Begegnungen mit der Wirklichkeit

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»Unrealistisch, ja geradezu irrational, weil von der empirischen Erfahrung bereits mehrfach widerlegt, ist dagegen die Vorstellung, die Flüchtlingskrise durch Abschottung zu lösen. Solange es so gut wie keine Möglichkeit gibt, sich für eine legale Einwanderung zu bewerben, und Flüchtlinge an keiner europäischen Außengrenze einen Asylantrag stellen können, werden sich sowohl Einwanderer als auch Flüchtlinge weiter in die Schlauchboote setzen …« Navid Kermani, »Einbruch der Wirklichkeit – Auf dem Flüchtlingstreck durch Europa«, mit Fotografien von Moises Saman, C. H. Beck Verlag 2016, Seite 51


»Allerdings waren die Kommentare der Leser keineswegs wütend auf die schreckliche Lage der Menschen dort, auf die Politik, auf fadenscheinige Deals, die eigene Ratlosigkeit oder das Wegschauen. Sondern sie waren ausgerechnet wütend auf die Menschen in Idomeni. Diese ganze Wut der Kommentatoren war seltsam. Ich las die Kommentare immer wieder, ich verstand sie nicht. Sie hatten einfach nichts zu tun mit Naima, mit Hiba, mit Abdullah, mit den kleinen Mädchen, mit denen ich Tag für Tag Hand in Hand durch das Camp gelaufen bin.« Nannina Matz, »In Idomeni – Bericht von der Grenze«, erschienen als E-Book in der Hanser Box, Carl Hanser Verlag 2016

Nannina Matz war im April 2016 im Camp von Idomeni, Navid Kermani bereiste im Herbst 2015 die sogenannte Balkanroute. Dazwischen liegen wenige Monate. Mit Blick auf das Verhalten der ungarischen Regierung im Sommer 2015 fragt Kermani, ob wir Europa wollen oder nicht. Im Mai 2016 scheint diese Frage beantwortet. Europa wird zur Festung ausgebaut, die polizeiliche Räumung des Camps von Idomeni hat begonnen. Die geflüchteten Menschen sollen in griechischen Armeecamps verschwinden, wo sie von der Öffentlichkeit nicht mehr wahr genommen werden. Die sogenannte »Flüchtlingskrise« scheint es im öffentlichen Bewusstsein nicht mehr zu geben. Der Einbruch der Wirklichkeit auf unserer Wohlstandsinsel dauerte nicht lange. Wer diese andere Realität dennoch weiterhin wahrnehmen möchte, sollte u. a. die Texte von Narvid Kermani und Nannina Matz lesen. Weiterlesen

Es gibt keine Rückkehr aus dem Exil – Der Emigrant Remarque und »Die Nacht von Lissabon«

Ronco sopra Ascona (5)

Ronco sopra Ascona © Thomas Wenger  (5)

Erich Maria Remarque verließ Deutschland schon 1931. Er ging in die Schweiz, wo er in Ronco in der Nähe von Ascona eine Villa kaufte. Remarque war 1929 durch seinen Roman »Im Westen nichts Neues« innerhalb von kurzer Zeit zu einem weltweit bekannten Autor geworden. Das Buch hatte ihn, der aus kleinbürgerlichen Verhältnissen stammte, zu einem reichen Mann gemacht.

Die Weimarer Demokratie befand sich Anfang der dreißiger Jahre in Auflösung. Hitler und seine Sympathisanten bekamen immer mehr Einfluss auf die Politik. Straßenkämpfe zwischen Nazis und Kommunisten und das Elend der vielen arbeitslosen Menschen prägten das Bild Deutschlands. »Im Westen nichts Neues« geriet ganz unbeabsichtigt zwischen die politischen Fronten. Von links wurde der Autor angegriffen, weil das Buch einen deutlichen Klassenstandpunkt vermissen ließ und sich Remarque, auch weil der Ullstein-Verlag ihn aus werbestrategischen Gründen als unpolitisch »verkaufte«, kaum in die Diskussionen um seinen Roman einmischte. Von rechts wurde er attackiert, weil er mit seinem pazifistischen Buch angeblich das Ansehen der deutschen Weltkriegsteilnehmer beschmutzte. Weiterlesen

Erich Maria Remarque – Die Nacht von Lissabon

IMG_1860 (2)»Jedes Schiff, das in diesen Monaten des Jahres 1942 Europa verließ, war eine Arche. Der Berg Ararat war Amerika, und die Flut stieg täglich. Sie hatte Deutschland überschwemmt und stand tief in Polen und Prag; Amsterdam, Brüssel, Kopenhagen, Oslo und Paris waren bereits in ihr untergegangen, die Städte Italiens stanken nach ihr, und auch Spanien war nicht mehr sicher. Die Küste Portugals war die letzte Zuflucht geworden für die Flüchtlinge, denen Gerechtigkeit, Freiheit und Toleranz mehr bedeuteten als Heimat und Existenz. Wer von hier das gelobte Land Amerika nicht erreichen konnte, war verloren.« Zitat, Seite 5/6

Die europäischen Flüchtlingsströme zogen nach Kriegsbeginn immer weiter in den Südwesten Europas, um von dort aus nach Amerika zu gelangen. Die USA waren aber schon vor 1939 als Exilland begehrt. Es gab dort vergleichsweise gute Arbeitsmöglichkeiten und humanere Aufenthaltsbestimmungen als in den europäischen Nachbarstaaten Nazideutschlands. Für ein Einreisevisa wurde jedoch ein Bürge gebraucht, der garantierte, dass der Emigrant dem Staat finanziell nicht zur Last fiel. Außerdem hielten die USA noch nach 1939 an Einwanderquoten fest, als die Zahl der Menschen, die unmittelbar vom Tod bedroht waren wenn sie den Faschisten in die Hände fielen, stark anwuchs und die Lage der europäischen Flüchtlinge immer dramatischer wurde. Weiterlesen

Jenny Erpenbeck – GEHEN, GING, GEGANGEN

"buchhandel.de/Ich war lange unentschlossen, ob ich das Buch lese oder nicht. »Gehen, ging, gegangen« stand 2015 auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis und widmet sich einem Thema, das spätestens seit dem Sommer des letzten Jahres die deutsche Gesellschaft in allen Facetten beschäftigt: Menschen auf der Flucht und ihr Ankommen in unserem Land. Entsprechend kontrovers wurde das Buch diskutiert. Zwar waren sich die Rezensenten einig darüber, dass die Autorin ein wichtiges Thema anspricht, aber viele hatten Zweifel an der literarischen Umsetzung. Iris Radisch, die in der »Zeit« in Frage stellte, ob die Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch überhaupt Schriftstellerin ist, ordnete auch »Gehen, ging, gegangen« als eher journalistisches Werk ein. Jenny Erpenbeck hat eigene Erlebnisse mit geflüchteten Menschen in ihrem Roman verarbeitet. Ihr Protagonist Richard, ein emeritierter Ostberliner Professor für alte Sprachen, erscheint mir nicht immer glaubwürdig. Das Buch enthält viele Fakten zum Asylrecht in Deutschland und zur Situation in den Ländern, aus denen die Menschen geflohen sind. Manche Leser fühlten sich dadurch belehrt. Die Schicksale der geflüchteten Männer sind sicher fiktionalisiert aber nicht wirklich »ausgedacht«. Aber wie viel Fiktion muss ein Roman eigentlich enthalten um als solcher zu gelten? Weiterlesen

Kristine Bilkau – Die Glücklichen

"buchhandel.de/ Es gibt Bücher, die mich und mein Leben ganz unmittelbar berühren. »Die Glücklichen«, der Debütroman der Journalistin Kristine Bilkau, ist solch ein Buch. Als im Frühjahr die ersten Rezensionen auftauchten, wusste ich sofort, dass ich dieses Buch lesen will.

Sind sie wirklich glücklich die Glücklichen?

Isabell und Georg wohnen in einem nicht genannten Großstadtviertel, das »angesagt« ist für junge Akademikerfamilien und für die Selbständigen in kreativen Berufen. Schon auf den ersten Seiten hatte ich den Berliner »Prenzlauer Berg« vor Augen, die Gründerzeitfassaden, das Grün, die Cafés und die vielen jungen Familien, die mir dort begegnet sind. Isabell und Georg entsprechen jedoch nicht ganz dem Klischee für solche Stadtteile. Sie sind keine Zugezogenen, sondern wohnten schon als Kinder dort. Isabell zog als Zehnjährige mit ihrer Mutter in die Wohnung, in der sie jetzt mit Georg und dem einjährigen Sohn Matti lebt. Georg wuchs im Viertel auf, seine Eltern besaßen einen Laden für »Rundfunk und Fernsehen« und waren angesehene Geschäftsleute bis die großen Elektromärkte ihnen Konkurrenz machten. Weiterlesen

Anne von Canal – Der Grund

Der Grund»Der Grund« ist der Debütroman von Anne von Canal (Jahrgang 1973). Sie arbeitete einige Jahre in verschiedenen Verlagslektoraten und auch als Übersetzerin. Anne von Canal (kein Künstlername sondern der Name ihres Mannes) studierte Germanistik und Anglistik, fühlte sich aber beim nachmittäglichen Jobben in einer Buchhandlung wohler als in der Uni. Erst als sie auch das Studienfach Skandinavistik belegte, entwickelte sie Leidenschaft für das wissenschaftliche Arbeiten mit Literatur. Ein Jahr lebte sie in Oslo. Folgerichtig ist die Handlung ihres Romans auch größtenteils in Skandinavien angesiedelt, in Schweden und Estland. Inzwischen gibt es das Buch auch in estnischer Übersetzung.

»Der Grund« erschien im mareverlag Hamburg, von dem ich bisher nur die Zeitschrift »mare« mit dem anspruchsvollen Layout und den beeindruckenden großformatigen Fotos zu maritimen Themen kannte. So ist es wahrscheinlich auch nicht verwunderlich, dass die typographische Gestaltung des Buches keine Massenware ist und mir sehr gut gefällt. Weiterlesen

Gesellschaft der Angst

„Asylring“ am Eingang zu Notre Dame in Paris: Wer ihn erreichte, entging vorläufig seinen Verfolgern. Foto: Myrabella Wikimedia Commons CC-BY-SA-3.0 & GFDL

„Asylring“ am Eingang zu Notre Dame in Paris: Wer ihn erreichte, entging vorläufig seinen Verfolgern. Foto: Myrabella Wikimedia Commons CC-BY-SA-3.0 & GFDL

Der Winter war kalt in Dresden. Frierend stand oder lief ich einige Male mit meist nur wenigen Menschen, die ein Zeichen gegen die Pegida-Aufmärsche setzen wollten. Oft sah ich keine mir bekannten Gesichter, wenige Menschen nur, die in meinem Alter waren, wenige nur aus der sogenannten bürgerlichen Mitte. Ich erinnere mich an einen Sonntag, an dem wieder nur ein kleines Grüppchen von Menschen auf dem Dresdner Schlossplatz zusammen kam während auf dem benachbarten Theaterplatz mehrere tausend Menschen, den Parolen der Pegida-Aktivisten applaudierten. Weiterlesen