Gertraud Klemm – MUTTERGEHÄUSE

Die österreichische Autorin Gertraud Klemm, Jahrgang 1971, wurde durch ihren Roman »Aberland« bekannt, der 2015 für den Deutschen Buchpreis nominiert war und in der Debatte um »Regretting Motherhood« häufig zitiert wurde. Mit »Muttergehäuse« wollte sie ein Buch schreiben, das sie gern gelesen hätte, als sie selbst in der Situation ihrer Protagonistin war: ein Trost spendendes, kämpferisches Buch über unerfüllten Kinderwunsch und alternative Mutterschaft. Es ist ihr gelungen, das kann ich auch aus eigener Erfahrung bestätigen. Weiterlesen

Feindbilder

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By Eva K. (Eva K.) [GFDL 1.2 (http://www.gnu.org/licenses/old-licenses/fdl-1.2.html) or FAL], via Wikimedia Commons

»Ein Andersartiger par excellence ist der Fremde, der Ausländer. Bereits in den römischen Flachreliefs erscheinen die Barbaren als bärtige und stumpfnasige Wesen, und schon die Bezeichnung »Barbaren« insinuiert ja bekanntlich einen Defekt in der Sprache und somit im Denken.
Doch von Anfang an werden nicht nur diejenigen Andersartigen, die uns direkt bedrohen (wie angeblich die Barbaren), als Feinde aufgebaut, sondern auch diejenigen, bei denen jemand ein Interesse daran hat, sie als bedrohlich hinzustellen, auch wenn sie uns nicht direkt bedrohen, mit der Folge, dass nicht so sehr ihre Bedrohlichkeit ihr Anderssein unterstreicht, sondern ihr Anderssein zum Zeichen ihrer Bedrohlichkeit wird….

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Michaela Maria Müller »Auf See – Die Geschichte von Ayan und Samir«

Cover.Auf_.See_»Sie wusste, dass sie nicht die Erste war, die diesen Weg auf sich nahm: siebentausend Kilometer auf dem Landweg durch Kenia, Äthiopien, Sudan, Ägypten bis nach Libyen in die Hauptstadt Tripolis und von einem der Strände dort mit dem Boot nach Europa. Die Teilnehmer des Resettlement-Programms wurden gefeiert wie Helden. Doch an diese Möglichkeit wollte und durfte Ayan nicht glauben. Die Wahrscheinlichkeit lag, das wusste sie von Fadumo, bei gerade einmal 0,05 Prozent. … Dadaab und die Not, die sich dort in der Wüste staute, interessierte niemanden. Es blieb bei einer Quote, die bei der zweiten Nachkommastelle endete.«

Dadaab ist die zweitgrößte Stadt Kenias, eine Stadt, die ein Flüchtlingslager ist. Eine halbe Million geflüchtete Menschen aus Somalia leben hier. Seit Anfang der 90er Jahre ist das Land zerrüttet von Bürgerkriegen, ein Zentralstaat existiert nicht mehr, die islamistischen Al-Schabaab-Milizen verbreiten Terror und Angst. Somalia gilt als eines der gefährlichsten Länder der Welt.

Über eine Million Menschen aus Somalia waren 2015 auf der Flucht. Nur wenige von ihnen erreichen Europa. In der Statistik des Bundesamtes für Migration und Flucht gehört Somalia nicht zu den zehn Herkunftsstaaten aus denen 2015 die meisten geflüchteten Menschen nach Deutschland kamen. Genaue Zahlen sind nicht zu erfahren. Etwa 5.000 bis 8.000 Asylanträge von somalischen Staatsbürgern wurden im vergangenen Jahr in Deutschland registriert. Die allermeisten von ihnen nahmen den gefährlichen Weg über das Mittelmeer. Ihre Heimat ist weit weg. Was treibt sie an, nach Europa zu kommen? Wie wird man zu einem »Flüchtling«? Weiterlesen

Peter Stamm – Weit über das Land

IMG_2295Keine Daunenjacken-Literatur

Peter Stamm, Jahrgang 1963, geboren im Schweizer Thurgau, gehört nicht zu den Autoren, die schon früh ihre Leidenschaft für das Schreiben entdeckten. Nach einer kaufmännischen Lehre arbeitete er wie der Protagonist Thomas in seinem neuen Roman als Buchhalter. Später studierte er einige Semester Anglistik, Psychologie und Psychopathologie und war Praktikant in verschiedenen psychiatrischen Kliniken. Der Abbruch des Psychologiestudiums, welches er aus Interesse am Menschen als Gegenstand der Literatur begonnen hatte, war 1990 eine bewusste Entscheidung für den Beruf des freien Autors. Für seine ersten literarischen Versuche suchte er lange vergeblich nach einem Verlag, erst mit dem Roman »Agnes«, der heute Schullesestoff ist, gelang ihm 1998 ein viel beachtetes Debüt. Weiterlesen

Bruno Frank – Der Reisepaß

IMG_2293Ein vergessener Autor

Am 20. Juni 2015 hatte der 1887 in Stuttgart geborene Romanautor und Dramatiker Bruno Frank seinen 70. Todestag. Sein Werk, das bis zu seinem frühen Tod 1945 viel gelesen und aufgeführt wird, steht in der Tradition des literarischen Realismus des 19. Jahrhundert. Nach 1933 finden seine Bücher auch im englischsprachigen Raum viele Leser. Die Komödie »Der Sturm im Wasserglas« wird in England und in den USA zum Publikumsmagneten. In den 20er Jahren gehört Bruno Frank zu den bekanntesten deutschen Autoren, später macht er sich auch als Exilschriftsteller einen Namen. Charakteristisch für seine Werke sind ähnlich wie bei Remarque ein tief verankerter Humanismus, ein Mitleiden mit den Entrechteten und Unterdrückten sowie der Glaube an menschliche Vernunft und an das Recht aller Menschen in Würde und Freiheit zu leben.

Nach 1945 wurden einige seiner Bücher in Deutschland neu aufgelegt, aber die Resonanz darauf war eher zurückhaltend. Seit Anfang der 90er Jahre ist Bruno Frank komplett in Vergessenheit geraten. Gerade in den letzten Jahren widmeten sich Verlage verstärkt der Wiederentdeckung von Autoren, die in den 20er und 30er Jahren einen Namen hatten. Leider hat sich für das Werk Bruno Franks noch kein mutiger Verleger gefunden. Weiterlesen

Begegnungen mit der Wirklichkeit

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»Unrealistisch, ja geradezu irrational, weil von der empirischen Erfahrung bereits mehrfach widerlegt, ist dagegen die Vorstellung, die Flüchtlingskrise durch Abschottung zu lösen. Solange es so gut wie keine Möglichkeit gibt, sich für eine legale Einwanderung zu bewerben, und Flüchtlinge an keiner europäischen Außengrenze einen Asylantrag stellen können, werden sich sowohl Einwanderer als auch Flüchtlinge weiter in die Schlauchboote setzen …« Navid Kermani, »Einbruch der Wirklichkeit – Auf dem Flüchtlingstreck durch Europa«, mit Fotografien von Moises Saman, C. H. Beck Verlag 2016, Seite 51


»Allerdings waren die Kommentare der Leser keineswegs wütend auf die schreckliche Lage der Menschen dort, auf die Politik, auf fadenscheinige Deals, die eigene Ratlosigkeit oder das Wegschauen. Sondern sie waren ausgerechnet wütend auf die Menschen in Idomeni. Diese ganze Wut der Kommentatoren war seltsam. Ich las die Kommentare immer wieder, ich verstand sie nicht. Sie hatten einfach nichts zu tun mit Naima, mit Hiba, mit Abdullah, mit den kleinen Mädchen, mit denen ich Tag für Tag Hand in Hand durch das Camp gelaufen bin.« Nannina Matz, »In Idomeni – Bericht von der Grenze«, erschienen als E-Book in der Hanser Box, Carl Hanser Verlag 2016

Nannina Matz war im April 2016 im Camp von Idomeni, Navid Kermani bereiste im Herbst 2015 die sogenannte Balkanroute. Dazwischen liegen wenige Monate. Mit Blick auf das Verhalten der ungarischen Regierung im Sommer 2015 fragt Kermani, ob wir Europa wollen oder nicht. Im Mai 2016 scheint diese Frage beantwortet. Europa wird zur Festung ausgebaut, die polizeiliche Räumung des Camps von Idomeni hat begonnen. Die geflüchteten Menschen sollen in griechischen Armeecamps verschwinden, wo sie von der Öffentlichkeit nicht mehr wahr genommen werden. Die sogenannte »Flüchtlingskrise« scheint es im öffentlichen Bewusstsein nicht mehr zu geben. Der Einbruch der Wirklichkeit auf unserer Wohlstandsinsel dauerte nicht lange. Wer diese andere Realität dennoch weiterhin wahrnehmen möchte, sollte u. a. die Texte von Narvid Kermani und Nannina Matz lesen. Weiterlesen