Kafka in Berlin

Wenn es möglich wäre, nach Berlin zu gehn, selbständig zu werden, von Tag zu Tag zu leben, auch zu hungern, aber seine ganze Kraft ausströmen lassen statt hier zu sparen oder besser sich abzuwenden in das Nichts! (Franz Kafka, Tagebuch vom 5. April 1914)

Franz Kafka 1923, Bildquelle (1)

Paris und Berlin waren die Sehnsuchtsorte der Prager Intellektuellen zu Beginn des 20. Jahrhunderts. In Ihrer Heimatstadt lebten sie isoliert und Wien, die Hauptstadt der Donaumonarchie Österreich-Ungarn, war für Kafka ein »absterbendes Riesendorf«.

Im Herbst 1910 fuhr Kafka nach gründlichen Vorbereitungen zusammen mit seinem Freund Max Brod und dessen Bruder nach Paris. Auf dieser Reise wurde er jedoch krank und musste vorzeitig nach Prag zurückkehren. Da er nach seiner Genesung noch einige Urlaubstage zur Verfügung hatte, reiste er im Dezember 1910 kurzerhand allein das erste Mal nach Berlin und genoss dort vor allem das Theaterleben und die vegetarischen Restaurants. Nach seiner Rückkehr schrieb er begeistert an Max Brod:

Alles in dieser Woche war so gut für mich eingerichtet, wie es meine Verhältnisse nur jemals ermöglicht haben und wie sie es allem Anschein nach kaum mehr ermöglichen werden.

Franz Kafka verband schon vor seinem ersten Besuch viele positive Assoziationen mit Berlin. Durch literarische Zeitschriften und seinen Freund Max Brod, der Kontakte zum Berliner Verlag Axel Juncker hatte, bekam er Einblicke in die lebendige Künstlerszene der deutschen Hauptstadt. Außerdem sympathisierte Kafka mit der Bewegung der Lebensreformer, die in Berlin starken Zulauf hatte. Es gab schon 1902 über 150 vegetarische Restaurants in der Stadt. Kafka ernährte sich vegetarisch und machte jeden Morgen unbekleidet am offenen Fenster gymnastische Übungen.

Felice Bauer und Franz Kafka – Eine Liebe in Briefen

Kafkas Beziehung zu Berlin prägte in den Jahren nach seinem ersten Besuch vor allem die Verbindung mit der Berlinerin Felice Bauer, die er im August 1912 in Prag bei Max Brod kennenlernte. Er verliebte sich sofort in die für die damalige Zeit und vor allem für Prager Verhältnisse ungewöhnlich selbständige Frau. Felice, die ohne Begleitung durch Europa reiste und als Prokuristin in einer Berliner Firma arbeitete, war für Kafka eine Vertreterin des modernen Großstadtlebens und damit so ganz anders als die Frauen, die er aus Prag kannte.

Bevor sich beide am Ostersonntag 1913 in Berlin das erste Mal wiedersahen, verschickten sie fast 400 Briefe. Die Post zwischen Prag und Berlin wurde damals schneller als heute befördert: Kafka, der als Jurist in einer Prager Versicherungsfirma bis 14 Uhr arbeitete und dann schlief, schrieb nur nachts. Er brachte seinen Brief in der Regel zum Morgenzug nach Berlin, damit ihn Felice schon mittags erhielt. Er erwartete dann, dass sie sofort zurück schrieb, damit er am Abend in Prag die Antwort lesen konnte.

Den ersten Brief an Felice schrieb Kafka mit der Schreibmaschine. Er wollte ihr damit zeigen, dass auch er mit modernen Büromaschinen umgehen konnte, denn Felice arbeitete in einer Firma, die neben Grammophonen auch die ersten Diktiergeräte, die sogenannten Parlographen herstellte.

Er nahm am Tageslauf seiner Freundin regen Anteil, wollte genau wissen, welche Wege sie in Berlin ging, welchen Vergnügungen sie sich hingab und er beschäftigte sich auch ausführlich mit den Produkten der Carl Lindström AG, für die sie tätig war. So entwickelte er in einem Brief zum Beispiel die Idee von einem Anrufbeantworter, einer Verbindung zwischen Telefon und Grammophon.

Die bedeutendsten Texte, die Kafka von 1913 bis Mitte 1914 schrieb, waren seine Briefe an Felice. Allerdings hatte er unmittelbar nach ihren Kennenlernen eine sehr schöpferische Phase. Im September 1912 schrieb er, zwei Tage nachdem er seinen ersten Brief an Felice geschickt hatte, in einer Nacht die Erzählung »Das Urteil«. Er widmete sie Felice. Im November und Dezember entstand »Die Verwandlung«. Am Ende des Jahres war auf Betreiben seines Freundes Max Brod Kafkas erste Buchpublikation, der Band »Betrachtung«, bei Ernst Rowohlt in Leipzig erschienen. Das Büchlein schickte er zugleich auch an seine Freundin in Berlin und war enttäuscht, als sie sich nicht umgehend dazu äußerte.

Zugleich machte sich Kafka schon in diesem frühen Stadium ihrer Bekanntschaft Gedanken darum, wie er zukünftige Ehepflichten mit der Schriftstellerei verbinden könnte. Im Februar 1913 schrieb er an Felice: »Dem Wagnis Vater zu sein, würde ich mich niemals aussetzen dürfen.« Es dürfte für die junge und lebenslustige Angebetete nicht einfach gewesen sein neben solchen Aussagen auch noch oft lange Ausführungen über Kafkas Krankheiten wie Erkältungen, Schulterschmerzen und Darmprobleme zu lesen. Da schrieb ein zutiefst verunsicherter junger Mann, keiner, der optimistisch in die Zukunft blickte:

Liebste, sag warum liebst Du gerade einen so unglücklichen, mit seinem Unglück auf die Dauer gewiss ansteckenden Jungen? Ich muss einen Dunstkreis von Unglück mit mir führen. Aber nicht Angst haben, Liebste, und bei mir bleiben! Ganz nahe bei mir!

Leider sind die Briefe von Felice nicht erhalten geblieben. Es gab in diesem Briefwechsel aber immer wieder längere Schreibpausen, die von ihr ausgingen. Vielleicht deuten diese darauf hin, dass es ihr doch manchmal zu viel wurde, die widersprüchlichen Gefühle ihres Geliebten aufzufangen. Kafka beschwor sie, seine Briefe auf jeden Fall aufzuheben und das tat sie. Als die ehemalige Geliebte Kafkas schon 1931 mit ihrem Mann und den Kindern aus Deutschland weg ging, weil sie den zunehmenden Antisemitismus als Gefahr erkannte, nahm sie die Briefe mit ins Exil. Aus finanziellen Gründen verkaufte Felice die Briefe von Franz Kafka (bis auf ein paar Ausnahmen, die sie vernichtete) in den 50er Jahren an den Schocken Verlag in New York und erhielt dafür 8.000 Dollar. Ende der 80er Jahre versteigerte der Verlag die Briefsammlung an einen bis heute unbekannt gebliebenen Händler oder Sammler in Europa. Der Erlös betrug 500.000 Dollar.

Wochenendbesuche in Berlin

Franz Kafka war zweimal mit Felice Bauer verlobt, die Beziehung zu ihr dauerte mit Unterbrechungen ungefähr fünf Jahre. In dieser Zeit war er nur ca. 20 Tage in Berlin. Mit Beginn des ersten Weltkriegs waren Besuche über Ländergrenzen hinweg schwierig geworden, aber es schien auch ein Problem zu sein, die große Vertrautheit zwischen den beiden Liebenden, die in den Briefen spürbar war, in der Realität des Zusammenseins zu leben.

Schon der Termin des ersten Wiedersehens mit Felice nach ihrem Kennenlernen in Prag wurde von Kafka immer wieder in Frage gestellt. Am 16. März 1913 kündigte er seinen Besuch zu Ostern in Berlin an. Die Zustimmung von Felice kam noch am selben Tag oder einen Tag später, jedenfalls schrieb Kafka am 17. März nun plötzlich, dass er nicht weiß, ob er fahren könne. Am nächsten Tag teilte er ihr mit, dass das Hindernis für die Reise zwar noch bestehe, aber er könne trotzdem kommen. Am 19. März war er sich nicht mehr so sicher und schrieb, dass er Felice spätestens am Ostersamstag telegrafieren würde, falls er doch nicht fahren könne. Angeblich entschied sich erst am Vormittag des nächsten Tages, ob er Ostern doch zu einer Versammlung der tschechischen Müllergenossenschaft fahren müsse. Das schrieb er Felice einen Tag vor seiner geplanten Abreise. Dieses ganze Hin und Her schien ihn so erschöpft zu haben, dass die Freundin außerdem noch Folgendes in seinem Brief las:

Wie wenig ich wieder diese Woche geschlafen, vieles von meiner Neurasthenie und viele meiner weißen Haare stammen von ungenügenden Schlaf. Wenn ich nur gut ausgeschlafen wäre, wenn ich mit Dir zusammenkomme!

Auf den Briefumschlag schrieb er: »Noch immer unentschieden. Franz«, aber am Ostersamstag stieg er dann doch in den Zug nach Berlin.

Anhalter Bahnhof und Askanischer Platz um 1910 (Bildquelle 2)

Anhalter Bahnhof und Askanischer Platz um 1910
(Bildquelle 2)

Kafkas Berlinbesuche bei Felice fanden oft an einem Wochenende statt. Der Prager Versicherungsbeamte musste, wie damals üblich, auch am Samstag arbeiten, so dass er erst den Nachmittagszug nehmen konnte. Am Sonntagnachmittag musste er dann schon wieder zurückreisen. Mit dem Schnellzug dauerte die Fahrt ungefähr sechs Stunden. Die Berlinbesuche plante Kafka, obwohl sonst nicht für seine Pünktlichkeit bekannt, minutiös. Felice hielt sich allerdings meistens nicht an seine Pläne, so dass Kafka in Berlin viel Zeit mit Warten verbringen musste. Eigentlich ging er wohl jedes Mal davon aus, dass er vom »Anhalter Bahnhof« abgeholt werden würde. Allerdings kam es dazu nie. Kafka blieb dann nichts anderes übrig, als in seinem Lieblingshotel »Askanischer Hof«, welches ganz in der Nähe zum Bahnhof und auch zum Potsdamer Platz lag, auf eine Nachricht von Felice zu warten.

Felice war mit ihren Eltern und den vier Geschwistern 1899 von Oberschlesien nach Berlin gezogen. Bei Kafkas erstem Wiedersehen mit ihr am Ostersonntag 1913 wohnte die Familie Bauer in der Immanuelkirchstraße in Prenzlauer Berg. Dort waren für die vielen Zuwanderer der nach dem Krieg von 1870 rasch wachsenden Reichshauptstadt innerhalb kürzester Zeit neue Häuser entstanden. Wahrscheinlich sah Kafka diese Wohnung nie von innen, denn bei seinem nächsten Besuch zu Pfingsten 1913 wohnte die Familie Bauer schon im vornehmen Charlottenburg in der Wilmersdorfer Straße. Das war ein Zeichen für ihren wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Aufstieg, denn hier siedelten sich vor allem die aufstrebende Mittelschicht und das wohlhabende Bürgertum an.

Hotel "Askanischer Hof" Berlin (um 1910), Bildquelle (2)

Hotel „Askanischer Hof“ Berlin (um 1910), Bildquelle (3)

Ein vorläufiges Ende fanden Kafkas Berlinbesuche allerdings schon im Juli 1914. Im Hotel »Askanischer Hof« entlobte er sich mit Felice Bauer, nachdem beide sich erst sechs Wochen zuvor für ein Zusammenleben entschieden hatten. Anlass dafür waren die Briefe Kafkas an Grete Bloch, die diese ihrer Freundin Felice gezeigt hatte. Ihr Verlobter äußerte darin nicht nur die ihr schon bekannten Zweifel an seiner Ehetauglichkeit, sondern beklagte sich auch ausführlich über die Unzulänglichkeiten von Felice. Kafkas Briefe waren voller Bewunderung, vielleicht auch Liebe für Grete. Er machte ihr sogar den Vorschlag, nach der Hochzeit mit Felice in Prag eine Wohnung zu dritt zu beziehen. Im »Gerichtshof im Hotel«, wie Kafka später die Entlobung in seinem Tagebuch nannte, stellten ihn drei Frauen zur Rede: Felice, ihre Schwester Erna und Grete Bloch. Einen Monat später begann Kafka am Roman »Der Process« zu schreiben, mit dem er möglicherweise auch versuchte, das deprimierende Ereignis im »Askanischen Hof« zu verarbeiten.

Nach Berlin kam Kafka erst im Jahr 1923 wieder. Die Beziehung zu Felice nahm er jedoch schon im Oktober 1914 wieder auf. Während des Krieges war es für Kafka als Wehrpflichtigen aber unmöglich grenzüberschreitend zu reisen. Das Paar traf sich deshalb in Bodenbach und in Marienbad und fuhr gemeinsam nach Budapest. Kafkas Berlin-Pläne blieben bestehen, auch wenn sie auf die Zeit nach dem Krieg verschoben wurden.

Unser Vertrag ist in Kürze: Kurz nach Kriegsende heiraten, in einem Vorort 2, 3 Zimmer nehmen, jedem nur die wirtschaftliche Sorge für sich lassen, F. wird weiter arbeiten wie bisher und ich, nun ich, das kann ich noch nicht sagen. (An Max Brod, Juli 1916)

Kafka und Felice Bauer gaben sich ein erneutes Eheversprechen. Im August 1917 zeigten sich allerdings erste Anzeichen einer Tuberkuloseerkrankung bei Kafka, so dass auch dieses Verlöbnis wieder gelöst wurde.

Kafka wurde für kurze Zeit ein Berliner

1922 pensionierte die Prager Arbeiter-Unfall-Versicherungsanstalt ihren Angestellten Franz Kafka, da eine vollständige Genesung nicht in Aussicht stand. Die Pension reichte aus, um die langersehnte Karriere als freier Schriftsteller in Berlin zu starten. Die tschechische Krone galt als harte Währung im Vergleich zur deutschen Mark, die rasant verfiel. Das verschaffte Kafka Vorteile im Berlin der Inflationszeit, auch wenn er sein Geld sofort nach dem Umtausch wieder ausgeben musste. Der Berliner Verlag »Die Schmiede« hatte einen attraktiven Verlagsvertrag mit dem Autor gemacht, der in der Stadt nicht mehr ganz unbekannt war nachdem Lesungen seiner Texte stattgefunden hatten, die u.a. Tucholsky in der »Weltbühne« positiv rezensierte. Prager Freunde wie Egon Erwin Kisch zogen nach Berlin. Außerdem hatte Kafka wieder eine Berliner Freundin. Dora Diamant lernte er während eines Ostseeurlaubs kennen. Sie arbeitete im »Jüdischen Volksheim«, dessen Mitbegründer Max Brod war und für das sich auch schon Felice engagiert hatte.

Den Umzugsplänen stand also nichts mehr im Wege und so zog Franz Kafka im September 1923 nach Berlin-Steglitz in die Miquelstraße 8 (heute Muthesiusstraße, das Haus wurde im Krieg zerstört) und mietete bei Familie Hermann ein Zimmer, wo ihn Dora Diamant täglich besuchte. Die Beziehung zur Wirtin gestaltete sich allerdings als etwas schwierig, was nicht verwunderlich ist, wenn man bedenkt, dass der Untermieter nicht mit Dora verheiratet war. Frau Hermann wurde als »eine kleine Frau« in Kafkas gleichnamiger Erzählung verewigt. Offenbar nutzte die Wirtin auch Kafkas vergleichsweise gute finanzielle Situation allzu sehr aus und erhöhte die Miete immer wieder.

Gedenktafel am Haus Grunewaldstraße 13 (Bildquelle 3)

Gedenktafel am Haus Grunewaldstraße 13 (Bildquelle 4)

Zwei Monate später zog Kafka deshalb schon wieder um. Er mietete in der Grunewaldstraße 13, ganz in der Nähe, zwei Zimmer. Es gab eine Zentralheizung und elektrisches Licht sowie einen schönen Garten, Kafka war zufrieden. Er genoss das friedvolle Vorstadtleben und vermied es nach Möglichkeit, das Zentrum Berlins zu besuchen, wo dem Lungenkranken die Luft knapp wurde und die Auswirkungen von politischen Unruhen und Inflation stärker zu spüren waren. Aus Prag ließ er sich häufig »gute« Butter schicken, wahrscheinlich um sie auf dem Schwarzmarkt zu verkaufen.

Die wirtschaftliche Lage in Berlin spitzte sich jedoch weiter zu, die Preise stiegen in schwindelerregende Höhen. Kafka versagte sich sogar den Kauf von Zeitungen und konnte es sich nicht mehr leisten, beide gemieteten Zimmer zu beheizen. Sein Gesundheitszustand verschlechterte sich dramatisch. Schließlich dachte er darüber nach, »den Berliner Preisen zu weichen«. Als sein Vermieter ein Zimmer zurück forderte und für das verbliebene trotzdem einen unverhältnismäßig hohen Preis wollte, zogen Kafka und Dora am 1. Februar 1924 erneut um.

Kafkas letzte Berliner Unterkunft befand sich in Zehlendorf in der Heidestraße 25/26. Die Villa auf dem heutigen Grundstück Busseallee 7/9 steht nicht mehr. Nur gut anderthalb Monate wohnte Kafka in Zehlendorf. Im März 1924 holte ihn Max Brod zunächst nach Prag zurück. Die Tuberkulose hatte nun auch den Kehlkopf erreicht, eine Heilung erschien unmöglich. In seinen letzten Lebenswochen pflegten Dora Diamant und Kafkas Freund Max Klopstock den Schwerkranken mit großer Hingabe. Franz Kafka starb am 3. Juni 1924, kurz vor seinem 41. Geburtstag, im Sanatorium Hoffmann in Kierling bei Klosterneuburg.

© Foto H.-P.Haack - Antiquariat Dr. Haack Leipzig → Privatbesitz Kafka, Franz: Ein Hungerkünstler. Vier Geschichten. Berlin: Die Schmiede 1924, 85 Seiten + 1 nicht paginierte Seite + 1 Blatt verso Druckvermerk. Kafkas letzte Veröffentlichung erschien kurz nach seinem Tod. Den ersten Bogen des Buches hat er noch selbst korrigiert. Einbandvariante in Leinen. Bildquelle (5)

© Foto H.-P.Haack – Antiquariat Dr. Haack Leipzig → Privatbesitz
Kafka, Franz: Ein Hungerkünstler. Vier Geschichten. Berlin: Die Schmiede 1924, 85 Seiten + 1 nicht paginierte Seite + 1 Blatt verso Druckvermerk. Kafkas letzte Veröffentlichung erschien kurz nach seinem Tod. Den ersten Bogen des Buches hat er noch selbst korrigiert. Einbandvariante in Leinen. Bildquelle (5)

In Berlin schrieb Kafka mehrere Erzählungen, doch nur zwei sind erhalten: »Der Bau« und »Eine kleine Frau«. Letztere erschien zwei Monate nach seinem Tod im Buch »Ein Hungerkünstler«. Den Vertrag dafür hatte Kafka noch im März 1924 mit dem Berliner Verlag »Die Schmiede« abgeschlossen, kurz bevor er Berlin für immer verließ.

Textquellen und zum Weiterlesen

IMG_0617Hans-Gerd Koch, Kafka in Berlin, Verlag Klaus Wagenbach, 2008, Leinen, erschienen in der SALTO-Reihe: Der Autor betreut seit 1982 die Kritische Kafka Ausgabe und ist u. a. Herausgeber der Briefbände dieser Edition sowie der »Gesammelten Werke in zwölf Bänden«. Das Buch gab mir einen unterhaltsamen und vertiefenden Einblick in einen besonderen Teil der Biografie von Franz Kafka und in das Berliner Stadtleben des frühen 20. Jahrhunderts mit seiner rasanten Entwicklung in allen Bereichen.

 

Klaus Wagenbach, Franz Kafka, Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2002, aus der Reihe »rowohlts monographien«

Florian Illies, 1913-Der Sommer des Jahrhunderts, Fischer Taschenbuch, 2014

www.franzkafka.de : eine sehr informative Seite rund um Kafka, wird vom S. Fischer Verlag betreut

»Das vergessene Haus«, Artikel im Tagesspiegel vom 2.12.2012: Die Autorin Sarah Mondegrin schreibt über das zufällige Auffinden einer kopierten Postkarte mit dem Haus in der ehemaligen Miquelstraße 8 (heute Muthesiusstraße), welches im Krieg zerstört wurde. Bis dahin ging man davon aus, dass es keine Abbildungen mehr von dem Haus gab, wo Kafka bei Familie Hermann für kurze Zeit im Herbst 1923 zur Untermiete wohnte. Sarah Mondegrin bietet Kafka-Spaziergänge in Berlin-Steglitz an und betreibt auch die Seite https://kafkawalksberlin.wordpress.com/

»Fremdheit, Mitleid, Wollust«, Artikel im Spiegel 27/2008 zu den anlässlich des 125. Geburtstag von Kafka erschienenen Publikationen

Bildquellen

(1) »Kafka« by anonymous (the author never disclosed his identity); as much is indicated by omission of reference in 1958’s Archiv Frans Wagenbach. – http://www.tkinter.smig.net/Stuff/Kafka/index.htm. Licensed under Public Domain via Wikimedia Commons.

(2) »Anhalter Bahnhof und Askanischer Platz« by Waldemar Titzenthaler – Scan from: Nick Gay, Berlin Then & Now, San Diego 2005, p.94. Licensed under Public Domain via Wikimedia Commons.

(3) »Hotel Askanischer Hof Berlin (um 1910)« von Unbekannter Fotograf der Epoche. – Alte Postkarte.. Lizenziert unter PD-alt-100 über Wikipedia

(4) »Gedenktafel Grunewaldstr 13 Franz Kafka« von OTFW, Berlin – Eigenes Werk. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons.

(5) »Kafka Ein Hungerkünstler 1924« by © Foto H.-P.Haack – Antiquariat Dr. Haack Leipzig → Privatbesitz. Licensed under CC BY 3.0 via Wikimedia Commons.

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6 Gedanken zu “Kafka in Berlin

  1. saetzebirgit schreibt:

    Danke -wieder einmal ein umfangreicher, absolut informativer Beitrag (wie schon jener zu Hemingway) von Dir, von dem ich hoffe, dass ihn noch viele lesen. Ein wenig hatte ich mich schon eingelesen in das komplizierte Verhältnis von Kafka zu Felice, aber nicht allzu viel gewußt – Du schließt hier schon mal erste Lücken.Wobei ich es ebenso bedauere, dass ihre Briefe nicht mehr erhalten sind – mir stellt sich schon die Frage, wie sie es denn in diesem komplizierten Gefüge aushielt.
    Und dann noch zusätzlich soviel interessante Informationen von Dir – ich hatte ja keine Ahnung, dass es damals schon soviele vegetarische Restaurants in Berlin gab…
    Einfach nochmal: Große Klasse, kompliment!
    LG Birgit
    PS: Hast Du auch schon in die relativ neue Biographie von Reiner Stach reingelesen? Die wird ja sehr gelobt…ich wäre neugierig auf Deine Einschätzung.

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    • Kastanie schreibt:

      Liebe Birgit, vielen Dank für das Kompliment 🙂 Ich bin gerade erst dabei mich wieder in das Werk und Leben Kafkas einzulesen. Die Biografie von Stach habe ich mir schon vorgemerkt, bin mir nur noch nicht sicher mit welchem Teil ich anfange. Zuletzt sind ja die „Frühen Jahre“ erschienen, mich interessieren aber die „späteren“ Jahre eigentlich mehr. Blöd, dass die Zeit zum Lesen und Schreiben so begrenzt ist … Liebe Grüße, Claudia

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      • saetzebirgit schreibt:

        Ja, daran darf man nicht denken – an die begrenzte Lebenslesezeit. Denn schon allein Kafka wäre ja ein halbes Leserleben.
        Ich freue mich jedenfalls, wenn solche Beiträge von Dir kommen – die sind einfach fachlich herausragend. Liebe Grüße Birgit

        Gefällt 2 Personen

  2. Ambiguitas schreibt:

    Hallo, ein hübsche Zusammenfassung, mit Fleiß zusammengetragen.

    Kafka ist einfach eine Welt für sich und seine schriftlichen Zeugnisse, egal ob fiktionale Texte, Tagebucheinträge oder Briefe sind einzigartig, vor allem weil sie oft bildlich eine rationale Lebensebene verbinden können mit der schaudernden Tiefe von Befürchtungen und Ängsten aber auch der freudestrahlenden Höhe von Sehnsüchten und Glücksgefühlen.

    Zwei Anmerkungen, sie betreffen das langjährige und doch recht spezielle Verhältnis zwischen Felice und Franz.

    Die erste: die mehreren Schreibpausen der anfänglich extrem hohen Brieffrequenz (teilweise drei pro Tag!) hat keinesfalls nur die Berlinerin zu verantworten. Auch der Prager schweigt teilweise wochenlang trotz Bitten, doch zu antworten.

    Die zweite: „Felice muss entsetzt gewesen sein, als sie das alles las.“
    Nö, das kann sie in dem Fall nicht gewesen sein. Die betreffende Stelle aus einem Brief von Kafka an Grete Bloch vom 8.5.1914, kurz nachdem die Verlobte zum „Antrittsbesuch“ in Prag weilte, lautet:
    „Im übrigen werden Sie unser Glück oder Unglück sehn können, denn wir haben beschlossen – und Sie dürfen sich ja nicht wehren – dass Sie, wenn wir einmal verheiratet sind, längere Zeit bei uns leben müssen.“ Die Bitte stammt also von beiden Verlobten. Grete nimmt die Einladung im Antwortbrief übrigens gern an…

    Mit diesem delikaten Dreier“verhältnis“ haben aber alle Biografen ihre großen Schwierigkeiten. Keiner konnte das verwirrende Beziehungsgeflecht und die teils sich widersprechenden Handlungen bisher logisch verständlich erklären.

    Ach ja, vielleicht noch eine gewachsene Überzeugung von mir – in Bezug auf die spätere Berliner Zeit. Ich glaube nicht, dass die „Kleine Frau“ etwas mit der Berliner Vermieterin zu tun hat. Auch nicht mit Dora oder generell mit Berlin. Ebenso wie im „Bau“ macht der Autor hier eine Art literarisches Testament, natürlich verschlüsselt, wie üblich, aber irgendwie doch mit konkretem Sachverhalt. Somit erhält eine recht spezielle Frau aus seinem Leben ihr Denkmal, mit der er die längste „Beziehung“ besaß und die wir, die Leser und Nachgeborenen, bei Kenntnis der wahren Verhältnisse wohl eine Liebesbeziehung nennen würden, wie er, selbst unschlüssig darüber, vermutet.

    Merkwürdig, dass bisher niemand der schlauen Köpfe die richtige Schlussfolgerung zog… Aber so ist Kafka, ein Mirakel, heute wie vor 100 Jahren.

    Grüße aus Leipzig

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    • Kastanie schreibt:

      Vielen Dank für Ihren ausführlichen Kommentar und die Anmerkungen und Ergänzungen. Ich werde den Beitrag vielleicht noch einmal überarbeiten, wenn ich die Biografie von Stach und Kafkas Briefwechsel nicht nur in Auszügen gelesen habe. Aber das kann dauern… Viele Grüße aus Dresden

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