auch die Schuhmacher, Brillenschleifer und Chirurgen irrten ohne Brot durch die Länder. Die Anstrengung der Geflüchteten stieß sich wund an zurückweichenden Mauern.«

In Prag trifft der Prinz auch wieder auf Rottecks Frau Susanna, in die er sich schon in Jena verliebt hatte. Sie verlässt den Professor, da sie trotz der widrigen Umstände der Emigration ihr Leben genießen will und sie keinen Zugang mehr in Rottecks geistige und emotionale Welt hat. Ludwig eignet sich aber ebenso wenig als Partner, da er seine Erlebnisse und Gedanken an die eingesperrten und gefolterten Kameraden in Deutschland nicht verdrängen kann.

Die Befreiung

Ludwig entschließt sich mit falschen Papieren nach Deutschland zu reisen, um seine Mitverschwörer zu befreien. Er erhält Hilfe vom Redakteur einer deutschen Emigrantenzeitung. Bruno Frank schildert hier das Umfeld der Prager Exilzeitung »Freies Wort« und ihres Herausgebers Leopold Schwarzschild. Der Autor verarbeitet in dieser Szene auch eine authentische Schilderung der Witwe des anarchistischen Dichters Erich Mühsam über den grausamen Tod ihres Mannes im KZ Oranienburg im Jahr 1934. Im Buch heißt sie Walpurga Nothaft.

Als Herr Ozols aus Riga verkleidet, macht sich Ludwig auf den Weg nach Deutschland. Er erfährt, dass bis auf seinen ehemaligen Hauslehrer Dr. Steiger alle Mitverschwörer durch die Hilfe hoher Offiziere aus dem KZ entlassen worden sind. Ludwig will seinen Freund, der in einem KZ bei Frankfurt inhaftiert ist, auf jeden Fall befreien. Er sucht nach einem Verbündeten und findet ihn im ehemaligen Chauffeur des jüdischen Kunsthändlers Wetzlar, der ein enger Vertrauter seines Vaters war.

Martis erzählt ihm die tragische Geschichte des Frankfurter Juden, die so ähnlich vielen jüdischen Geschäftsleuten widerfahren ist. Nach der Machtergreifung durch die Nazis konnte Wetzlar sein Geschäft zunächst noch weiter betreiben, da er einflussreiche Menschen in der Stadtverwaltung kennt. Dann tritt die sogenannte Dienstmädchenverordnung in Kraft, die es deutschen Frauen verbietet bei Juden zu arbeiten. Wetzlar kennt dieses neue Gesetz nicht, sein Dienstmädchen ignoriert es. Daraufhin wird der Geschäftsmann verhaftet, später aber wieder frei gelassen, da man bei dem alten blinden Mann keine Fluchtgefahr vermutet. Sein Laden wurde jedoch beschlagnahmt. Er geht noch mal dorthin zurück und wird dabei von SA-Männern zusammen geschlagen. Wetzlar wird erneut verhaftet und schneidet sich im Gefängnis die Pulsadern auf. Seine Tochter, jenes jüdische Mädchen, dessen Trauer wegen der antisemitischen Bemerkungen seines Bruders, Ludwig schon als Kind betroffen gemacht hatte, konnte ihrem Vater nicht beistehen. Wetzlar hatte sie vorsorglich auf Reisen ins Ausland geschickt, von wo sie nicht mehr zurückkehren kann.

Zusammen mit Martis kann Ludwig den völlig entkräfteten und kranken Dr. Steiger befreien, in dem sie einen SS-Wachmann bestechen. Sie gelangen unbehelligt nach Luxemburg. Hier stellt sich zum zweiten Mal die Frage wie realistisch solch ein Szenario gewesen ist. Wäre so eine spektakuläre Flucht im Deutschland des Jahres 1935 möglich gewesen? Anna Seghers begann 1938 an ihrem Roman »Das siebte Kreuz« zu schreiben, auch sie thematisiert die Flucht von KZ-Häftlingen. Allerdings behandelt sie das Thema sehr viel differenzierter und realistischer. Bei Bruno Frank ist die Befreiung von Dr. Steiger ein weiteres Abenteuer, das sein Held vollbringt, um am Ende sich fast vollständig von seiner Herkunft gelöst zu haben.

Ein optimistischer Roman

Auf ebenso abenteuerliche Weise wie Dr. Steiger befreit wurde, gelangen Ludwig und sein ehemaliger Lehrer nach England. Noch einmal hilft dem Helden dabei seine adlige Herkunft. Auf der Fähre, die ins rettende Exil fährt, trifft er auf entfernte Verwandte, die eine Einreise ohne Hindernisse garantieren. Hier beginnen dann die Erlebnisse von Ludwig und Dr. Steiger in London. Dieser Romanteil gefiel mir am besten, er ist wohl auch am meisten von persönlichen Erlebnissen des Autors inspiriert, der im Exil immer wieder in London lebte. Dr. Steiger hat keinen Pass, was zunächst seinen Aufenthalt zu gefährden scheint. Als der Beamte der Einwanderungsbehörde dann allerdings freudig feststellt, dass er dann doch staatenlos wäre, steht einer Aufenthaltsgenehmigung seltsamerweise nichts mehr entgegen:

»… An und für sich, nicht wahr, müßten wir ihren Freund ausweisen. Aber wenn er kein Deutscher mehr ist, sondern staatenlos, dann können wir ihn nicht ausweisen. Wohin auch, nicht wahr! Dann müssen wir ihn behalten. Das ist Gesetz und außerdem logisch. Ich freue mich sehr für Sie.«

Ludwig sucht sich Arbeit als Sprachlehrer und baut sich damit immer mehr eine bürgerliche Existenz auf während Dr. Steiger zu Hause bleibt und seine Rolle als eine Art Diener für seinen fürstlichen Herrn mit Freuden ausfüllt. Unterstützung bekommen beide durch jüdische Hilfsorganisationen. Obwohl ihre wirtschaftliche Lage prekär ist, fangen sie an, das Leben wieder zu genießen. Sie sind in Freiheit, ein möglicher Krieg scheint fern zu sein.

»Aber mit zweihundert Schritten war man im Park. Seine sanften Wiesen und lichten Wäldchen taten sich auf … Jetzt war noch Winter. Aber wie schön würde es sein, an einem Juni- oder Septembertag lesend auf einer Parkbank zu sitzen oder den spielenden Hunden zuzusehen, deren Tummelplatz diese Grasflächen waren.«

Ludwig schreibt an seiner Abhandlung über Goya und findet sogar einen Verlag dafür. Er trifft die Tochter des jüdischen Antiquitätenhändlers Wetzlar wieder und sie verlieben sich. Ganz zum Schluss wird noch der Diamant benötigt, den Ludwig von seiner Mutter bekam. Er muss diesen letzten Besitz hergeben und löst sich damit endgültig von seiner Herkunft. Der Roman endet optimistisch, das Exil ist hier kein düsterer Ort voller Heimweh, sondern Chance für einen Neuanfang.

1936 hat Bruno Frank noch Vertrauen in den Widerstandswillen des deutschen Volkes. Über den Arbeiter Martis, der ihm hilft, Steiger zu befreien, lässt er Ludwig sagen:

»So wie er gab es Hunderttausende, gab es Millionen im deutschen Volke. Die vergaß man, die wurden zugedeckt von dem schäbigen Gesindel, das brüllend den Vordergrund einnahm…«

Dennoch ist Bruno Frank auch schon 1936 die drohende Kriegsgefahr bewusst. Ludwig erkennt durch seine Beschäftigung mit dem Maler Goya die historischen Parallelen:

»Die europäischen Mächte raten milde zur Einkehr. Die Einkehr wird brüllend verweigert. Die europäischen Mächte nehmen das höflich zur Kenntnis. Jeder weiß, wie es steht dort in dem geknebelten Lande. Der Volkskörper ausgeblutet, die Wirtschaft verreckend, was sie ihr Geld nennen, so gut wie Tapetenpapier. Einmal muß es ja losbrechen, das stampfende Ungeheuer, mit Hauen und Klauen, nachdem man ihm alle Säfte und Kräfte verfüttert hat. … Geschichte wiederholt sich nicht so genau. Wohl aber wiederholt sich Tyrannei und ihr Schicksal. So mußte damals ein Weltherr, ein wirklicher, auf immer neue Entladungen sinnen, ein Jahrtausendgehirn, nicht irgendeine alberne Imitation von Imitationen. So brach er in Spanien ein, endlich in Rußland, und zerschmetterte erst seine Hunderttausende und zuletzt sich selbst. Ewig zahlt das Volk. Ewig baumeln Verstümmelte an den Bäumen, ewig schwingt ein rasender Bauer das Beil, ewig ziehen am Strick die zum Tod Bestimmten über die Heide.«

Plädoyer für eine Wiederentdeckung

Bruno Frank, 1934

Bruno Frank, 1934 (1)

Bruno Frank hinterließ nur wenige autobiografische Zeugnisse. Selten äußerte er sich öffentlich zu politischen Fragen. Ähnlich wie Remarque half er ohne viel Aufsehen in Not geratenen Emigranten. So geben vor allem seine Werke Auskunft darüber, wie er die Welt sah. Schon lange vor der Machtergreifung Hitlers war ihm das Versagen der aristokratischen und bürgerlichen Eliten bewusst.

»Man soll auf das immer entweichende Licht zumarschieren – aber ich wenigstens mit Zweifel und Resignation«

Bruno Frank litt zeitlebens an Depressionen, die sich im Exil noch verstärkten. Auch seine Spielsucht verließ ihn nie. Zeitgenossen wie Lion Feuchtwanger nannten ihn trotzdem einen »glücklichen Menschen«. Er galt als Frauenschwarm und war ein sogenannter »Salonlöwe«. Seine bürgerliche Herkunft verleugnete er nicht, auch wenn er zeitweise als Bohemien lebte und nie vor hatte, einen bürgerlichen Beruf zu ergreifen.

Bruno Frank wollte schon früh Schriftsteller werden. Er bewunderte Thomas Mann und gehörte bald zu dessen besten Freunden. Als junger Mann gewann er einen Preis in einem Literaturwettbewerb, in dessen Jury der berühmte Schriftsteller saß. Thomas Mann äußerte sich immer loyal wohlwollend zu Bruno Franks Werken, besonders schätzte er den hoch gebildeten Autor aber als Gesprächspartner. Sie waren Nachbarn in München und konnten ihre Freundschaft später in Kalifornien fortsetzen.

2017 jährt sich Bruno Franks Geburtstag zum 130. Mal. Vielleicht findet sich doch noch ein mutiger Verleger, der den vergessenen Autor einem größeren Lesepublikum zugänglich macht. Bis dahin lohnt es auf jeden Fall, sich antiquarische Ausgaben seiner Bücher zu besorgen. Dank dem Gutenbergprojekt des SPIEGELS lassen sich einige Werke auch digital lesen. Durch epub2go gelingt unkompliziert eine Umwandlung ins ePub-Format, so dass die Bücher bequem auf einem E-Reader gelesen werden können. So fand auch der »Reisepaß« zu mir. Später habe ich mir dann noch die DDR-Buchausgabe von 1980 besorgt. Sie erschien beim Buchverlag »Der Morgen« in Berlin und enthält ein lesenswertes Nachwort von Klaus Hermsdorf sowie eine zeitgenössische Kritik von Alfred Kurella von 1937.

Auf Empfehlung des Remarque-Biografen Wilhelm von Sternburg werde ich als nächstes Buch von Bruno Frank »Die Tochter« lesen, in dem er »nicht weniger meisterhaft als Joseph Roth« die Welt des Ostjudentums zwischen den beiden Weltkriegen schildert.

Grabstein von Bruno Frank in Kalifornien (2)

Grabstein von Bruno Frank in Kalifornien (2)

Bildnachweis

(1) Von Bruno Frank – Bruno Frank, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=48211167

(2) Von Scott Groll – Private correspondence, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=43622330

Quellen und zum Weiterlesen

http://www.fr-online.de/literatur/bruno-frank-ein-konservativer-ohne-illusionen,1472266,30993464.html

http://www.gerd-leibrock-stuttgart.de/ Bruno-Frank-Portal

http://www.matthes-seitz-berlin.de/buch/glueckliches-sterben.html von Volker Harry Altwasser, 2014 – Der nicht vollendete letzte Roman von Bruno Frank über Chamfort wird weiter erzählt. Das Romanfragment von Bruno Frank enthält das erste Kapitel eines geplanten Romans über den französischen Schriftsteller und Direktor der Nationalbibliothek Nicolas Chamfort, »ein Mann zweier Zeitalter«, der die Aufklärung und die Französische Revolution erlebte.

400. Todestag von Cervantes 2016: http://www.mdr.de/kultur/lesezeit-frank-cervantes100_zc-9a60c313_zs-451b2ff6.html

http://gutenberg.spiegel.de/autor/bruno-frank-1715

http://www.zeit.de/online/2008/36/vergessene-autoren über »Cervantes«

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2 Gedanken zu “Bruno Frank – Der Reisepaß

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